Stand: 17.03.2017 14:22 Uhr

Eine Klage mit europäischer Dimension

Mehr als hundert Jahre nach dem Völkermord im damaligen Deutsch-Südwestafrika hat in New York ein Prozess um Entschädigungszahlungen an die namibischen Volksgruppen Herero und Nama begonnen. Angehörige der beiden Volksgruppen hatten im Januar eine Sammelklage gegen Deutschland eingereicht. In der Klage heißt es, in der Zeit der deutschen Kolonialherrschaft über das damalige Deutsch-Südwestafrika sei zwischen 1885 und 1903 ein Viertel des Landes der Herero und Nama mit Einverständnis der Kolonialbehörden von deutschen Siedlern enteignet worden.

Ein Kommentar von Ferdinand Klien, NDR Info

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Ferdinand Klien findet, dass den Herero und Nama Entschädigungen für die deutschen Kolonialverbrechen zustehen.

Die Annahme ihrer Zivilklage vor einem New Yorker Gericht ist für die Nachfahren der Herero und Nama ein wichtiger Erfolg. Der Völkermord an etwa 65.000 Menschen im damaligen Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 ist eines der dunkelsten Kapitel des wilhelminischen Kaiserreichs vor 1914. Es war der erste Völkermord im 20. Jahrhundert und der Auftakt zu weiteren grausamen Verbrechen, die im Holocaust eine bis heute kaum fassbare Dimension erreichten. Die Kläger in New York verlangen zu Recht eine Entschädigung, weil damals zehntausende Menschen traumatisiert, ermordet und gedemütigt wurden und ihr Land verloren. Im nationalen Bewusstsein Namibias ist der Genozid noch heute ein fester Bestandteil.

Bundesregierung spricht erst 2016 von Völkermord

Auch wenn am Ende ein Urteil gegen die Bundesrepublik Deutschland erfolgt, dürfte es von Berlin unter Berufung auf seine staatliche Immunität nicht anerkannt werden und damit wertlos sein. Das zeigte sich bereits beim Auftakt in New York: Deutsche Vertreter waren nicht erschienen. Erst im letzten Jahr - und das ist auch ein Skandal - sprach die Bundesregierung offiziell von einem Völkermord im Südwesten Afrikas.

Die deutsch-namibischen Beziehungen sind traditionell gut, auch weil seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahre 1990 im Rahmen der Europäischen Entwicklungszusammenarbeit weit über eine Milliarde Euro in das Land floss, um Infrastrukturprojekte zu fördern und den öffentlichen Dienst sowie das Bildungswesen fachlich zu stärken.

Berlin agiert ungeschickt

Doch real ist China wie in den meisten Ländern Afrikas die neue bestimmende Macht, die übrigens wie ein Kolonialherr auftritt. Dies wiederum lässt den sehr hohen deutschen Anteil an den Hilfen in den Hintergrund treten. Auf der diplomatischen Bühne hat sich Berlin mancherlei Ungeschicklichkeit erlaubt und die Vertreter von Nama und Herero ungewollt herabgewürdigt. Seit Ende 2015 sollen es bilaterale Verhandlungen zur Aufarbeitung der Geschichte und zum Umgang miteinander richten. Beide Seiten haben dazu Sonderbeauftragte ernannt.

Menschenrechtsverletzungen: Nicht nur Deutschland betroffen

Diese Gespräche könnten nun ins Stocken geraten. Heute wurde bekannt, dass die namibische Regierung eine Kehrtwende in der Reparationsfrage vollzieht. Bisher hatte sie sich stets von den Klagen distanziert, doch jetzt soll der Generalstaatsanwalt in der Hauptstadt Windhuk eine Klageschrift vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag vorbereiten. Darin geht es um Mord, Sklaverei, sexuellen Missbrauch, Menschenhandel, Landraub und den Verlust der Selbstbestimmung.

Diese Klage hat eine europäische Dimension: Nicht nur Deutschland, auch seine Nachbarn, die noch bis in die 60er Jahre Kolonien in Afrika ausplünderten, müssen die schweren Menschenrechtsverletzungen während ihrer Fremdherrschaft endlich aufarbeiten. Das ist auch eine moralische Frage - nicht nur die einer finanziellen Wiedergutmachung.

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NDR Info | Kommentare | 17.03.2017 | 17:08 Uhr