Stand: 23.08.2017 16:30 Uhr

Diesel-Fahrverbote wären ein übles Szenario

Anfang August saßen beim sogenannten Diesel-Gipfel in Berlin die Chefs der großen Automobilkonzerne in Deutschland zusammen und berieten über einen Ausweg aus dem Diesel-Skandal - möglichst einen, der radikale Fahrverbote in Deutschland verhindert. Das Ergebnis: Software-Updates bei fünf Millionen Diesel der Euronormen 5 und 6 plus Umtauschprämien für die Besitzer älterer Dieselfahrzeuge. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) und das Umweltbundesamt haben den Effekt dieser Sofortmaßnahmen jetzt noch einmal nachrechnen lassen. Das Ergebnis: Software-Updates reichen nicht.

Ein Kommentar von Anja Günther, Leiterin des NDR Hauptstadtstudios Berlin

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Anja Günther meint, dass Fahrverbote dem Image der Automobilbranche am meisten schaden würden.

Weniger alte Diesel auf deutschen Straßen heißt weniger Stickoxide in deutschen Städten. Es ist eine schlichte Formel - und doch so kompliziert. Weil es bei der Frage, wie sich die durch Diesel-Abgase entstandene Luftverschmutzung verringern lässt, immer um dreierlei geht: um die Gesundheit der Bürger, um den Schutz der Umwelt und um die Arbeitsplätze der zentralen deutschen Wirtschaftsbranche, der Automobilindustrie. Das eine gegen das andere auszuspielen, ist dem Ernst der Lage nicht angemessen. Es muss alles zusammen gedacht werden.

Software-Updates und Kaufprämien

Die Vertreter der Automobilbranche denken bisher vor allem an sich selbst. Sie haben auf dem Diesel-Gipfel vor drei Wochen den einfachsten und kostengünstigsten Weg gewählt: Software-Updates für gut fünf Millionen Diesel-Pkw - Kostenpunkt: ca. 150 Euro pro Fahrzeug - sowie Kaufprämien zwischen 2.000 und 10.000 Euro für Autofahrer, die ihren Diesel-Pkw der Schadstoffklasse Euro 4 und älter gegen ein neueres Modell eintauschen.

Solche Prämien einzuräumen, ist kein allzu hohes Risiko. Schließlich gewähren heute schon viele Händler Preisnachlässe in vierstelliger Höhe beim Kauf eines Neuwagens. Außerdem ist völlig unklar, wie viele der etwa 6,4 Millionen alten Dieselautos in Deutschland tatsächlich abgewrackt werden.

Nachrüsten? Zu teuer, zu aufwendig und rückwärtsgewandt

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Nach Dieselgipfel: Hendricks will mehr als Updates

Umweltministerin Hendricks hält ein Software-Update für Dieselautos für unzureichend und verlangt von der Autoindustrie Nachbesserungen der Motoren. Mehr bei tagesschau.de. extern

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hat am Mittwoch Modellrechnungen ihres Hauses und des Umweltbundesamtes vorgelegt, die aufzeigen, wie wenig Software-Updates bei Diesel-Autos in puncto Luftreinhaltung bringen: Die Reduzierung der Stickoxid-Belastung in Städten wird im einstelligen Prozentbereich liegen. Tatsächlich wirkungsvoll wäre nur, die Hardware der Diesel-Autos nachzurüsten. Die Autobranche hat an dieser Stelle abgewinkt - dies sei zu teuer, zu aufwendig und rückwärtsgewandt. Man wolle schließlich neue Diesel-Pkw mit einer wirklich modernen, schadstoffarmen Technik verkaufen.

Warten auf die Abgasstufe Euro 6D

Wenn das mal so einfach wäre: Ministerin Hendricks sah sich jetzt immerhin genötigt, den Autokonzernen eine Mahnung mit auf den Weg zu geben: Die Autohersteller sollten Fahrern von Dieselautos, die ihr altes Modell gegen ein neueres, umweltfreundlicheres eintauschen wollen, nicht die bisher modernsten Wagen der Euro-6-Norm andrehen, weil auch die zu schmutzig seien. Den Autofahrern riet Hendricks, auf Wagen der Abgasstufe Euro 6D zu warten, die ab diesem Herbst zu kaufen sein sollen.

Automobilkonzerne nicht aus ihrer Verantwortung entlassen

Die bisher beschlossenen Maßnahmen und Hendricks' Mahnung zeigen: Die Bundesregierung darf die Automobilkonzerne nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Sie haben Schummel-Software eingesetzt, sind damit für den Abgasskandal verantwortlich - und ergo verpflichtet, den entscheidenden Teil zu dessen Lösung beizutragen.

Imageschaden für die Branche

Aber wenn die Automobilkonzerne schon nicht so sehr an Umweltschutz- und Gesundheitsaspekte denken, sondern an den Gewinn und den - durchaus wichtigen - Erhalt von Arbeitsplätzen, dann sollten sie sich vielleicht einmal fragen, was an dieser Stelle eigentlich das kleinere Übel wäre: eine Hardware-Nachrüstung bei Dieselautos für etwa 1.500 Euro pro Wagen? Oder ab 2018 Diesel-Fahrverbote in zahlreichen deutschen Städten?

Wenn deutsche Gerichte solche Fahrverbote erlassen, was wahrscheinlich ist, werden sich Dieselautos mittel- bis langfristig vermutlich eher schlecht verkaufen lassen. Der Imageschaden für die Branche ließe sich kaum beziffern. Und das wäre, mit Blick auf den Erhalt von Arbeitsplätzen, ein ziemlich übles Szenario.

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NDR Info | Kommentare | 23.08.2017 | 17:08 Uhr