Stand: 05.10.2017 15:59 Uhr

Zart wie Libellenflügel: Papier made in Japan

von Jürgen Hanefeld, Korrespondent im ARD-Studio Tokio

Papier ist ein besonderer Stoff. Jedenfalls in Japan, wo auch Origami, die Kunst des Papierfaltens erfunden wurde. Das echte japanische Papier, Washi genannt, wird aus der Rinde von Maulbeersträuchern gewonnen. Und zwar schon seit tausend Jahren. Einst waren 7000 Betriebe mit der handwerklichen Herstellung von Washi-Papier befasst, aber heute wird es meistens maschinell hergestellt. Auf der Insel Shikoku aber leben zwei Brüder, die das kostbare Papier noch immer per Hand schöpfen. Nur das sei das wahre Washi, sagen sie. Es ist das dünnste Papier der Welt.

Frau Tamagawa ist ihr Aufzug ein bisschen peinlich. Die Bäuerin trägt Arbeitskleidung: Kittelschürze, Kapuze und Strohhut, so wie immer im Feld. Aber nicht, wenn sie Gäste empfängt, noch dazu Ausländer! Dann kommt sie zur Sache. "Wir pflanzen unsere Kozo-Sträucher immer nur an bestimmten Flecken, zwischen Reis, Süßkartoffeln und anderen Feldfrüchten. Kozo gedeiht am besten im Halbschatten."

Papier aus einem hässlichen Strauch

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Frau Tamagawa erntet die Maulbeerbaumsträucher. Und das ist harte Arbeit.

Kozo ist der japanische Name für einen unansehnlichen Strauch, der auf Deutsch "Papiermaulbeerbaum" heißt. Seine peitschenförmigen, bis zu drei Zentimeter dicken Äste kommen direkt aus dem Boden. Wenn die großen Blätter im Herbst abgefallen sind, sagt die 79-jährige Tamagawa-san, schneiden wir die Äste ab. "Eigentlich braucht Kozo keine Pflege. Aber die Ernte ist harte Arbeit. Die Zweige per Hand zu schneiden und abzutransportieren und sie dann im Bottich zu dünsten, ist eine Plackerei. Vier Monate lang, von November bis Februar, machen wir nichts anderes als Dünsten und Schälen. Schön ist nur der Duft!"

 Ein Leben abseits der Welt

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Die Papier-Maulbeersträucher wachsen in den Wäldern der Insel Shikoku.

Wer die alte Frau und ihren noch etwas älteren Mann besuchen will, braucht etwas Zeit. Sie leben in den dichten Wäldern der Insel Shikoku. Vom Hauptort Kochi aus einfach der Route 194 folgen, hatte man uns gesagt, am Ufer des Niyodo-Flusses entlang. Das Gewässer gilt als sauberstes in Japan, klar bis auf den Grund und schimmernd in allen Schattierungen von Mint bis Petrol. Das Tal wird tiefer, die Flanken höher, und dann, nach etwa 40 Kilometern über eine schmale Brücke und dann am Rande eines tosenden Wildbachs hoch und höher, bis man nach fast einer Stunde das Dorf der Tamagawas erreicht. Welche Idylle. Welche Einsamkeit. Welche Schinderei, nur um das beste Papier der Welt liefern zu können.

Ein langsam aussterbendes Handwerk

"Es wird immer teurer. Nicht, weil es kein Kozo mehr gäbe, sondern weil die Bauern aussterben, die es ernten." Hironao Hamada und sein Bruder Osamu gehören zu den besten Kunden der Tamagawas. Und sie halten sie in Ehren. Vor fünf Jahren, erzählen sie, gab es noch 55 Kozo-Bauern, heute nur noch zwanzig. Die Alten sterben aus, jungen Leuten ist die Arbeit zu hart. Auch die Hamada-Brüder gehören zu den letzten ihrer Zunft. Sie können aus den Zweigen des Maulbeerstrauchs in Handarbeit das echte Washi-Papier herstellen. Dabei sie sind erst 40 und 37 Jahre alt, haben das Handwerk vom eigenen Großvater gelernt, der den Ehrentitel trug "Schatz der Nation". Unten im Tal steht ihre kleine Werkstatt.

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Osamu Hamada beim Schlagen der Papiermasse.

 "Die weiße Rinde, die uns die Bauern liefern, wird gekocht und in der Sonne gebleicht, in Quellwasser gewaschen, mit Muschelkalk behandelt, gespalten und gesäubert bis nur noch schneeweiße Flocken übrig sind, wie nasse Watte!" Hironao drückt uns ein Klümpchen davon in die Hand und lässt uns fühlen. Das bisschen ist also übrig geblieben von der störrischen Pflanze. Und nun beginnt der eigentliche Prozess, durch den man begreift, warum Papier "geschöpft" wird.

Das aufwändige Schöpfen des Papiers

Während Bruder Osamu mit einem Stock und kräftigen Schlägen eine Wanne voll weißlichem Wasser durchwalkt, erklärt Hironao, was geschieht. "In dieser Wanne sind drei Bestandteile: Zehn Teile reinstes Quellwasser, ein Teil gereinigtes Kozo und ein kleiner Schuss aus der Okra-Pflanze. Die sorgt dafür, dass die Fasern schweben und nicht auf den Boden sinken. Später beim Trocknen verschwindet das Bindemittel von selbst."

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Das hauchdünne Washi-Papier kann eine Stärke von bis zu 0,03 Millimeter haben.

Vorsichtig versenkt Osamu einen hölzernen Rahmen mit einem feinen Bambussieb im Becken. Das Format entspricht etwa DIN A1. Als er das Sieb heraushebt, zeichnet sich darauf ein hauchdünnes Gewebe ab. Tropfnass wird es auf einem Tisch abgelegt. Und schon jetzt sieht man: Gepresst und getrocknet wird es reinstes, handgeschöpftes Papier. "Dieses Papier hat die Stärke von 0,1 Millimetern. Wenn es sein muss, schaffen wir aber auch 0,03 Millimeter! Wir sind die einzigen, die diese Technik beherrschen, zu der natürlich auch das beste Material gehört."

Papier dünn wie Libellenflügel

Das Ergebnis ist reißfest und zugleich fast transparent. Libellenflügel! Aber wer um Himmels Willen braucht sowas? Hironao lächelt: "Dieses hauchfeine Papier haben wir Japaner ursprünglich für die Deutschen entwickelt. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Schreibmaschine erfunden. Die brauchte besonders glattes und faserarmes Papier. Japan hat dieses Papier in die USA und nach Europa geliefert. Das heißt: Eigentlich hat Japan es nach Deutschland geliefert, und die Deutschen haben es in ganz Europa vertrieben."

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Unser Japan-Korrespondent Jürgen Hanefeld (Mitte) hat die Washi-Brüder besucht.

Damals. Aber heute? Ist echtes Washi-Papier mehr als eine kunstvolle Liebhaberei? Hironao schüttelt mit dem Kopf. "Französische Bibliotheken benutzen unser Papier zum Restaurieren alter Bücher. Viele werden nämlich von einer Säure zerstört, die in der Tinte saß und das Papier angriff, dem sogenannten Tintenfraß." Washi-Papier stoppt den Zerfallsprozess. Es wirkt wie ein unsichtbares Pflaster. Zu den Kunden gehören auch das British Museum, der Louvre und die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar.

Aber von solchen Spezialaufträgen zu leben, fällt den Brüdern schwer. Sie versuchen es nun mit Mode: Designer-Kleidung aus Washi. Die Crux ist: Selbst wenn sie neue Produkte erfinden und neue Kundenkreise erschließen, der Rohstoff, aus dem sie ihr edles Papier schöpfen, wird knapp. Nicht, weil es keine Maulbeersträucher mehr gäbe, sondern weil immer weniger Bauern bereit sind, sich dafür abzurackern. Tamagawa-san klagt: "Seit einem Jahr tun mir der Rücken und die Beine weh. Ich will aufhören, aber mein Mann sagt, in drei Jahren haben wir noch ein schönes Feld mit großen Pflanzen. Und unsere Söhne? Der Ältere lebt in der Stadt, und der Jüngere ... nun ja, wir wollen ihn nicht zwingen." 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 08.10.2017 | 13:30 Uhr