Stand: 05.01.2017 14:42 Uhr

Smartphone first - Das mobile Leben in Kenia

von Antje Diekhans, Korrespondentin im ARD-Studio Nairobi
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Immerhin wird in Kenia mit Handys auch noch wirklich telefoniert.

An der Haltestelle in einem Vorort von Nairobi drängeln sich die Kleinbusse. Die Fahrer und ihre Helfer versuchen lautstark, Passagiere auf sich aufmerksam zu machen. Einige der sogenannten Matatus füllen sich schneller. So wie der Bus von James Najau. "Ich habe Wifi installiert, sagt er. Jeder kann es nutzen."

Und zwar kostenfrei. Während der Fahrt holen die meisten Passagiere schnell ihre Smartphones hervor. Francis Kimani, ein Student, will sehen, ob er neue Nachrichten auf Facebook hat. "Ich mag dieses Matatu, denn es hat genau das im Angebot, was ich brauche. Das Internet funktioniert gut. Ich lade Musik herunter oder nutze es für soziale Netzwerke."

Alles geht per Handy - auch bezahlen

Der Branchenriese Safaricom hat das Projekt gestartet. Das Unternehmen ist Kenias Quasi-Monopolist auf dem Mobilfunkmarkt. Safaricom hat auch ein Bezahlsystem per Handy entwickelt. M-Pesa heißt es - M steht für Mobil, Pesa heißt auf Kisuaheli Geld. 

"3.000 Shilling wollen Sie einzahlen - da brauche ich den Personalausweis", sagt die Angestellte in einem der zahlreichen Kioske in Kenia. Kunden kommen hierher mit ihrem Bargeld und geben ihre Telefonnummer an. Der Betrag wird dann ihrem M-Pesa-Konto gut geschrieben und kann ganz einfach per SMS verschickt werden. Der Empfänger kann sich Bargeld in einer Filiale abholen.

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Begeisterung für die mobile Technik findet sich auch in der einfachsten Hütte.

"Ich nutze M-Pesa, um Geld an Angehörige zu schicken, die weit entfernt leben," sagt ein Kunde. Beispielsweise wenn sie in Schwierigkeiten sind und einfach schnell eine gewisse Summe brauchen. Und nicht nur das: Die Kenianer zahlen mit M-Pesa ihre Stromrechnungen, Bustickets und sogar Strafzettel. Bei Konzerten hängt neben der Kasse eine Handy-Nummer aus, auf die überwiesen werden kann. "M-Pesa gibt es einfach überall“, schwärmt eine Nutzerin. "In den Stadtvierteln, auf den Geschäftsstraßen. Es hat mein Leben sehr viel leichter gemacht, weil es so bequem ist."

Auch Taxis lassen sich mit dem Handy bezahlen

M-Pesa wird auch von Uber genutzt - dem Fahrdienstvermittler. Uber-Taxis lassen sich mit der Handy-Überweisung bezahlen. Das Unternehmen ist in der Hauptstadt Nairobi vor knapp zwei Jahren an den Start gegangen und wächst hier rapide. Zunächst waren für die Mitarbeiter nur ein paar Schreibtische in einem Bürogebäude angemietet worden - jetzt bevölkern sie eine halbe Etage. "Wir haben anfangs an vier Tischen gesessen", sagt Kagure Omonyo, die Uber in Kenia aufbaut. "Dann sind wir immer weiter gewachsen und unser Team ist größer geworden."

Mehrere Hundert Taxifahrer arbeiten inzwischen in Nairobi mit Uber zusammen. Es gibt schon eine Zweigstelle an der Küste, weitere sollen folgen. Bis Uber auf dem Land in Kenia ankommt, wird es aber wohl noch dauern. Hier nutzen die Menschen ihr Smartphone eher für andere Zwecke. Es gibt eine App speziell für die vielen Kleinbauern, erklärt John Kieti von M-Lab, einem jungen Technologie-Unternehmen. "Sie sagt ihnen, wie hoch der Preis für Gemüse im Moment ist. Wenn ein Zwischenhändler vorbeikommt, dann sind sie besser informiert." Und können realistische Preise verlangen statt wie früher häufig über den Tisch gezogen zu werden.

Auch Kenia hat sein Silicon Valley

John Kietis Unternehmen ist Teil von Kenias "Silicon Savannah", wie die inzwischen zahlreichen Softwareschmieden und Technologieunternehmen in der Hauptstadt genannt werden. Hier beschäftigen sich junge Kreative damit, neue Anwendungen für das Internet und vor allem für Smartphones auszutüfteln. Eric Hersman, Gründer eines dieser Kreativzentren: "Der große Unterschied zwischen Kenia und ganz Afrika und dem Rest der Welt ist: Hier kam der Mobilfunk zuerst. Das ist ein ganz anderes Denkmodell. Die Leute gehen von Kindheit an über ihr Handy ins Internet und nicht über Computer."

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Smartphones und Tablets gehören zum Schulalltag in Kenia dazu.

Obwohl in Kenia viele Menschen mit einem geringen Einkommen zurechtkommen müssen, sind Handys auch in den Slums weit verbreitet. 90 Prozent der Bevölkerung haben ein mobiles Telefon. Nicht unbedingt immer ein topaktuelles Smartphone, aber doch ein Handy, das sie nicht nur zum Telefonieren und für SMS benutzen. Fast die Hälfte aller Internetabrufe in Kenia erfolgt über Smartphones.

"Ich glaube nicht, dass ich auf mein Handy verzichten könnte, nicht mal für einen Tag," sagt eine Studentin, die sich zur bestandenen Prüfung gerade ein neues Modell geleistet hat. "Würde es gestohlen, würde ich es morgen ersetzen, vermutlich durch eine billigere Version." Da ist sie wahrscheinlich nicht viel anders als viele junge Leute in Deutschland.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 08.01.2017 | 13:30 Uhr