Stand: 13.04.2017 17:41 Uhr

Die deutsche Seemannsmission in Alexandria

Ägypten, das ist, folgt man den Nachrichten der vergangenen Wochen, derzeit kein Land, in dem es sich gut und unbesorgt leben lässt. Auch in Ägypten schlägt die Terrorgruppe "Islamischer Staat" immer wieder zu. Ziel sind vor allem koptische Christen, eine Minderheit, die lange Zeit friedlich mit der muslimischen Mehrheit zusammen lebte. Aber nun bricht vieles auseinander. In Alexandria versucht die christliche deutsche Seemannsmission trotz der widrigen Umstände Gutes zu tun. Was bedeutet, vor allem Seeleuten beizustehen, die im Hafen von Alexandria ankommen und erschüttert sind, weil im Mittelmeer vor ihren Augen Flüchtlinge ertrunken sind und sie nicht mehr helfen konnten.

Ein Bericht von Anna Osius, Korrespondentin im ARD-Studio Kairo

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Markus Schildhauer und Karin Streicher kümmern sich in Alexandria um Seeleute, die Beistand brauchen nach ihren Erlebnissen auf dem Mittelmeer.

Tosend brechen sich die Wellen des Mittelmeeres an der Küste von Alexandria. Draußen am Horizont sind einige große Frachtschiffe zu sehen, die den Hafen von Alexandria ansteuern. Markus Schildhauer kann das genau verfolgen - eine App auf seinem Handy zeigt ihm, welche Schiffe gerade wo unterwegs sind und demnächst in den Hafen einlaufen.

Der 57-jährige Münchner leitet die deutsche Seemannsmission in Alexandria. Regelmäßig ist er im Container-Hafen, geht an Bord der Frachter aus aller Welt und spricht mit den Seeleuten. "Ich bin von Haus aus Kaufmann und habe die vergangenen 20 Jahre als Geschäftsführer von Firmen gearbeitet. Ich habe jetzt nichts mehr zu verkaufen, aber für mich ist das eine sehr bewegende Erfahrung, die ich mit den Seeleuten mache."

Hilfe und Ankerplatz nicht nur für Gestrandete

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Im übertragenen Sinne ist die Seemannsmission in Alexandria oft auch ein Rettungsring für die Seeleute, die Zuspruch benötigen.

Zusammen mit seiner Frau Karin betreibt Markus Schildhauer das Seemannsheim in Alexandria - einen Ankerplatz für alle, die mal raus wollen aus dem ägyptischen Alltag, sagen die beiden. Ein Ort für den, der einen Schlafplatz in Alexandria braucht oder einfach Kontakt zur christlich-deutschen Gemeinde in Ägypten sucht.

Ursprünglich auch ein Platz für Seeleute aus aller Welt, doch seit einigen Jahren kommen diese in Alexandria aus Sicherheitsgründen nicht mehr raus aus dem Hafen. Deshalb fährt Markus zu den Frachtschiffen hin, geht an Bord. "Wir heißen zwar Seemannsmission, hier in Ägypten allerdings offiziell nicht Mission, weil das in einem muslimischen Land falsch aufgefasst werden könnte. Hier sind wir ein Seefahrerzentrum. Aber wir kümmern uns um jeden Seemann, egal welcher Religion. Bei uns steht nicht die Religion im Fokus, sondern der Mensch. Es gibt viele, die an Bord kommen, wenn ein Schiff im Hafen liegt, viele Kontrollen, alle wollen etwas von den Seeleuten. Und wenn ich dann an Bord komme, sagt der Wachhabende durch sein Funkgerät "Seamen mission on bord", und man merkt, wie ein Lächeln durch die Menschen geht, weil ich nichts von den Seeleuten will. Ich bin für sie da."

Erster Ansprechpartner ist immer der Koch

"An Bord unterhalte ich mich in der Regel als erstes mit dem Koch, denn der weiß alles, was an Bord vor sich geht. Und dann kommen immer Leute." Das wichtigste Thema für die Seeleute sind die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer. Kaum eine Crew, die nicht ein Boot - vollbesetzt mit afrikanischen Flüchtlingen auf dem Weg nach Europa - gesehen hat, viele davon in Seenot. Die Seeleute der Handelsschiffe versuchen den Flüchtlingen zu helfen, doch oft vergeblich, erzählt Schildhauer: "So ein Containerschiff hat eine Bordwand von 20 Metern, die glatt nach oben verläuft. Es gibt eine Gangway, aber auf der haben nur wenige Menschen Platz, sonst gerät sie so in Schwingung, dass Menschen abstürzen. Und das passiert oft während der Rettungsmaßnahmen, dass Menschen ins Wasser fallen und ertrinken. Das sind Bilder, die kein Mensch erleben will."

Traumatisiert, zweifelnd, äußerst niedergeschlagen - so erlebt Schildhauer oft die Seeleute, wenn er zu seinen Besuchen an Bord kommt. "Heiligabend wollte ich an Bord einen schönen Gottesdienst feiern, Weihnachtslieder singen, aber ich erlebte die Crew sehr niedergeschlagen. Und dann stellte sich raus: Sie hatten kurz vorher ein Flüchtlingsboot auf dem Meer gefunden - und fast alle Menschen sind vor ihren Augen ertrunken."

Einsamkeit und "Seeblindheit"

Neben den Flüchtlingen ist es die Einsamkeit, die den Seeleute am meisten zu schaffen macht. Viele sind monatelang auf den Handelsschiffen unterwegs, Telefonate in die Heimat sind nur kurz vom Hafen aus möglich. "Wir haben eine Art 'Seeblindheit' in Deutschland. Wir wissen zwar, dass das Glas auf dem Tisch von irgendwo herkommt, aber es sollte uns bewusst sein, dass dahinter Menschen stehen, die auf den Schiffen unterwegs sind und damit Erlebnisse und Entbehrungen verbinden."

Finanziert wird die Arbeit der Seemannsmission zum Großteil von der Evangelischen Kirche in Deutschland. 16 deutsche Seemannmissionen gibt es im Ausland, demnächst müssen bis zu sechs möglicherweise aus Kostengründen schließen.

Kraft tanken in der Ruhe-Oase

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Unter freiem Himmel: Abendbrotzeit in der deutschen Seemannsmission im ägyptischen Alexandria.

Das Seemannsheim, das Zuhause von Markus und Karin, liegt in Alexandria in einer ruhigen Seitenstraße, nicht weit vom Stadtzentrum entfernt. Hinter der Pforte öffnet sich eine andere Welt - raus aus dem ägyptischen Alltag, dem Verkehrslärm und Chaos - eine Oase der Ruhe und des Grünen. Nur die benachbarte Bahnlinie und ein nahegelegenes Gefängnis lassen manchmal noch Lärm von draußen eindringen.

Markus' Frau, Karin Streicher, eigentlich eine gelernte Altenpflegerin, kümmert sich liebevoll um die alte Villa, in der die Seemannsmission seit den 50er-Jahren untergebracht ist. Die Bundesrepublik Deutschland hat damals das Grundstück gekauft, um der christlichen Seemannsmissionsarbeit in Ägypten ein Zuhause zu geben. "Da muss ständig was repariert werden, das ist eine alte Dame, die gepflegt werden muss. Und ja, mit pflegen kenne ich mich aus, das lohnt sich", sagt Streicher.

Bei einem Auslandseinsatz in Kamerun in den 90er-Jahren lernten Streicher und Schildhauer das dortige Seemannsheim kennen und schätzen. Daraus entstand der Traum, selbst einmal ein solches zu leiten, erzählt Streicher: "Ich habe mir einen Wunsch erfüllt, und ich denke, es gelingt uns, die Seele des Seemannsheims weiterzugeben. Ein Ort, an dem man sich wohlfühlen kann, an dem alle willkommen sind, an dem man ein Stück Deutschland erfahren kann."

"Die Seemannsmission war immer ein Ort des Lebens"

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Die Seemannsmission will ein Ort sein, an dem auch der Spaß nicht zu kurz kommen soll.

Das deutsche Ehepaar lebt hier Tür an Tür mit ihren Besuchern, die in Gästezimmern im Obergeschoss untergebracht sind. Morgens gibt es Frühstück mit frischen Eiern von eigenen Hühnern, abends nach dem deutschen Abendbrot mit selbst gebackenem Brot holt Schildhauer den selbstgebrannten Obstschnaps raus. In alten Zeiten, vor vierzig, fünfzig Jahren, saßen hier abends schon mal bis zu 100 Seemänner, erzählt Streicher: "Die Seemannsmission war immer ein Ort des Lebens. Wir feiern hier auch viele Feste, nach den Gottesdiensten, die Gäste feiern mit uns."

Als Christen in Ägypten

Als Christen in Ägypten zu leben, ist für Schildhauer und seine Frau kein Problem. Sie haben sich hier noch nie unwillkommen gefühlt, sagen sie. Auch wenn Streicher neulich - am Palmsonntag - nicht weit entfernt vom Terror war: Sie war zufällig in der Innenstadt unterwegs, als vor der St. Markus Kirche eine Bombe explodierte - ein Selbstmordattentäter sprengte sich in die Luft und riss 17 Menschen mit in den Tod. Ein Schock, nicht nur für Alexandria.

Dennoch: Das "Seemannsmissions-Ehepaar" fühlt sich in Ägypten absolut sicher, sagen beide - auch als Christen. Und ihr Glaube hat sich hier in Ägypten noch mal gestärkt, sagt Streicher: "Das ist für mich die Auseinandersetzung mit einer ganz anderen Religion. Wir diskutieren viel darüber, auch darüber, wie wir in Deutschland mit dem Islam umgehen. Man setzt sich mit seiner eigenen Religion viel mehr auseinander, mir ist hier meine Religion viel bewusster geworden."

"Ein Ankerplatz für die Seele"

Und Schildhauer ergänzt: "Mein Glaube hat mich schon immer begleitet. Hier bin ich sozusagen Glaubenshelfer, wenn ich an Bord Gottesdienste feiere. Ich habe immer auf meinem Smartphone ein paar Kirchenlieder dabei, dann können die Männer mitsingen. Der Kapitän eines Schiffes sagte mal zu mir: Ich bin Atheist, ich komme nicht zum Gottesdienst - und der Erste Offizier sagte das auch. Beide waren beim Gottesdienst dabei und als es um die Segnung der Kabinen ging, sagte der Erste Offizier: Also, meine Kabine dürfen Sie ruhig auch segnen!"

Und eines wünschen sich das deutsche Ehepaar in Alexandria für die Zukunft: dass die Seemannsmission in Ägypten noch lange weiter das sein kann, was den beiden wichtig ist: ein Ankerplatz, auch für die Seele.

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NDR Info | Echo der Welt | 16.04.2017 | 13:30 Uhr