Stand: 19.09.2017 15:53 Uhr

Wie rasant wandelt sich die Welt wirklich?

In Zeiten des Bundestagswahlkampfs hören wir derzeit viel von einer Welt, die sich rasant wandle, die im Umbruch sei und die Stabilität brauche. Aber stimmt das denn? Ist der Wandel wirklich so rasend?

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Es galt früher, und es gilt heute: Nichts ist so sicher wie der stete Wandel!

Irgendwie hat man sich im Laufe des Wahlkampfs auf eine gemeinsame Prämisse geeinigt: Die Welt ist aus den Fugen geraten, ist unsicher wie nie und überhaupt drastisch, wenn nicht sogar dramatisch im Wandel.

Da fragt man sich doch ab und zu, ob es auch eine Nummer kleiner geht. Die Welt ist ja wohl nicht gleich aus den Fugen, nur weil ein Donald Trump durchs Weiße Haus kaspert, die Türkei eine Reisewarnung für Deutschland rausgibt und Hannover 96 vor Bayern München steht. Aber nichts ist so dankbar zu beackern wie unser Muffensausen vor einem rasantem Wandel.

Wenn jetzt auch noch die Regierung wechselt, so die Botschaft aus dem Kanzleramt, ist das letzte Halteseil zum Vertrauten gekappt und ihr stürzt in die dunklen Wogen der Ungewissheit.

Logo von NDR Info und das Gesicht einer Frau © f1online

Früher war keinesfalls alles besser

NDR Info - Auf ein Wort -

Ist der Wandel auf dieser unserer Welt wirklich so rasend? Oder ist das ganz einfach nur Wahlkampfgerede im Moment? Detlev Gröning bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Aber ist der Wandel wirklich so rasant? Wie wäre es mit einem Gedankenspiel, in dem wir so tun, als hätten wir 1965 jemanden aufgetaut, den wir 1915 eingefroren haben. Den hätte man doch keine drei Minuten alleine lassen können - der wäre so orientierungslos durch Lüneburg geirrt wie Tarzan durch New York.

Jetzt wecken wir jemanden auf, den wir 1965 zum Dornröschenschlaf gebettet haben. Dessen heutiges Erweckungserlebnis fällt nicht mal halb so spektakulär aus: Die CDU regiert immer noch, im Radio laufen die Stones, in den Nachrichten wird nach einer Lösung des Nahost-Konflikts gesucht, und selbst der Kalte Krieg hat die Jahrzehnte überstanden, auch wenn wir den heute nicht mehr so nennen.

Okay, unser Wie-Neugeborener schnallt sich nicht an, qualmt im Restaurant, gibt Zwischengas beim Runterschalten und fingert kurz vor Helmstedt nach seinem Reisepass. Aber sonst? Eine Woche Crashkurs, dann ist der wieder im Bilde. Für den Kollegen aus Kaisers Zeiten war der Wandel deutlich rasanter.

Auf eine Idee kommen nach kürzester Zeit allerdings beide nicht: dass früher alles irgendwie übersichtlicher, gemütlicher und besser war. Für die Erkenntnis würde es bereits ausreichen, in allen drei Epochen mal zum Zahnarzt zu gehen.

Aber eine Unsicherheit bleibt, das muss man zugeben: Letzte Woche war Sturm, am Sonntag goss es Bindfäden, aber heute Morgen war es wieder wolkenlos. Wenn es jetzt am Wahlsonntag neblig ist oder sogar hagelt, dann hatten unsere beiden Kanzlerkandidaten doch noch recht: Die Welt da draußen ändert sich rasant.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 19.09.2017 | 18:25 Uhr