Stand: 22.09.2017 15:34 Uhr

Stoppt endlich die Schönfärberei des Herbstes!

Überraschung! Auch in diesem Jahr beginnt der Herbst am 22. September. Und passend dazu scheint in Norddeutschland auch noch die Sonne. Doch muss man denn dem Herbst unbedingt etwas Schönes abgewinnen? Ist der vermeintlich "goldene Herbst" wirklich ein Grund zur Freude?

Eine Glosse

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Die Blätter fallen von den Bäumen und sind dann weg. Was ist denn daran eigentlich schön?

Zugegeben: Noch kann man es verdrängen. Noch kann man mit den letzten warmen Sonnenstrahlen auf der Haut die Augen fest zudrücken und sich vormachen, dass alles nicht so schlimm kommt. Aber nicht mehr lange. In den Kitas legen sie schon das Pergament-Papier bereit - zum Blätter-Pressen. In den Grundschulen holt man die Gedichte hervor: über den Herbst, den frohen Malersmann, der die Blätter so schön bunt anpinselt. Und die Erwachsenen mühen sich murmelnd um den Herrn von Ribbeck aus Ribbeck im Havelland, - richtig: ein Birnbaum in seinem Garten stand. Und dann ist sie auch schon da, die ach so goldene Herbsteszeit. 

Oberwasser für die Freunde des Dämmerlichts

Weichgezeichnete Herbst-Romantik quillt aus allen Knopflöchern, selbst der Jazz-Fan holt die alte "Autumn leaves"-CD aus dem Regal, um zwischen Moll- und großen Sept-Akkorden mal so richtig melancholisch abzuhängen. Jetzt haben sie Oberwasser, die Freunde des Dämmerlichts. In permanenter Selbstsuggestion beschwören sie die eine Botschaft: Eigentlich ist der Herbst doch richtig prima. Von wegen!

Eine junge Frau geht durch eine Baumallee in Hannover. © dpa - Bildfunk Fotograf: Peter Steffen

Stoppt den Herbst!

NDR Info - Auf ein Wort -

Das Laub färbt sich, die Tage werden kürzer: Für manche ist der "goldene Herbst" die schönste Zeit des Jahres. Marcel Güsken gehört nicht dazu. Er bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Faulig-müffelnde Komposthaufen

"Einspruch!", möchte man diesen Lobbyisten des Niedergangs zurufen: Auch wenn der Herbst seine Kritiker mit ein paar Sonnentagen einzulullen versucht, lässt sich die unangenehme Wahrheit nicht verdrängen. Der Herbst, das ist Dunkelheit, kalte Feuchtigkeit, rottende Fäulnis. Nicht das rot-schimmernde Ahornblatt ist das treffende Symbol, sondern der faulig-müffelnde Komposthaufen. Und nicht das melancholische Saxofon aus "Autumn leaves" begleitet uns durch diese Jahreszeit, sondern das penetrante Gefauche der Laubbläser, die mit Schallgeschwindigkeit eine übel riechende Mischung aus Straßendreck und Kleingetier in die Vorgärten pusten.

Was sind das für Leute, die diese Stimmung mögen? Es sind dieselben, die am Wochenende in den Todesanzeigen blättern. Oder die, die ihren Kindern bei Starkregen Spaziergänge verordnen - mit der "Es-gibt-kein-schlechtes-Wetter-sondern-nur-falsche-Kleidung"-Legende auf den Lippen.  

Das graue Alltagsgesicht des Herbstes

Und warum verschweigen all die schönen Herbstgedichte das graue Alltagsgesicht der Jahreszeit? Weil sich auf "Grippeschutz-Impfung" so schlecht ein Reim finden lässt? Betritt man in diesen Wochen eine U-Bahn oder einen Regionalzug, grinsen einen schon die Viren an: "Wir kriegen Euch alle", ist die Botschaft. "Herr von Ribbeck aus Ribbeck im Havelland, eine Großpackung Nasentropfen auf seinem Nachttisch stand." Solche Poesie ist von der Lobby der Herbst-Versteher nicht gewünscht.

Auch aus der Politik ist kaum Hilfe zu erwarten. Zwar ließen sich möglicherweise im Osten ein paar besorgte Bürger aufwiegeln, die mit "Herbst, hau ab!"-Schildern demonstrieren. Aber die konsequente Forderung nach einem Herbst-Aus ist offenbar allen Parteien zu heikel, selbst den Exoten, die sonst das Ende der Schwerkraft versprechen.

Nässe, Kälte, Dunkelheit - das ist die Wahrheit

Nein, natürlich ist der Herbst nicht zu stoppen, wohl aber die Schönfärberei. Nässe, Kälte, Dunkelheit: Das ist die ganze Wahrheit über den Herbst. Und wer Melancholie hier für eine angemessene Reaktion hält, ist eine ausgesprochene Frohnatur.

Tiefe Depression ist die Stimmung der Saison, schwarze Traurigkeit das Gefühl der Wahl, vor allem, wenn man an die Perspektive denkt. Denn nach dem Herbst kommt der Winter, es wird noch kälter, noch dunkler, schon weht der Dunst von billigem Glühwein herüber - und lässt uns schaudern: Bald schon kommt sie, furchterregend und doch unabwendbar - die Zeit der Weihnachtsmärkte.

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Der Herbst beginnt teils grau, teils sonnig

Am Freitag ist kalendarischer Herbstanfang und der wird so wie der Sommer aufgehört hat: durchwachsen. Aber mit etwas Glück könnte uns der Herbst noch goldene Tage bescheren. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 22.09.2017 | 18:25 Uhr