Stand: 02.12.2015 15:20 Uhr

Mal was Neues: Ein Spielabbruch aus Langeweile

Ausgerechnet Mauretanien, ein Zwergstaat in Nordwestafrika, hat dem Fußball jetzt wichtige Impulse gegeben. Niemand müsse öde Spiele aushalten, befand der dortige Präsident Mohamed Ould Abdel Aziz - und ließ eine langweilig anzusehende Partie auf der Stelle abbrechen.

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Wer braucht schon Schiedsrichter? Mauretaniens Präsident Mohamed Ould Abdel Aziz hat auch auf dem Fußballplatz das Sagen.

"Ein Tor würde dem Spiel jetzt gut tun" - die Älteren werden sich erinnern: Heribert Faßbenders legendäre Kondolenzadresse an den darbenden Zuschauer, wenn dessen Begeisterung über das Testspiel unserer Nationalmannschaft wieder mal neue Rekordtiefstände erreichte.

Um die Partie "Not gegen Elend" vor der Fernbedienung zu retten, verständigte sich die Kommentatoren-Szene später auf eine positive Sprachregelung: "Beide Mannschaften stehen kompakt und lassen wenig zu", lobt man heutzutage das öde 0:0 im zermürbenden Fehlpassfestival.

Während die westliche Demokratie solche Spiele einfach aushalten muss, macht eine islamische Präsidialrepublik kurzen Prozess mit dem Grottenkick. Der Staatschef auf der Tribüne erkennt auf "langweiliges Spiel" - und ordnet in der 55. Minute ein Elfmeterschießen an, um das Leiden im Mittelfeld nicht unnötig zu verlängern. Bravo! Das ist Mitgefühl, von dem sich UEFA und christliches Abendland mal eine Scheibe abschneiden können. Tu felix Mauretania, wie der Österreicher sagen würde.

Doch anstatt mit breiter Brust zu seiner Tatsachenentscheidung zu stehen, eiert sich der mauretanische Fußballverband durch anderweitige Begründungen: Das Kamel vom Linienrichter hätte im Halteverbot gestanden, ein Sandsturm gedroht, der Elektriker an den Sicherungskasten fürs Flutlicht gemusst oder ähnliches.

Damit vergab man die perfekte Gelegenheit, der in Auflösung befindlichen FIFA eine überfällige Reform durch die Hosenträger zu schießen; gerade noch rechtzeitig, bevor bei uns am Wochenende wieder die Regionalliga Nord angepfiffen wird.

Da hat man sich doch auch schon gewünscht, dass ein mutiger Ministerpräsident den Abwärtsdaumen in den Sprühregen hält und dem Schiri anzeigt: Noch eine Flanke ins Nirgendwo, dann ist hier Feierabend.

Vielleicht würde der Fußball damit zum kulturellen Vorreiter. Nehmen Sie nur mal so ein Buch, wo Sie auf Seite 70 wissen: Da kommt nix mehr, das ist Zeitverschwendung. Trotzdem wollen Sie das Endergebnis wissen. Dafür gibt es dann auf dem Einband ein Rubbelfeld, und da drunter steht dann: "Außer Mary überleben alle" oder "Sie heiraten nicht, bleiben aber gute Freunde". Quasi ein literarisches Elfmeterschießen.

Irgendwann beginnen langatmige Witze mit dem letzten Satz, und auch im Kino geht exakt in dem Moment das Licht an, als man gerade den Heribert Faßbender im Logenrang geben wollte: "Ein Abspann würde dem Film jetzt gut tun."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 02.12.2015 | 18:25 Uhr