Stand: 07.12.2017 17:32 Uhr

Liebeserklärung an die neapolitanische Pizza

Die Italiener wussten es schon lange, nun ist es offiziell: Die Pizza gehört zum Kulturerbe der Menschheit - jedenfalls die aus Neapel. Die UNESCO hat die "Kunst des neapolitanischen Pizzabäckers" jetzt in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Eine Glosse von Jan-Christoph Kitzler, Hörfunk-Korrespondent in Rom

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Tomaten, Mozzarella und Basilikum - mehr braucht es nicht, um mit einer Pizza glücklich zu sein!

Große Kunst braucht nicht viel Drumherum. Ein tolles Bild hängt man am besten in einen schlichten Raum - etwas Licht reicht, und es wirkt von ganz allein. Gute Musik genießt man am besten mit geschlossenen Augen - wie ein Sänger seinen Mund aufmacht, was eine Musikerin trägt, das lenkt da nur ab.

Mit Mozzarella oder ohne?

Und mit der neapolitanischen Pizza ist es genauso: Die beste gibt es in Läden, die so weit weg von moderner Eventgastronomie entfernt sind wie die Weißwurst vom Äquator - oder so ähnlich.

Da gibt es ein paar Tische und Stühle, die so grobschlächtig aussehen, als würden sie schon von Anbeginn der Welt hier stehen. Wenn man Glück hat, gibt es etwas Papier als Unterlage. Man muss auch nicht lange mit dem Kellner reden, denn es gibt eh nur ein paar wenige Sorten Pizza. Mit Mozzarella oder ohne - das ist hier die Frage. Und: Bier oder Cola dazu?

Eine Gruppe von Pizzabäckern präsentiert am 06.12.2017 in Neapel (Italien) eine Pizza Margherita. © dpa bildfunk Fotograf: Fabio Sasso

Eine echte Pizza ist ein Kunstwerk

NDR Info - Auf ein Wort -

Pizza gehört nun zum Kulturerbe der Menschheit. Die UNESCO nahm die "Kunst des neapolitanischen Pizzabäckers" in ihre Liste auf. Jan-Christoph Kitzler bittet auf ein Wort.

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Der Pizzaiolo mit seinen Riesenpranken ...

Und dann geht der echte Held des Abends seinem Handwerk nach. Seit dieser Woche darf er sich offiziell "Künstler" nennen. Der Pizzaiolo hat da schon stundenlang den Teig geknetet. Und der hat natürlich genau die richtige Konsistenz, sodass der Pizzaiolo mit seinen Riesenpranken auf dem bemehlten Marmortisch einen immer größerer Fladen formt. Pizzaioli mit Showtalent wirbeln den Teigfladen dafür durch die Luft - aber das muss nicht sein.

Schnelles Kunstwerk aus dem heißen Ofen

Dann wird mit tausendfach geübtem Schwung die Tomatensoße verteilt, eventuell der Mozzarella, und dann wird das Ganze mit der Präzision eines Golfchampions, nur lässiger, schneller, fast nebenbei in den Ofen bugsiert, der schon Stunden vorher angeheizt wurde. Denn eine gute neapolitanische Pizza mag es heiß, und kurz - 60, 70 Sekunden maximal. Dann ist das Kunstwerk fertig.

Zugegeben: Eine Pizza, dieser blasse Teigfladen, rot und weiß obendrauf, ist keine Schönheit. Aber wer hineinbeißt, der lernt vielleicht, was wahre Schönheit ist. 

Neapel und seine Bewohner sind "crazy"

Pizza isst man auf der ganzen Welt, aber es ist kein Wunder, dass sie aus Neapel kommt - dieser Stadt, die man neudeutsch "crazy" nennen darf. Die Bewohner Neapels wursteln sich alle so durch, im Chaos, im Dreck, im Krach - und mittendrin haben sie den Blick für die kleinen, großen Schönheiten noch nicht verloren.

Wenn man mit einem Neapolitaner darüber spricht, was eine gute Pizza ausmacht, dann hört er mit dem Schwärmen gar nicht mehr auf. Dann werden die Augen feucht. Und es ist dann nur noch ein kleiner Schritt, bis man zusammen am Tisch sitzt.

Die Kunst liegt in den kleinen Dingen

Wenn jetzt die UNESCO die Kunst der neapolitanischen Pizzabäcker zum Kulturerbe erklärt, dann kann es sein, dass die Hochkulturfetischisten die Nase rümpfen und herabschauen auf den Teigfladen.

Dabei kann man von Neapel und seiner Pizza viel lernen: Die Kunst liegt in den kleinen Dingen. Nur der, der sich ihr mit Leidenschaft nähert, entdeckt ihre wahre Schönheit. Um sie zu genießen, braucht man keinen Tempel, keine Pracht. Neonröhren, schäbige Tische und Stühle, Bier oder Cola reichen.

Hauptsache der Ofen ist schön heiß. Und Hauptsache, davor steht ein neapolitanischer Pizzaiolo. Er kann stolz sein. Er ist ein Künstler.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 07.12.2017 | 18:25 Uhr