Stand: 11.03.2016 16:35 Uhr

Das deutsche Fernsehen überrascht uns nie

Welche Bilder fallen Ihnen spontan ein, wenn Sie das Wort "Ausbildungsplatz" hören? Junge Frauen, die das Verwaltungsfach lernen? 20-jährige Zimmerleute auf Wanderschaft? Die Auszubildende beim Rechtsanwalt oder die Lernschwester im Krankenhaus? Im Fernsehen werden irgendwie immer die gleichen Bilder gezeigt ...

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Langweilig: Schaltet man das Fernsehen ein, sieht man viel zu oft Stereotypen.

Es sind ja immer wieder unschöne Szenen, die uns erreichen, wenn im Fernsehen von "Ausbildungsplätzen" die Rede ist. Gestern Abend habe ich wieder mit meinem Sascha gelitten. Keine Ahnung, wie er wirklich heißt, aber der Junge ist mir in ungezählten Nachrichtenfilmen so ans Herz gewachsen, dass er irgendwann einen Namen haben musste. Der hat so einen Ausbildungsplatz, und wir Zuschauer wissen, was das bedeutet: er feilt!

Vornüber gebeugt steht er da in seinem Blaumann und fiedelt an einer quadratischen Aussparung in einem zentimeterdicken Stahlplättchen herum. Spätestens 2018 rechne ich damit, dass er sich an die Herstellung des Komplementärteils macht, welches sich in dieses Loch so nahtlos einfügen muss, dass nicht der winzigste Schimmer das strenge Auge des Werkstattleiters erreicht, wenn er das Gebilde vors Licht hält. Ansonsten heißt es: "Da passt ja ein Elefant mit durch", und mein Sascha darf sich aus der Materialkiste den nächsten Eisenklumpen angeln und wieder von vorne anfangen.

Im Fernsehen wird das düstere Geschrubbe von glockenhellen Texten zum deutschen Ausbildungssystem oder neuesten Zahlen der IHK begleitet, aber all das erreicht mich längst nicht mehr. In Gedanken stehe ich neben meinem Sascha in der zugigen Halle mit dem Geruch von Kühlwasser und verkokelten Stahlbohrern, dem kaltblauen Sirren der Neonröhren, dem atonalen Gesinge und Gepfeife des Altgesellen und dem Ausbilder im Nacken, der mit gezücktem Meßschieber die klobigen Schraubstöcke abschreitet.

Im Fernsehen steht dieses aschgraue Stilleben für "Qualifikation", aber mein Sascha kriegt's einfach nicht hin. Sie sehen's ja selbst. Dabei muss er noch die Vier-Millimeter-Gewinde in eine Lochplatte quietschen, ohne dieses "Knick!" wenn der Schneider abbricht, und dann wird ein Schlosserhammer gefeilt. Ganz wichtig, damit er sich zu helfen weiß, falls mal sämtliche Baumärkte gleichzeitig abbrennen.

Vielleicht fehlt dem Sascha auch einfach der Anreiz dahin aufzusteigen, wo im Wirtschaftsbericht von "Arbeitsplatz" die Rede ist. Das ist da, wo jemand mit dem 40er-Maulschlüssel an einer mannshohen Turbine so lange herumschraubt, bis es in den Kurznachrichten um den demografischen Wandel geht, und er mit seiner Kohorte als Standbild eines Eckrentners auf die Parkbank darf.

Aber bis dahin fliegen noch viele Eisenspäne durch Tagesthemen und heute-journal, so wie gestern, als sich ein Arbeitsmarktexperte fragte, ob lernwillige Jugendliche aus fremden Kulturen wohl wüssten, was sie in Deutschland erwartet. Spätestens nach einer Woche Fernsehen wissen sie es: die Feile.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 11.03.2016 | 18:25 Uhr