Stand: 27.07.2016 15:58 Uhr

Abschiedskultur für Flüchtlinge - geht's noch?

Das Wort "Willkommenskultur" war im vergangenen Sommer stark angesagt. In diesem Jahr wird es nicht mehr so oft benutzt. Im Gegenteil: Jetzt werden erste Forderungen laut nach einer Abschiedskultur für Flüchtlinge - zum Beispiel von CDU-Innenpolitiker Armin Schuster.

Eine Betrachtung von Udo Schmidt, NDR Info

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Lang ist's her: Im vergangenen Sommer wurden viele Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Deutschland freundlich begrüßt.

Wir alle erinnern uns an die winkenden Menschen an Flughäfen und Bahnhöfen, die eintreffenden syrischen Flüchtlingen applaudierten, ihnen Teddybären schenkten und grundsätzlich zeigen wollten, dass Deutschland in seiner deutlichen Mehrheit Menschen, die aus großer Not fliehen, positiv gegenüber steht.

Der Applaus erschien manchmal etwas übertrieben, ein wenig zum Fremdschämen, aber es war schon gut, was da entstand: nämlich die Willkommenskultur. Das deren Strahlkraft schnell verblassen würde, war damals schon klar. Was bald alles geschehen, geradezu hereinbrechen würde, nicht.

"Wir schaffen das" vs. "Wir schaffen euch raus"

Nun folgt den zahlreichen, fürchterlichen Attentaten, mal mit, mal ohne islamistischen Hintergrund, mal von Flüchtlingen ausgeführt, mal nicht, die Forderung nach einer Abschiedskultur. Abschiedskultur? Was ist das denn in diesem Zusammenhang? Ist das der Versuch, der angestrebten schnellen Abschiebung vieler nicht anerkannter Asylbewerber ein zart klingendes Mäntelchen überzuhängen? Soll dem "Wir schaffen das" der Kanzlerin aus dem vergangenen Jahr nun ein deutliches "Wir schaffen euch raus" entgegengestellt werden?

"Abschied ist ein bisschen wie Sterben", hat Katja Ebstein 1980 gesungen und dabei sicher nicht geahnt, wie prophetisch ihr Lied später einmal werden würde. "Abschied ist ein scharfes Schwert", setzte Roger Whittaker 1984 praktisch noch einen drauf. Ähnlich aktuell.

Traurig kleine Fähnchen schwenken?

Was soll der Begriff Abschiedskultur bewirken? Abschiebungen, ob in der Sache berechtigt oder nicht, sind keine schöne Angelegenheit. Menschen werden aus einem Land, das für sie Hoffnung bedeutete, zurückgebracht in eine Heimat, die keine mehr ist, sondern nur noch unwirtliches Gelände. Zwang spielt dabei eine Rolle, Handschellen werden angelegt - was bitte schön ist da Abschiedskultur? Dass wir dabei stehen, am Flughafen oder Busbahnhof, und fröhlich oder auch ein wenig traurig kleine Fähnchen schwenken, ein leises Servus hauchen und dann, kaum ist der Flieger gestartet, die Sektkorken knallen lassen?

Es geht um Maßnahmenpakete und schärfere Gesetzen

Oder ist die geradezu missbräuchliche Verwendung des Begriffes Kultur in diesem Zusammenhang vor allem eine Schuldzuweisung an diejenigen, die im vergangenen Jahr Kuscheltiere unters Flüchtlingsvolk brachten und glaubten, alles werde gut? Eine Abschiedskultur, die die Zeit des sich Willkommen-fühlen-Könnens endgültig und unwiederbringlich beendet? Endlich raus mit Euch!

Denn darum geht es doch am Ende: Wir reden hier nicht von Abschied von einem geliebten Menschen, dem wir am Grab nachtrauern. Dies wäre ein Stück wirkliche Abschiedskultur. Wir sprechen von Maßnahmenpaketen und schärferen Gesetzen, die ein Leben als nur geduldeter Flüchtling erschweren und möglichst weitere Attentate verhindern sollen.

Das hat mit Recht und Ordnung zu tun, vielleicht auch mit Gerechtigkeit - aber doch nicht mit Kultur.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 27.07.2016 | 18:25 Uhr