Stand: 21.03.2016 00:59 Uhr

Samenspender-Kinder: Die Suche nach dem Vater

100.000 Menschen in Deutschland sind Schätzungen zufolge Kinder von Samenspendern. Die allermeisten wissen allerdings nicht, dass ihr Vater eigentlich ein anderer ist. Und wenn sie erst spät oder sogar zufällig davon erfahren, ist das für viele traumatisierend. Gerichtsurteile haben zwar längst bestätigt, dass Kinder ein Recht haben, ihren biologischen Vater zu kennen. Aber gesetzlich verbrieft ist das noch immer nicht. Für viele Samenspender-Kinder ist es sehr schwierig, damit umzugehen.

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Mia erfuhr mit 17, dass ihr Vater nicht ihr Vater ist: Sie wurde mit einer Samenspende gezeugt.

Mia heißt eigentlich anders, aber ihre sehr persönliche Geschichte erzählt sie lieber anonym. Sie war 17 Jahre alt, als sie nach einem Familienstreit erfuhr, dass ihr Vater gar nicht ihr Vater war und sie mithilfe einer Samenspende gezeugt wurde. "Dass meine Eltern mich 17 Jahre lang belogen haben, fand ich natürlich nicht gut", erzählt sie.

Die heute 27-Jährige sitzt im Schneidersitz und Kapuzenpulli auf ihrem Sofa. Die Suche nach dem Mann, dessen Gene sie in sich trägt, dauert jetzt schon zehn Jahre. Sie sagt: "Mich interessiert immer noch, wer mein biologischer Vater ist und was er so macht. Ist schon irgendwie eine Lücke, die da ist."

Was ist von ihm?

Immer wieder streicht Mia sich die dunkelblonden Haare hinter die Ohren. Die und die braunen Augen habe sie wahrscheinlich von ihrer Mutter, glaubt sie. Aber was könnte ihr biologischer Vater ihr als genetisches Erbe mitgegeben haben? "Meine Mutter lebt ganz gerne auf dem Land und ist nicht so weltoffen wie ich. Ich bin zum Beispiel auch offen für Veränderungen. Was diese Eigenschaften angeht, denke ich, dass das auch von woanders herkommen kann", sagt Mia.

Und noch etwas: "Was ich auf jeden Fall von meinem biologischen Vater haben muss: Ich bin weitsichtig, das muss ich auf jeden Fall davon haben, weil das sonst niemand in der Familie hat." Sie weiß, dass sie damals in der Berliner Charité gezeugt wurde, aber die konnte oder wollte ihr keine Informationen geben. Die Akten seien nicht mehr da, teilte man ihr lapidar per Brief mit.

Spenderkindern bleibt oft nur der Weg vor Gericht

Der Verein Spenderkinder kritisiert, dass Menschen wie Mia häufig nur abgespeist werden und am Ende vor Gericht ziehen müssen, um ihr Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung durchzusetzen. Vereinsgründerin Anne, ebenfalls Spenderkind, sagt: "Wenn ein Spenderkind dieses Recht umsetzen möchte, ist es darauf angewiesen, dass der Arzt, der die Eltern damals behandelt hat, ihm sagt, wer der biologische Vater ist. Viele Ärzte möchten das nicht. Deswegen wünschen wir uns eine gesetzliche Regelung, die dieses Recht der Spenderkinder auch schützt und es einfach umsetzbar macht."

Recht auf den Namen des Vaters

In Deutschland gibt es ein Recht auf Kenntnis erlangbarer Informationen über die Abstammung, das sich aus den Grundrechten ableitet. Ein Mindestalter gibt es dafür nicht, urteilte der Bundesgerichtshof vor einem Jahr. Einen ausdrücklichen formulierten Gesetzesanspruch für Spenderkinder gibt es aber nicht. In Deutschland sind davon etwa 100.000 Kinder betroffen, die mithilfe von Samenspenden gezeugt wurden.

Die Bundesregierung hatte im Koalitionsvertrag vereinbart, die Rechte der Spenderkinder zu stärken. Passiert ist aber bislang nichts, die zuständigen Ressorts beraten immer noch über die Inhalte. Im Gespräch ist ein Zentralregister, in dem Samenspender künftig als biologische Väter vermerkt werden. Im Gegenzug sollen Samenspender vor späteren Unterhaltsforderungen und Erbansprüchen ihrer nur biologischen Kinder geschützt werden.

Dabei geht es nicht ums Geld

Anne vom Verein Spenderkinder sagt, um finanzielle Ansprüche gehe es ohnehin nicht. "Letztlich entsteht ein Mensch und das Sperma gibt auch ein Mensch. Zwischen dem entstehenden Menschen und dem abgebenden Menschen ist eine unauflösliche biologische Beziehung, und die kann man nicht einfach ignorieren."

Den heute erwachsenen Spenderkindern wird das geplante Spenderregister nicht mehr helfen. Aber Mia zum Beispiel hofft, dass sie die Charité zwingen kann, noch einmal etwas genauer nachzuforschen. Deswegen setzt sie die Suche jetzt mit einem Anwalt fort. "Ich versuche alles, was möglich ist. Ich würde sie erst als beendet erklären, wenn ich einen Namen habe", sagt Mia.

Was macht sie, wenn sie den Namen ihres Vaters kennt? "Ich möchte nur von ihm wissen, wer er ist und was er macht. Ich habe jetzt noch nicht mal den Anspruch, dass er mich unbedingt treffen muss. Wenn er das nicht möchte, akzeptiere ich das."

Weitere Informationen

Samenspende: Kinder haben Recht auf Namen

Auch Kinder haben ein Recht darauf, zu wissen, wer ihre biologischen Eltern sind. Der BGH hat ein Urteil aus Hannover kassiert. Zwei Mädchen wollten die Namen ihrer Samenspender erfahren. (28.01.2015) mehr

Links

Rechtliche Situation für Samenspender-Kinder

Hier finden Sie Antworten auf Fragen zur rechtlichen Situation und Möglichkeiten, den biologischen Vater zu finden. extern

Verein für die Interessen der Wunscheltern

Im Verein DI-Netz haben sich Familien nach Samenspende zusammengeschlossen und vertreten die Interessen der Wunscheltern. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 21.03.2016 | 06:50 Uhr