Stand: 28.11.2017 09:15 Uhr

Kongo: Wie Künstler ein Zeichen setzen

von Elisabeth Weydt

Am Dienstag und Mittwoch (28. und 29. November 2017) besprechen Vertreter von Afrikanischer und Europäischer Union, wie es mit der Zusammenarbeit weitergehen soll. Die Schlagworte: Frieden und Sicherheit, Migration sowie Menschenrechte. Große Worte, die meist abstrakt bleiben. NDR Info blickt deshalb besonders auf ein bestimmtes afrikanisches Land. Ein Land, das in einer Dauerkrise steckt, in dem es aber trotzdem Menschen gibt, die versuchen, etwas aufzubauen. Die Demokratische Republik Kongo in der Mitte des Kontinents.

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Die Tanzgruppe von Sarah Mukadi beschäftigt sich mit der Stärke und dem Leid der afrikanischen Frauen.

Auf einer Straße von Lubumbashi, der zweitgrößten Stadt des Kongo. Die Künstlerin Sarah Mukadi staut den Feierabendverkehr auf. Die Minibusse schlängeln sich zweispürig an ihr vorbei. Im Staub am Rand, ein kleines Bretterkiosk mit Keksen und Getränken. Die 23-Jährige und ihre Tänzer bewegen sich zu basslastiger Musik und bemalen sich großflächig mit Farbe.

"Kunst bedeutet für mich Freiheit - die Freiheit, sich ausdrücken zu können", sagt Sarah Mukadi." Wenn ich einfach ein Mikrophon nehmen würde, um meine Wut herauszuschreien, dass sich etwas ändert hier: Mir würde niemand zuhören. Aber beim Tanzen schauen mir die Leute zu. Ich kann sagen und machen, was ich will."

Die Lage im Kongo

Das Land nennt sich Demokratische Republik Kongo. Aber der aktuelle Präsident hält sich nicht an die Verfassung: Schon 2016 hätte es Neuwahlen geben müssen. Doch Präsident Kabila hat erst vor Kurzem Neuwahlen angekündigt: für Ende 2018. Eigentlich ist der Kongo eines der rohstoffreichsten Länder der Welt: Kupfer, Gold, Diamanten und Kobalt werden dort abgebaut. Aber es ist auch eines der korruptesten Länder der Welt, und so zählt es auch zu den ärmsten.

"Die Frau von heute ist anders"

Ihr Tanz heute erzählt vom Leid und von der Stärke einer Gruppe afrikanischer Frauen. In der Kolonialzeit protestierten sie nackt in einer Demonstration gegen ständige Demütigungen, Vergewaltigungen und Rassentrennung. Diesen Widerstand zeigt Sarah Mukadi in ihren Bewegungen. Entgeisterte und begeisterte Gesichter blicken auf die Mutter von zwei kleinen Kindern. "Die Frau in der Zeit damals war sehr stark. Sie hatte eine Vision. Sie war mutig trotz ihrer Angst. Die Frauen haben ihr Leben riskiert, um diese Demonstration zu machen", sagt Sarah Kuadi. Ihre langen dünn geflochtenen Zöpfe schwingen durch die Luft. Das Tanzen ist nicht nur ihre Leidenschaft, sondern finanziert ihr auch das Leben. "Die Frau von heute ist anders", bedauert die Tänzerin. "Alles dreht sich nur ums Aussehen, um ihre Familie, um sich selbst."

Vom Kongo in die Welt

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Das Museum von Lubumbashi ist einer der wenigen Orte für Kunst und Kultur in der Stadt.

Sarah Mukadis Tanztheater auf der Straße eröffnet die Biennale von Lubumbashi. Das internationale Festival aus Kunst, Konzerten und Filmvorführungen ist ein Happening in der Millionenstadt, die nicht einmal ein Kino hat und die ihr einziges Theater in ein Parlamentsgebäude umgewandelt hat. Seit einigen Jahren wagt es aber eine Gruppe junger Künstler mit Bildern, Installationen, Musik und Filmen ein Zeichen zu setzen. Und es funktioniert. Ihre Kunst wird in Athen, Brüssel, Moskau und New York gezeigt. Zu ihrer Biennale in Lubumbashi reisen Künstler aus aller Welt an.

"Es gibt einfach nichts für Künstler"

Die Idee zu dem Spektakel hatte der Fotograf Sammy Baloji vor zehn Jahren. Eine Herausforderung in einem Land ohne funktionierende Infrastruktur und Meinungsfreiheit, dafür mit ständigen Stromausfällen und extrem langsamen Internet. "Hier gibt es einfach nichts, also müssen wir alles selbst machen", sagt Sammy Baloji. "Es gibt keine richtige Druckerei, keine Rahmenbauer. Es ist einfach ein Alptraum. Aber ich glaube, es ist wirklich wichtig, die Biennale hier in Lubumbashi zu machen. Ich glaube an die Kunst."

Eine Geschichte der Ausbeutung

Und vielleicht braucht sie besonders der Kongo, den erst der belgische König Leopold II. ausbeutete, dann Belgien und später die verschiedenen afrikanischen Machthaber. Momentan hält der aktuelle Präsident Kabila illegalerweise an seinem Stuhl fest. Er richtet einfach keine Neuwahlen aus - wie eigentlich von der Verfassung vorgeschrieben.

"Man kann sehen, wie die Leute leiden"

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Das Motto der diesjährigen Biennale lautet "Eblouissement" - das Wort bedeutet Glanz, aber auch Blendung.

Den Biennale-Gründer Sammy Baloji beschäftigen vor allem die Auswirkungen der Kolonialgeschichte in der Jetztzeit. "Ich weiß, was der Bergbau hier bedeutet hat und dass er immer noch eine wichtige Rolle spielt. Nicht nur hier, sondern auf dem internationalen Markt", meint Sammy Baloji. "Aber gleichzeitig kann man hier die Armut überall sehen. Man kann sehen, wie die Leute leiden. Man kann die Ungerechtigkeit spüren. Man kann sogar den Reichtum spüren und die Rassentrennung. Ich spüre das alles extrem. Und das ist, was ich in meiner Arbeit behandle, denn es ist Teil meiner Umgebung."

Angefangen hat Sammy Baloji als Jugendlicher mit Comic-Zeichnungen. Heute ist er 38 Jahre alt und hat seine Fotos auf der Documenta in Athen ausgestellt. Er ist für Frau und Kind nach Brüssel gezogen, mit seiner Kunst aber im Kongo geblieben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 28.11.2017 | 11:50 Uhr