Stand: 29.01.2015 18:51 Uhr

Die gekaufte Niere

In Deutschland warten derzeit 8.000 Menschen auf eine Spenderniere - weil die eigenen Organe nicht mehr funktionieren. Diese Wartezeit kann zermürbend sein. Oft dauert es Jahre, bis eine Niere gefunden ist. Für einige Patienten ist es irgendwann zu spät. Auch der deutsche Journalist Willi Germund benötigte eine Spenderniere, wollte aber nicht warten. Er entschied sich, auf dem internationalen Schwarzmarkt zu suchen - und hatte Erfolg.

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Je schlechter sich Willi Germund fühlte, desto geringer wurden seine Skrupel, sich auf dem internationalen Organ-Schwarzmarkt umzusehen.

Willi Germund hat als Auslandskorrespondent ein aufregenderes Leben geführt als die meisten Menschen. Er berichtete über die Bürgerkriege in El Salvador und Guatemala, arbeitete unter anderem in Ruanda, Afghanistan, Indien und Südostasien. Aber über all die Jahre wusste er von seinem genetischen Defekt, und ihm war bewusst, dass deswegen seine Nieren irgendwann versagen würden.

"Als es dann so weit war, war es trotzdem ein Schock. Ich hatte mir damals ausgemalt, mehr Zeit zu haben", sagt er heute. Die Krankheit fing an, sein Leben zu diktieren. Er konnte nicht mehr arbeiten wie sonst. "Ich kam keine Treppe mehr hoch, habe gefroren, bin plötzlich eingeschlafen und solche Dinge." So habe er nicht mehr leben wollen.

"Egal, ich besorge mir jetzt eine Niere"

Gleichzeitig hatte Germund große Angst, sich auf eine offizielle Warteliste für ein Spenderorgan setzen zu lassen und jahrelang als Dialysepatient zu warten - vielleicht sogar vergeblich: "Diese Vorstellung, jeden Tag auf diesen Anruf zu warten - für mich wäre das ein Albtraum gewesen. Ich hätte das nicht durchgestanden und bewundere Leute, die das schaffen."

Eine Lebendspende von Verwandten kam nicht in Frage. Und der 60 Jahre alte Journalist weiß eigentlich genau, dass der illegale Organhandel weltweit nur deswegen floriert, weil arme Menschen aufgrund ihrer Zwangslage Teile ihres Körpers verkaufen, während die Vermittler am meisten profitieren. Aber alle Argumente gegen die Suche auf dem Schwarzmarkt rückten mit der Zeit mehr und mehr in den Hintergrund, berichtet er heute: "Je schlechter oder depressiver ich mich gefühlt habe, umso stärker wurde eben dieser Wille: 'Ist mir egal, ich besorge mir jetzt eine Niere. Auch wenn ich sie kaufen muss.'"

Ein Geschäft mit hohen Risiken

Germund sah sich um auf dem internationalen Schwarzmarkt. Erst vorsichtig und verschämt, wie er sagt, aber dann fragte er ganz offen herum, ob jemand eine Niere organisieren könnte. Seine Suche führte ihn nach Thailand, in schäbige Hinterzimmer und Hochglanz-Privatkliniken. Er hoffte auf einen Kontakt in China, versuchte es in Indien, reiste nach Afrika, und überwies 1.000 Euro an einen vermeintlichen Organvermittler in den USA. Das Geld sah er nie wieder.

"Man weiß die ganze Zeit hindurch nie, ob man an Gauner geraten ist. Es gilt das Prinzip Vorkasse. Und dann muss man hoffen, dass auch das Versprochene geliefert wird", beschreibt der Journalist seine Erfahrungen. Schließlich gebe es keinen Rechtsbeistand oder ähnliches, wenn eine gekaufte Niere schadhaft sei oder nach der Operation gesundheitliche Folgeschäden auftreten würden. Was ihn am meisten erstaunte, war aber die Selbstverständlichkeit, mit der die meisten mit dem Thema umgingen: "Bei allen Versuchen, den illegalen Organhandel einzustellen und zu stoppen: Der Markt reagiert darauf beeindruckend schnell und passt sich an."

Der "gewitzte" Nieren-Verkäufer

Rund zwei Jahre dauerte es, bis ein Mittelsmann einen passenden Organ-Verkäufer fand. Der 28-jährige Mann, den er Raymond nennt, kommt aus einfachen Verhältnissen, aus einem afrikanischen Land, das er nicht näher bezeichnet. "Raymond ist ein Mann, der weiß was er will", sagt Germund über seinen Verkäufer, er beschreibt ihn als "gewitzt". Es klingt fast so, als wolle er sich damit trösten, als würde er betonen, dass er nicht die existenzielle Not eines arglosen Menschen ausgenutzt hat, um sein eigenes Leben zu retten. "Mir ist natürlich schon klar, dass in diesem Markt eine Menge schräger, unlauterer, krimineller Dinge laufen, und das ist auch nicht schön." Ihm sei auch bewusst, dass viele Leute die Tragweite ihrer Entscheidung gar nicht überblicken, wenn sie ihre Niere verkaufen.

Gesundheitliche Einschränkungen können bleiben

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Willi Germund hat seine Geschichte in dem Buch "Niere gegen Geld" aufgeschrieben, das am 30. Januar 2015 im Rowohlt Verlag erscheint.

In einer mexikanischen Klinik nahe der US-amerikanischen Grenze wird die Niere des einen in den Körper des anderen verpflanzt. Ein hohes Risiko, auch langfristig, für beide. Germund ist sich dessen bewusst: "So eine Transplantation ist ja nicht das Ende, sondern es können auch für den Organ-Geber gesundheitliche Einschränkungen bleiben", sagt Germund. "Also hängen nach der Transplantation zwei Leben dran: seins und meins."

Jetzt, Jahre später, geht es dem 60-Jährigen gesundheitlich gut. Und, seinen Worten zufolge, Raymond auch. Die neue Niere dürfte am Ende einen sechsstelligen Betrag gekostet haben - wenn man Hotel-, Reise- und Krankenhauskosten zusammenrechnet, und vor allem das Honorar des Vermittlers. Genaue Zahlen nennt Germund aber nicht. Er sagt, Raymond habe 30.000 Euro erhalten und sich damit nach Jahren der Arbeitslosigkeit, des Hungers, der Tagelöhner-Existenz ein neues Leben aufgebaut.

Verstoß gegen das Transplantationsgesetz

Man kann heraushören, dass ihn das beruhigt. Aber Germund hätte die Niere auch genommen, wenn die Umstände andere gewesen wären: "Es stand einfach immer die Frage im Zentrum, wie bekomme ich eine Niere."

In Deutschland könnte der jetzt im Ausland lebende Journalist jederzeit vor ein Gericht gestellt werden. Der Kauf einer Niere verstößt gegen das Transplantationsgesetz und kann mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Auch deswegen bleibt er im Ausland, fühlt sich aber trotzdem nicht wie ein Krimineller: "Ich habe im Großen und Ganzen ein gutes Gewissen dabei. Und das ist für mich das Entscheidende."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 29.01.2015 | 07:50 Uhr

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