Ein bewegtes Jahrhundert

von Andrea Völker
Das Haupthaus auf dem NDR Gelände Hamburg-Rotherbaum unter Besetzung der Nazis. © NDR Archiv
Umwidmung von NORAG zu "Reichsrundfunk" (1935)

Das vergangene Jahrhundert mit all seinen teils verheerenden gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen spiegelt sich auch im Funkhaus an der Rothenbaumchaussee. Das ursprüngliche Bauprogramm von Puls & Richter erfuhr schon wenige Jahre nach der Fertigstellung massive Veränderungen durch die Nationalsozialisten. In den 1950ern folgten vor allem An- und Umbauten wie auch Verbindungen zwischen den angrenzenden Gebäuden. Während das Bauprogramm des Funkhauses von 1931 zunehmend verunklart wurde, reagierten die vielen Baumaßnahmen auf die Bedürfnisse ihrer jeweiligen Zeit.

 

Kurze Autonomie – schnelle Verstaatlichung

Alles begann 1924 mit der Gründung der Nordischen Rundfunk AG, kurz NORAG, durch Hamburger Kaufleute. Bereits nach kurzer Zeit hatte sich das Unternehmen einen immensen wirtschaftlichen Erfolg erarbeitet und konnte sich einen hochmodernen Neubau leisten. 1931 nahm man den Sendebetrieb aus dem neuen Funkhaus an der Rothenbaumchausse auf. Die NORAG schrieb sich selbstbewusst als progressives Unternehmen in die Stadtgeschichte ein. Doch folgte bereits mit der Rundfunkreform 1932 die Verstaatlichung und bald darauf die Einnahme des Hörfunks durch die Reichsregierung unter den Nationalsozialisten.

 

NS-Propaganda an der Rothenbaumchaussee

„Reichsrundfunk“ mit Wahl-Propaganda (1936), Foto: NDR Archiv © NDR Archiv
„Reichsrundfunk“ mit Propaganda (1936)

Bereits zwei Jahre nach der Einweihung des neuen Funkhauses musste das NORAG-Logo auf dem Dach der Fraktur und dem "Reichsrundfunk" weichen. Eine Vielzahl an nationalsozialistischen Flaggen, Bannern, Wimpeln und ein Adler Emblem nahmen das moderne Gebäude in Gänze ein. Der Eingang wurde geschlossen und 1934 durch ein Fenster ersetzt, das charakteristische Vordach war bereits abgebaut. Als Eingänge dienten die Türen an den Seiten des Gebäudes. Ohne Publikumsverkehr war die Hauptfassade nun ganz der Propaganda-Fläche vorbehalten. So hieß es auf dem Banner, der die gesamte Veranda vertikal überzog: "Im dritten Reich: 7 ½ statt 4 Millionen Rundfunkhörer und 2 ½ Millionen Volksempfänger. Rundfunk ist kein Luxus mehr, sondern Volkssache. Darum: Deine Stimme dem Führer am 29. März!"

 

 

Umbau der Innenräume ab 1934

Architekt Rudolf Klophaus setzte weitgreifende Umbaumaßnahmen im Inneren des Funkhauses um. Die kleineren Studios waren nicht länger über den Hauptflur im Vorbau zu erreichen und ihre Zugänge vermauert. Daher änderte sich auch die intuitive Wegeführung zum Großen Sendesaal. 1935 folgte der Abriss des historischen Wintergartens, einem Überbleibsel der Engelbrecht’schen Villa. Die Veränderungen reichten bis zur Innenausstattung, so waren auch Wände, Böden und Verkleidungen in ihren Materialien angepasst worden.*(1) Die Summe dieser Eingriffe in die Architektur lösten das klare Bauprogramm und programmatische Konzept der Moderne zunehmend auf und ersetzten es durch Pluralismus.

 

Negierung und Zerstörung der Moderne

Die Umbaumaßnahmen hatten dazu geführt, dass sich bereits nach drei Jahren das Bauprogramm der Architekten Puls & Richter in Gänze zerschlagen hatte. Innen und Außen waren nicht länger aufeinander abgestimmt, es fehlte die einheitliche Architektursprache. Die Gestaltungsmittel, die zentral für das Neue Bauen und die Moderne der 1920er Jahre standen, waren bewusst verändert, negiert oder zerstört worden – so auch die Beleuchtung und spezifische Materialwahl.

Zu den baulichen Veränderungen kamen zunehmend die Anfeindungen und die Diffamierung der jüdischen Bevölkerung und der modernen Kunst. Die gezielt auf den Rundfunk abgestimmten und fest mit dem Gebäude verbundenen künstlerischen Werke – zwei Terrakotten von Ernst Barlach im Klavierzimmer und der Heinrich-Hertz-Raum von Ludwig Kunstmann – wurden zerstört. Barlach befand sich unter den als "entartet" diffamierten Künstlern, Heinrich Hertz war als Jude nicht länger als Identifikationsfigur tragbar.

 

Rundfunk – ein zentrales Propagandainstrument

Unter den Nationalsozialisten wurde der Rundfunk als Propagandamittel und zur Verbreitung der Ideologien immer weiter ausgebaut. Auf die ambitionierten Ziele folgten finanzielle Investitionen. Mit zunehmendem Platzmangel gingen bauliche Erweiterungen einher. So entstand 1935 ein zweigeschossiger Anbau an Stelle des Wintergartens. Parallel erfolgte der Kauf des Nachbargrundstücks an der Rothenbaumchaussee 134. Das Gelände am Mittelweg 51 kam 1938 hinzu. Um einen Großteil der Bevölkerung zu erreichen, wurden Lautsprecher an öffentlichen Orten, in Schulen und Betrieben installiert, um Reden und Programme für alle zugänglich zu machen. Dies ging einher mit einer Gebührenbefreiung für sozial schwächere Schichten.*(2)

 

NSDAP und Reichsfunk

Stunde der Hitlerjugend, Großer Sendesaal, Foto: NDR Archiv © NDR Archiv
Stunde der Hitlerjugend, Großer Sendesaal

Unter der Leitung von Joseph Goebbels und dem "Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda" (RMVP) unterzogen sich Mitarbeiter*innen der Prüfung ihrer Parteitreue und Gesinnung. Entlassungen von jüdischen, sozialdemokratischen und kommunistischen Angestellten folgten.*(3) Nationalsozialistische Anschauungen zogen sich bis in die breit angelegten Unterhaltungsprogramme. Ab 1938 und spätestens mit Beginn des Zweiten Weltkrieges im September 1939 war die Deutsche Wehrmacht für die Gestaltung einzelner Sendungen verantwortlich, propagierte Frontberichte und militärische Nachrichtensendungen. Die Zentralisierung des Programms wurde aus Kostengründungen und zunehmendem Mangel an Personal, das an die Front berufen wurde, landesweit vorangetrieben. Erst am 3. Mai 1945 – drei Tage nach dem Freitod Adolf Hitlers – wurde der Sendebetrieb unter den Nationalsozialisten eingestellt.

 

Unter britischer Besatzung

Am 3. Mai 1945 um 20:26 Uhr herrschte plötzlich Stille in der Rundfunkübertragung. Der "Reichssender Hamburg" und mit ihm der letzte nationalsozialistische Hörfunk waren eingestellt. Die Allierten zogen in Hamburg ein, etwa 200 britische Militär besetzten das Funkhaus am Rothenbaum. Bereits am Folgetag, den 4. Mai, erklang um 19 Uhr die britische Nationalhymne und erstmals die Ansage: "This is Radio Hamburg, a station of the Allied Military Government. Hier spricht Hamburg, ein Sender der Allierten Militärregierung."*(4) Dass die Studios am Rothenbaum unzerstört und in Betrieb geblieben waren, sicherte den fließenden Übergang von Reichs- zu Besatzungsrundfunk.*(5)

 

Die Gründung des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR)

Durch die landesweiten Kriegszerstörungen war es erneut ein Anliegen, den Rundfunk weitgehend zu zentralisieren. In der britischen Besatzungszone war das Hamburger Funkhaus unversehrt, das Kölner hingegen zerstört und die Produktion von Sendungen unmöglich. So gründeten die Briten bereits im September 1945 den NWDR – den Nordwestdeutschen Rundfunk – und sicherten die schnelle Aufnahme im gesamten Sendegebiet.*(6) Schnell wurde auf den Hunger nach kulturellen und literarischen Beiträgen im Nachkriegsdeutschland reagiert. Engagierte Journalist*innen und Kulturschaffende suchten und fanden im Hörfunk zunehmend eine Plattform.

 

Baumaßnahmen des NWDR

Neubau neben dem Funkhaus durch den NWDR (1951), Foto: NDR Archiv © NDR Archiv
Neubau neben dem Funkhaus (1951)

In der Zeit von 1948 bis 1955 wurde das Gelände durch fünf Gebäude erweitert. Der ehemalige Israelitische Tempel, das spätere Rolf-Liebermann-Studio, kam hinzu sowie ein weiteres Grundstück am Mittelweg 113. Auch das Hörspielhaus, die heutige Intendanz und ein vierstöckiger Neubau mit Heizanlagen, Elektrizitätsversorgung und Kantinenbetrieb entstanden in dieser Zeit. Bis heute sind diese Veränderungen prägend für das Rundfunkgelände am Rothenbaum.

 

Das Funkhaus in den 1950er Jahren

Um- und Anbau des Funkhauses durch den NWDR (um 1952): Foto: NDR Archiv © NDR Archiv
Um- und Anbau des Funkhauses durch den NWDR (um 1952)

Das Funkhaus wurde ab 1951 mit den Nachbarbauten verbunden: Über die Einfahrten zogen sich Gebäudebrücken von Haus zu Haus und sicherten den direkten Übergang. Die dunkel verklinkerten Elemente von Uhrenturm und Veranda-Vorbau erhielten 1954 eine helle Verkleidung. Die vertikal ausgerichteten Keramikfliesen wurden durch Bänder aus Muschelkalk auf den Geschosshöhen unterbrochen und gegliedert. Mittig betonte ein helles Paneel die Aufwärtsbewegung des Turms und umfasste die hell gerahmten Fenster und die große Uhr. Auch diese wurde ersetzt und die Eisenkonstruktionen des Glasturmes weiß gestrichen. Ein Dachaufbau, durch Pfeiler gestützt, erhöhte den Turm um ein weiteres Geschoss. Die Aussichtsplattform mit Geländer sorgte optisch jedoch für eine reduzierte Sichtbarkeit des einst so prägnant beleuchteten Glasturms.*(7)

Umbau des Funkhauses (1955), Foto: NDR Archiv © NDR Archiv
Umbau des Funkhauses (1955)

Der Eingang wurde von der linken Fassadenseite erneut an die Rothenbaumchaussee verlegt. Doch blieb der Turm weiterhin geschlossen. Im Veranda-Vorbau, auf Höhe der alten Villa, entstand ein neuer Eingang mit Foyer. Dieser bedingte die Anlage eines neuen Treppenhauses und die Anpassung aller umliegenden Räume – somit den Abbau der letzten Verweise auf die alte Villensubstanz.*(8)

Das Funkhaus wurde von mehreren Seiten verbaut und dem Gebäudeensemble einverleibt. Die einheitliche Fassadengestaltung sorgte für das Verschwinden der letzten Überreste einer besonderen Architekturgeschichte. Die halbrunden Zwillingsfenster, die einst an die alte Villa erinnerten, wurden den restlichen Fenstern angeglichen. Lediglich die Fensterreihung und der hohe Glasturm haben den vielfachen Anpassungen und Modernisierungsmaßnahmen Stand gehalten.

 

Von NWDR zu NDR

Funkhaus des NDR (1988), Foto: NDR Archiv © NDR Archiv
Funkhaus des NDR (1988)

Der Ruf aus Nordrhein-Westfalen nach einem eigenen Rundfunkprogramm und der Loslösung von Hamburg führte 1955 schließlich zur Trennung von NDR und WDR.*(9) Mit der Verkleidung der weißen Putzfassaden durch hellgelbe Klinker im Jahr 1966 erfolgte eine weitere prägnante Veränderung der Außenansicht. So passten sich auch die letzten Architekturelemente den Veränderungen der 1950er an – den Neubauten, dem Turm und der Veranda. Der Zusammenschluss aller Bauten durch die Gebäudebrücken und die einheitliche Fassaden-

Neues Design für den NDR (2001), das Haupthaus an der Rothenbaumchaussee, Foto: NDR Archiv © NDR Archiv
Neues Design für den NDR (2001)

gestaltung schuf ein geschlossenes Ensemble entlang der Rothenbaumchaussee. Visuell entstand ein Gebäuderiegel, der sich zur Straße hin abgrenzte und den Blick ins Innere des Geländes unmöglich machte. Im Zuge eines neuen Corporate Designs sollte 2001 schließlich der Dachaufbau auf dem Turm zur Rothenbaumchaussee verschlossen werden. Hier prangt seitdem das Logo des NDR auf hellen Milchglasplatten – eine einheitlich geschlossene Gestaltung, in der die vertikale Linie im Schriftzug die Aufwärtsbewegung von Turm, Glasaufbau und Antenne wieder aufgreift und betont. Doch führte dieser Eingriff zu einem noch stärkeren Verdecken des einst so wichtigen Glasturms.

 

 

 

 

Umbauten innerhalb eines Jahrhunderts

Die Ursprungsintention und moderne Gestaltung der Architekten Puls & Richter verlor durch die Summe aller zeitspezifischen Umbauten ihre Lesbarkeit – angefangen bei den Nationalsozialisten und der Schließung des Eingangs nebst Abbau des Vordachs, bis hin zur Verbauung der verschiedenen Fassaden und Gebäudeteile. Der genaue Blick und die Kenntnis der Baugeschichte lassen einige Relikte der verschiedenen Bauphasen erkennen. Doch ist das progressiv-programmatische Programm der Moderne verloren. Der hohe Uhrenturm und sein beleuchteter Glasaufbau bilden seit einem knappen Jahrhundert – trotz ihrer vielfach veränderten Logos – bis heute den Blickpunkt. Sie sichern den Wiedererkennungswert des Funkhauses an der Rothenbaumchaussee.

 

 

Das Haupthaus des NDR Hamburg an der Rothenbaumchaussee. © NDR

Funkhaus (1930/31), Puls & Richter, Architekten

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Blick auf den Haupteingang des Funkhauses an der Rothenbaumchaussee. © NDR Foto: Andrea Völker

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