Zeiten der Politisierung - Der NDR in den 1960er-Jahren

Die Geschichte des NDR in den 60er-Jahren spiegelt die politischen, sozialen und kulturellen Umbrüche der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft wider. Der Sender dokumentiert und analysiert Aufbrüche und Erfolge, Konflikte und Krisen. Gleichzeitig treiben die Programmmacher mit ihren Sendungen die Entwicklungen voran, für die die "Sechziger" stehen: mehr politisches Engagement, kritische Auseinandersetzung der Bürgerinnen und Bürger mit gesellschaftspolitischen Fragen und neue moderne Ausdrucksformen des Protestes. Der NDR in Zeiten der Politisierung.

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NDR Lokstedt Haus 1 (1967)

Die Entwicklung des NDR beim Wechsel von den 50er- zu den 60er-Jahren war geprägt von schrittweiser Konsolidierung, von Wachstum und einer regelrechten Aufbruchstimmung. Die Intendanz von Walter Hilpert von 1956 bis 1961, eine Phase des Übergangs, fand ihr Ende. In den kommenden Jahren etablierte sich der NDR als eine große moderne Rundfunkanstalt – nicht nur am Medienstandort Hamburg, sondern im gesamten norddeutschen Sendegebiet.

Neue Horizonte

Die Mitarbeiter sahen sich vor große Herausforderungen gestellt. Weitreichende Entscheidungen mussten getroffen werden, um die Hörfunkprogramme angesichts des Siegeszuges des Fernsehens schrittweise umzubauen. Dazu gehörte die Weiterentwicklung der UKW-Sendetechnik ebenso wie die Einführung der Stereofonie.

Vizekanzler Willy Brandt startet am 25.8.1967 auf der 25. Deutschen Funkausstellung in Berlin das Farbfernsehen.

Das Fernsehen entwickelte sich zwar zum neuen Leitmedium für die Bundesbürger, dazu musste es jedoch sein Programmangebot ausbauen und attraktiv halten und es musste sich den technischen Neuerungen anpassen. Eine von ihnen war die Einführung des Farbfernsehens 1967. Vor allem aber mussten moderne Produktionsformen entwickelt werden. Ein Teil der Filmwirtschaft in Hamburg gab seine Konkurrenzhaltung auf, und der NDR zögerte nicht, mit der Gründung der Studio Hamburg Atelier Betriebs GmbH 1961 die entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Film und Fernsehen zu legen.

Wandel und Kontinuität

An der Spitze des NDR standen neben neu gewählten Intendanten auch Vertreter des Führungspersonals, das bereits in den 1950er-Jahren erfolgreich gearbeitet hatte. Auf Walter Hilpert, der sich nicht mehr zur Wahl stellte, folgte als neuer Intendant der ehemalige Vorsitzende des Verwaltungsrats, Gerhard Schröder. Sein Stellvertreter wurde der ehemalige Pressereferent im Gesamtdeutschen Ministerium in Bonn, Ludwig Freiherr von Hammerstein-Equord. Die beiden nach parteipolitischem Proporz gewählten Vertreter amtierten bis 1973.

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Joachim Frels, Justitiar von 1957 bis 1971.

Für Kontinuität standen der Justiziar Joachim Frels und der Technische Direktor, Hans Rindfleisch, beide seit 1956/57 im Amt. Ähnliches galt für die beiden Programmdirektoren Hörfunk und Fernsehen. Während Hans Arnold und Franz Reinholz im Wechsel die Geschicke des Radios bis 1972 lenkten, löste der vom Deutschlandfunk in Bonn nach Hamburg gewechselte Dietrich Schwarzkopf 1966 Hans Arnold als neuer Fernsehprogrammdirektor ab.

Parteienproporz

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"Panorama-Logo" von 1961

Im Verlauf der 1960er-Jahre gewann bei vielen personellen und programmlichen Entscheidungen das parteipolitische Proporzdenken immer mehr an Gewicht. Sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den Aufsichtsgremien des NDR wurde zunehmend politisch argumentiert. Viele Entscheidungen auf den beiden Ebene zeigen, wie die allgemeine Politisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaft auch vor dem NDR keineswegs Halt machte. An engagierten, gesellschaftlich brisanten Beiträgen entzündeten sich grundsätzliche Konflikte. "Der NDR – eine Anstalt in der Dauerkrise", eine Schlagzeile wie diese des Handelsblatts (1966) war keine Seltenheit. Über Flaggschiffe des Senders wie "Panorama" und "Hallo Nachbarn" wurde – je nach politischer Ausrichtung der jeweiligen Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen – öffentlich vehement diskutiert.

Umbau – Die Hörfunkprogramme des NDR

Bis zum Ende der 50er-Jahre war Radio gleichzusetzen mit Rundfunk. Der Hörfunk war das Leitmedium. Seine Angebote informierten, bildeten, unterhielten und brachten den Zuhörerinnen und Zuhörern die Kultur nahe. Doch mit dem Siegeszug des Fernsehens brach diese Stellung ein. Die 60er-ahre bedeuteten für die Radiomacher eine Phase der Neuorientierung. Es genügte nicht, den Publikumsschwund Richtung Fernsehen zu beklagen und eine Abwehrhaltung gegenüber dem Bildschirmmedium einzunehmen – vielmehr musste sich der Hörfunk auf seine eigenen Stärken besinnen und sich neue Rollen zuschreiben.

Das galt auch für den NDR Hörfunk. Insgesamt drei Programme bot der Sender im Norden seinem Publikum an – mit NDR 1 und NDR 2 zwei sogenannte Vollprogramme sowie mit dem "3. Programm" ein anspruchsvolles Zielgruppenprogramm, das ein hochwertiges Kulturprogramm lieferte. Eine Besonderheit im Norden dabei war, dass diese Radioprogramme werbefrei waren.

Programm für alle

NDR 1, das erste Programm, wurde je zur Hälfte vom NDR und vom WDR produziert. Von 6.00 bis 24.00 Uhr gab es auf der Mittelwelle ein vielseitiges Programm. Mit Nachrichten, Wetterberichten, Presseschauen und Kommentaren sorgte man für aktuelle Informationen; die zahlreichen Schulfunk-Sendungen waren nicht nur bei den Schülern beliebt, sondern wurden auch von vielen Erwachsenen zu Hause zur Weiterbildung genutzt. Hinzu kam ein breites Musikangebot, das von Unterhaltungs- bis zu ernster Musik reichte.

Das zweite Programm, NDR 2, wurde ausschließlich vom NDR verantwortet und über das ausgebaute UKW-Netz im Norden ausgestrahlt. Auch hier war die Bandbreite des Angebots weit gefasst. Das Besondere aber waren die regionalen Schwerpunkte. Damit waren die Landesfunkhäuser in Hamburg und Hannover bzw. die Studios in Flensburg, Kiel und Oldenburg in der Lage, gezielt Sendungen für das Publikum in den einzelnen Bundesländern und Regionen anzubieten. Streckenweise war das Programm von NDR 2 "leichter", hatte aber mit dem „Kurier am Mittag“ um 13.00 Uhr und der "Umschau am Abend" um 18.00 Uhr auch wichtige Informationssendungen im Angebot.

Das Prestigeprojekt

Das meist diskutierte Programm seiner Zeit bildete schließlich das "3. Programm". Für den NDR war es ein Prestigeprojekt – seit 1954/55 hatte vor allem Intendant Walter Hilpert Versuche mit einem ambitionierten Kulturprogramm unterstützt. Für Kritiker war es ein intellektuelles, elitäres Unterfangen. Seit 1960 trieb der NDR die Experimente auf dem Gebiet des Kulturradios voran und gewann den Sender Freies Berlin als Partner.

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Rolf Liebermann, Intendant der Hamburgischen Staatsoper (1964).

Am 1. Oktober 1962 startete das "3. Programm", für das zwei herausragende Persönlichkeiten aus der Kultur gewonnen wurden: Rolf Liebermann, Intendant der Hamburgischen Staatsoper, und Ernst Schnabel, Schriftsteller und Radiopionier. Liebermann und Schnabel wurden nicht als Redakteure angestellt, sondern verantworteten das Programm als freiberufliche "Herausgeber". In mehrere Monate umfassenden "Spielzeiten" brachte man über einige Stunden am Abend hinweg hochwertige Musikproduktionen aus Jazz, Klassik und Moderner Musik und versammelte die Literaturszene der Bundesrepublik zu Lesungen und Diskussionen.