Stand: 07.10.2010 16:18 Uhr

Walter D. Schultz - Der "Außenminister" des NWDR

Im Mai 1948 bot Hugh Carleton Greene dem Hamburger Journalisten Walter Detlef Schultz das sogenannte Außenreferat des Nordwestdeutschen Rundfunks an. Greene stand zu diesem Zeitpunkt der deutschen Rundfunkanstalt als Generaldirektor vor. Das Angebot an Walter D. Schultz, eine Stabsstelle in der Generaldirektion unter Greene und wenig später unter Adolf Grimme zu bekleiden, war verlockend. Schultz ergriff diese Chance.

Die neu zu schaffende Abteilung bündelte eine Vielzahl von Aufgaben und Zuständigkeiten. Hierzu zählte vor allem der Aufbau von internationalen Beziehungen zu den ausländischen Rundfunkanstalten. Schultz förderte den Programmaustausch mit europäischen Sendern und ermöglichte zahlreiche Einladungen von auswärtigen Künstlern nach Hamburg.

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Walter Detlef Schultz machte Karriere beim NWDR, zuletzt war er ab 1961 Leiter des Funkhauses Hannover.

Darüber hinaus gehörte zum Aufgabenbereich des Außenreferats der Aufbau eines Korrespondentennetzes im Ausland. Mit der Betreuung und der Koordination der Journalisten in verschiedenen europäischen Hauptstädten sollte der deutsche Rundfunk nach zwölf Jahren Hitler-Diktatur wieder Anschluss finden an das, was "draußen" vor sich ging. Schultz hatte solchermaßen Anteil daran, dass die Radio- und wenig später auch Fernsehprogramme des NWDR zu einem "Fenster zur Welt" wurden.

Ein junger Politiker mit Namen Helmut Schmidt

Nicht genug damit, zählte es zu seinen Aufgaben, die Beziehungen des Senders zu den Gewerkschaften und vor allem zu den Parteien zu verbessern. Schultz, seit 1948 Mitglied der SPD in Westdeutschland, erhielt den Spitznamen "Labour-Lord", als jemand, der sich zu "Labour" bekannte und dies mit dem Auftreten eines "Lords" verknüpfte. Dieses Profil erwarb er sich nicht zuletzt mit einer Sendereihe, die über viele Jahre hinweg im Programm war. Unter dem Titel "Das politische Forum" diskutierten seit Ende 1949 Vertreter der Parteien am runden Tisch zu Sachthemen. Schultz legte dabei Wert auf die "Qualität der Teilnehmer". An den Pressereferenten der SPD schrieb er: "Ich bitte Sie daher sehr, sich in Ihrem Parteikreis um einen Teilnehmer zu bemühen, der wirklich die Themen beherrscht."

Die Sendung sollte, so Schultz im redaktionellen Briefwechsel, dazu dienen, dass die "politisch aktiven Kader der Parteien Gelegenheit zur Aussprache" haben und er dachte daran,"auf diese Weise jungen und begabten Kräften in den Parteien Gelegenheit zu geben, sich in öffentlicher Diskussion vor dem Mikrophon zu üben." In den Protokollen der etwa 200 Sendungen umfassenden Reihe aus den 50er-Jahren findet sich das Who is who vieler damals junger deutscher Politiker, die später Karriere machten, darunter 1950/51 auch ein gewisser Helmut Schmidt aus Hamburg. "Das politische Forum" wurde bereits zeitgenössisch als "Chance zur öffentlichen demokratischen Meinungsbildung" begriffen.

Wechselvolle Biografie

In der Biografie von Walter D. Schultz spiegeln sich viele der politischen Zeitumstände wider. Der am 5. Oktober 1910 als Sohn einer Beamtenfamilie geborene Schultz konnte aus wirtschaftlichen Gründen sein Abitur an der Seminar- und Aufbauschule nicht mehr ablegen. Stattdessen musste der junge, ehrgeizige und politisch interessierte Mann eine kaufmännische Lehre beginnen. Ab 1929 arbeitete Schultz als Angestellter in Hannover und studierte parallel dazu an der Leibniz-Akademie, einer Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie.

Bereits 1925 hatte Schultz sich in der SPD und in der sozialistischen Jugendarbeit engagiert, von 1931 an war er für einige Zeit auch Mitglied der KPD. Schultz war neben seiner Tätigkeit in der Fliesenabteilung einer Hannoverschen Firma als freier Mitarbeiter für Hannoversche Lokalzeitungen sowie für politische Zeitschriften tätig. Die Nationalsozialisten hatten ihn also bereits im Visier, als sie an die Macht kamen. Im März 1933 wurde Schultz verhaftet und in verschiedenen Konzentrationslagern festgehalten. Erst im August 1934 freigelassen, musste er wenig später emigrieren. Es folgten äußerst schwierige Exiljahre in Prag.

In diesen Jahren entstand die Freundschaft mit Kurt Hiller. Was im KZ Oranienburg 1933/34 begonnen hatte, wurde zu einer lebenslangen engen Beziehung. Wiederholt setzte sich Schultz für den bis 1955 im Londoner Exil lebenden Intellektuellen ein und trug im August 1955 zu Hillers Rückkehr nach Hamburg bei.

Start bei der BBC

Auch Schultz hatte es 1938 nach Großbritannien verschlagen. Das Exil dort war zunächst recht entbehrungsreich. Als "feindlicher Ausländer" wurde Schultz - wie viele deutsche Emigranten damals - von den Briten interniert und von Juli 1940 bis Juni 1941 in Australien festgesetzt. Erst im Oktober 1941 verbesserten sich die persönlichen Lebensumstände für Schultz und seine Familie. Er erhielt eine Anstellung beim Deutschsprachigen Dienst der BBC, arbeitete als Sprecher und Übersetzer von Kriegsgefangenensendungen und entwickelte eine eigene Sendung für die deutsche Kriegsmarine. Darüber hinaus engagierte er sich in den Londoner Exilgruppen, gehörte der "Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien" und der Londoner Gruppe der Sozialdemokratischen Partei im Exil an.

"Beinahe wieder zu Hause": Chef des Funkhauses Hannover

Das Landesfunkhaus am Maschsee in Hannover wurde am 20. Januar 1952 eingeweiht © NDR/Werner Hausschild

Aus der "Umschau": Interview mit Walter Schultz

Interview mit Walter Schultz anläßlich seiner Amtseinführung als neuer Leiter des NDR-Funkhauses Hannover (Aufnahme vom 14.11.1961)

1955 wurde der Nordwestdeutsche Rundfunk in die beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten des Westdeutschen und des Norddeutschen Rundfunks aufgeteilt. Während für einige journalistische Kollegen diese Trennung zur beruflichen Zäsur wurde, setzte Walter D. Schultz als Mittvierziger seine Karriere fort. 1956 avancierte er zum stellvertretenden Leiter der Hauptabteilung Politik und im November 1961 wählte ihn der Verwaltungsrat des Senders zum neuen Chef des NDR Funkhauses in Hannover.

Schultz kehrte damit an den Ort zurück, an dem 30 Jahre zuvor seine journalistische Laufbahn begonnen hatte. "Beinahe wieder zu Hause", titelte die "Hannoversche Allgemeine" bei Amtsantritt und begrüßte den neuen Direktor freundlich: "’Walter D. hat allerhand vor. Er möchte den Funk- und Fernsehort Hannover - den einzigen 'Rivalen' der Zentrale Hamburg - dahin bringen, dass in diesem Strahlungsbereich Hörfunk und Fernsehen als Institution der Öffentlichkeit empfunden werden und kein abgekapseltes Dasein führen." Dem neuen Funkhausdirektor war nur wenig Zeit für die Umsetzung dieser Pläne vergönnt. Am 13. August 1964 starb Walter D. Schultz im Alter von nur 53 Jahren an einem Herzinfarkt. Er wurde auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf beigesetzt.

Die Nachrufe würdigten Walter D. Schultz als "Botschafter des deutschen Rundfunks" und verliehen ihm den scherzhaft-respektvollen Titel "Außenminister des Nordwestdeutschen Rundfunks". Die Erinnerungen der journalistischen Kollegen offenbaren darüber hinaus auch die persönliche Sympathie für den Menschen Walter D. Schultz. So schrieb Klaus Bölling, zu dieser Zeit stellvertretender Chefredakteur des NDR Hörfunks: "Walter D. Schultz (…) war ein Herr, ein Herr im Sinne seiner hanseatischen Heimatstadt (…)." Peter Raunau, damals Chefredakteur der "Hannoverschen Presse", hob die große Kontaktfreudigkeit von Schultz hervor und lobte ihn als "aufgeschlossenen, sehr vielseitig interessierten und immer anregenden Gesprächspartner."

Die Jahre 1948 bis 1955

1948 wird der NWDR eine "Anstalt des öffentlichen Rechts" und treibt die technische Entwicklung energisch voran. Das Nachkriegsradio erlebt eine Blütezeit. 1952 startet der Fernsehbetrieb. mehr