Stand: 09.04.2015 12:44 Uhr

Rolf Seelmann-Eggebert : Von Hannover in die Welt

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Rolf Seelmann-Eggebert vor Balmoral, dem Ferienschloss der Queen im schottischen Hochland (aus "Wo Könige Urlaub machen", NDR Fernsehen 2015).

Er ist eine der markanten Stimmen des NDR, ausgewiesener Experte für die europäischen Königshäuser, ehemaliger Auslandskorrespondent in Afrika und Großbritannien – Rolf Seelmann-Eggebert. Es ist eines der klassischen regionalen Hörfunk-Programmangebote und eines der ältesten dazu – der „Zeitfunk“. Wie beides miteinander zusammenhängt, erzählt der spätere Fernseh-Programmdirektor des NDR in einem Gespräch mit Hans-Ulrich Wagner, Leiter der Forschungsstelle Mediengeschichte, einem Kooperationsprojekt des Hans-Bredow-Instituts mit der Universität Hamburg (Institut für Medien und Kommunikation) und dem NDR.

Im NDR Schallarchiv sind ca. 40 Aufnahmen von und mit Rolf Seelmann-Eggebert aus der Zeit bis 1968 erhalten – Reportagen, Interviews, Berichte, Diskussions- und Gesprächsbeiträge. Einige Tondokumente habe ich für das Interview ausgewählt, das den Werdegang des Hörfunkjournalisten in den 1950er und 1960er Jahren Revue passieren lässt.

"Aus der Schülerperspektive"

Mit der Frage, wie er zum Rundfunk kam, startet die Zeitreise in den frühen 1950er Jahren. Rolf Seelmann-Eggebert, 1937 in Berlin geboren, ist Gymnasiast in Hannover. Er arbeitet für die Schülerzeitung „Der Nuntius“ und hat u. a. die Aufgabe, einen Fortsetzungsroman für das Blatt zu schreiben. Aus diesen belletristischen Schreibversuchen entwickelten sich Kontakte zu drei Hannoverschen Tageszeitungen. Für sie beobachtete er gesellschaftliche Entwicklungen „aus der Schülerperspektive“ und schrieb darüber. Zum „ersten Seelmann-Eggebert“ im Rundfunk kam es dann auch schon 1953: Eine Klassenfahrt führte nach Griechenland und „selbstverständlich“ interessierten sich die Rundfunkmacher im niedersächsischen NDR Landesfunkhaus am Maschsee für die „knapp vierwöchigen Abenteuer der jungen Hannoveraner“. Der 16-jährige Schüler fing Feuer.

Mit dem Tonband durch die Partnerstädte

Bald schon schrieb und arbeitete er freiberuflich für den NDR. Zu ersten größeren Rundfunkarbeiten kam es während seines Soziologie-Studiums. Rolf Seelmann-Eggebert erinnert sich, dass er nach 1956 mehrere Sendungen über Partnerstädte machte: „Ich hatte bereits ein halbjähriges Studium in Bristol hinter mir und ich hatte die Gelegenheit genutzt, mit einem eigenen Tonbandgerät die Partnerstädte in Großbritannien von niedersächsischen Städten vorzustellen. Die Engländer interessierten sich für Deutschland, die Deutschen interessierten sich für England. Wir haben damals eine Reihe gemacht, darunter über die Partnerschaften von Exeter und Lüneburg, Bath und Braunschweig und von Bristol und Hannover.“

Anfänge im „Zeitfunk“

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Rolf Seelmann-Eggebert berichtet aus dem Messestudio in Hannover

‚Learning by doing‘ lautete die Parole. Der Student und angehende Journalist durchlief nur kurze Zeit so etwas wie ein Volontariat. Dann arbeitete er für längere Zeit auf der Basis einer Monatspauschale für die verschiedenen Redaktionen im NDR Funkhaus Hannover – „eine Urlaubsvertretung hier, eine Krankheitsvertretung da“.

Entscheidend aber wurde seine Arbeit für den damaligen „Zeitfunk“. Heute würde man vom „Zeitgeschehen“ oder von der Abteilung „Aktuelles Geschehen“ sprechen. Das Ganze, so Rolf Seeelmann-Eggebert, müsse man sich wie eine große Regionalzeitung vorstellen. Zwei journalistische Formate der von Hans-Joachim Werbke geleiteten „Zeitfunk“-Abteilung prägten das regionale Programmangebot des NDR: die „Funkbilder aus Niedersachsen“ und die „Umschau am Abend“.

Im Mittelpunkt: die Region

Erstere waren bereits im Mai 1948 im Mittelwellenprogramm gestartet und schnell zu einem Flaggschiff der Regionalsendungen geworden. Bis heute sind die „Funkbilder“ das älteste Regionalmagazin im Norden. Mit der Einführung der Ultrakurzwelle (UKW) war 1951 die „Umschau am Abend“ hinzugekommen. Auch sie berichtete aus der Region und über die Region. Thematisiert wurde alles, was in Hannover und in Niedersachsen als wichtig, interessant, wissenswert erachtet wurde – eine Magazinsendung, die ihren Hörern zur abendlichen Primetime kompakt Orientierung über das Tagesgeschehen bot.

Rolf Seelmann-Eggebert sagt von sich, er sei in jener Zeit ein „Hansdampf in allen Gassen“ gewesen. Er habe über Bildungsdebatten aus den Universitätsstädten berichtet, sei in die Provinz gefahren, wo „einen am Dorfeingang erst einmal die Blaskapelle empfing und man zum Frühstück eingeladen wurde“. Er habe Politiker interviewt und Gespräche mit Passanten und Betroffenen geführt. Als Reporter sei er ständig unterwegs gewesen, in Friedland und Clausthal-Zellerfeld, in Stade und Hannover.

Starke Töne, starke Bilder

Ausnahmen vom journalistischen Alltag bilden Katastrophen und Unglücke. Im Februar 1962 verheert eine riesige Sturmflutdie Küstenregionen Norddeutschlands. Für die Sondersendung der „Umschau am Abend“ am 17. Februar 1962 fährt Rolf Seelmann-Eggebert nach Stade, in den Norden Niedersachsens.

Er spricht von einem „Ausnahmezustand“, der auch in der „Zeitfunk“-Abteilung herrschte. Was sich in den Februartagen 1962 an der Küste in Norddeutschland ereignete, war freilich nicht nur für die Region von großer Bedeutung. Die Berichte der Journalisten aus der Region stießen nun bundesweit auf Interesse.

Wassermassen bahnen sich ihren Weg durch einen gebrochenen Deich. © Viktor & Sonja Rihsé

"Unser Lenkrad schwingt von rechts nach links..."

Bericht über eine Fahrt nach Stade "Umschau am Abend" 17.02.1962

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Beim Wiederhören der damaligen Reportage fällt auf, wie informativ und packend Seelmann-Eggebert die Situation schildert. Im Radio kann man „photographische Eindrücke wiedergeben“, so der Journalist im Interview. Wenn „die Sprache plastisch“ ist, „zwingt sie einen zum Zuhören“. Bilder über die angespannte Lage müssen also nicht unbedingt sein.

Das „Wunder von Lengede“

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Rettungsarbeiten beim Grubenunglück von Lengede 1963 (dpa - Fotoreport).

Auch ein weiteres großes Unglück fiel in Seelmann-Eggeberts Zeit als „Zeitfunk“-Reporter. Am 24. Oktober 1963 wurden in der Schachtanlage Mathilde im ostniedersächsischen Lengede zahlreiche Bergleute verschüttet. 29 Tote waren zu beklagen. Aber es bestand die Hoffnung, mehrere festsitzende Bergmänner noch retten zu können.

Das Grubenunglück von Lengede

Rolf Seelmann-Eggebert im Gespräch mit Ministerpräsident Diedrichs "Funkbilder" vom 28.10.1963

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Dieses Grubenunglück in Lengede entwickelte sich zu einem Medienereignis. Zentrum der Radio-Berichterstattung waren die „Funkbilder aus Niedersachsen“. In der Sendung vom 28. Oktober berichteten mehrere NDR Journalisten von den Rettungsmaßnahmen sowie von dem Rundfunkmikrophon, das bei einer Bohrung zu den Eingeschlossenen hinuntergelassen werden konnte. Ein Lebenszeichen war zu hören, doch das später so genannte „Wunder von Lengede“, die dramatisch verlaufende erfolgreiche Rettung von elf Bergleuten am 7. November, stand noch aus. Rolf Seelmann-Eggebert interviewte Niedersachsens Ministerpräsidenten Georg Diederichs am 28. Oktober, dem Tag der ersten Kontaktaufnahme mit den Verschütteten und gab dem hörbar um Fassung ringenden Landespolitiker Gelegenheit, seiner Trauer und Hoffnung Ausdruck zu verleihen.

Die Queen und der drahtlose Sender

Am 27. Mai 1965 besuchten Königin Elizabeth II und Prinz Philipp die niedersächsische Landeshauptstadt. Die Frage, die auf der Hand liegt: War dies der erste Kontakt mit dem britischen Königshaus? Rolf Seelmann-Eggebert bejaht, macht aber deutlich, dass die „Liebe“ zu den Royals erst über ein Jahrzehnt später entbrannte, in seiner Zeit als Auslandskorrespondent in London.

"Friedrich 3, bitte melden!"

Aus der Reportage anlässlich des Staatsbesuchs der Queen in Hannover 27.05.1965

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An die Aufnahme von 1965 erinnert er sich sehr deutlich, weil sie eine besondere „technische Herausforderung“ dokumentiert – den Einsatz eines kleinen drahtlosen Senders, der indes zunächst einmal technische Schwierigkeiten bereitete. Der dem Konvoi hinterherfahrende Reporter Giselher Schaar zeichnete ein lebendiges Bild von Hannover im Freudentaumel, während Rolf Seelmann-Eggebert, wie im Ausschnitt zu hören ist, die Zuhörer unaufgeregt über die technischen Probleme unterrichtete, die sich aus dem Einsatz des neuen drahtlosen Senders ergeben.

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Rolf Seelmann-Eggebert während seiner Korrespondentenzeit in Afrika (NDR/privat)
Herzensangelegenheit Afrika

Zu diesem Zeitpunkt war Rolf Seelmann-Eggebert bereits fest angestellt beim NDR. Seit 1. Dezember 1964 leitete er die Reportage-Abteilung im Landesfunkhaus Niedersachsen und verantwortete jetzt, wer als Reporter wohin geschickt wurde, um aus der Region zu berichten. Die Arbeit im Studio ermöglichte es ihm aber auch, auf einem Interessengebiet journalistisch zu arbeiten, das ihm bereits seit den Studientagen am Herzen gelegen hatte – die Situation in Afrika, die Hilfe für die afrikanischen Staaten. Der Journalist erzählt, dass er u. a. afrikanische Ethnologie im Nebenfach studiert habe.

Befragt nach der Feature-Reihe „Märchen und Wirklichkeit in der Entwicklungshilfe“ erzählt Rolf Seelmann-Eggebert, dass der Auslöser für diese Sendungen eine Reise nach Nigeria war, zusammen mit einer Delegation der niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Zurück in Hannover entstanden 1966 diese Features, die das Thema Entwicklungshilfe der Bundesrepublik Deutschland aufgreifen und äußerst kritisch diskutieren.

Das goldene Bett

1. Folge aus der siebenteiligen Serie "Märchen und Wirklichkeit in der Entwicklungshilfe" 18.02.1966

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1968 begann für Rolf Seelmann-Eggebert die Zeit als Auslandskorrespondent in Afrika. Sein erster Einsatz führte ihn nach Abidjan (Elfenbeinküste), anschließend ging es für vier Jahre nach Nairobi. 1978 dann folgten die Tätigkeiten als ARD-Fernsehkorrespondent und Studioleiter in London. Von 1982 bis 1989 war Seelmann-Eggebert Fernsehprogrammdirektor beim NDR:  

„Man war sich bewusst, dass man für das wichtigste Medium der Zeit arbeitete, erst den Hörfunk, dann das Fernsehen“, bilanziert Seelmann-Eggebert. Sein journalistisches Selbstverständnis fasst er am Ende des Interviews so zusammen: „Korrekt zu informieren und so zu informieren, dass einem die Masse der Zuhörer bzw. Zuschauer auch folgen konnte – das war Verpflichtung.“