Stand: 23.11.2010 14:01 Uhr

Original NWDR-Satzung wiederentdeckt

von Lara Louwien

An einem Tag Anfang Mai 2010 hatten sich Katrin Widmayer und Volker Stietz was vorgenommen. Im Oktober sollte "ihre" Abteilung, das Rechnungswesen im NDR, aus einer alten Villa am Mittelweg auf das NDR Gelände am Rothenbaum umziehen.

Die erste Seite der NWDR-Satzung.

Ein großes Unterfangen: Denn "wir sind ja bis oben voll mit Akten", sagt Katrin Widmayer. Also stiegen die beiden Mitarbeiter der Registratur in den Keller, um Ordnung zu schaffen. Insbesondere das umfangreiche Papierarchiv sollte sortiert und aufgeräumt werden. Keine schöne Arbeit. "Der Putz bröckelt, es ist muffig, düster und feucht. Ich finde, da unten riecht es nach Verwesung. Und das sah da aus ...", erzählt Katrin Widmayer. Papier auf dem Boden, altes Geschirr in Kartons, Müll.

Als Katrin Widmayer und Volker Stietz einen der Kartons öffnen, stecken an der Seite zwei Hefte, Jahrbücher des NWDR von 1949/1950 und 1950/1953 sowie ein dünnes braunes Buch. Dass sie einen nahezu sensationellen Fund gemacht haben, ist den beiden zu dem Zeitpunkt noch nicht klar.

14 Seiten in schönster Handschrift

Das Original - der handgeschriebene Paragraf 19 der NWDR-Satzung.

"Satzung des Nordwestdeutschen Rundfunks" steht auf der ersten Seite, dann folgen 14 Seiten in schönster Handschrift mit Tinte geschrieben. Die Überschriften in rot, der Text in schwarz. In 19 Paragrafen werden die Organisation des Rundfunks festgelegt, die Zusammensetzung und Aufgaben der Gremien beschrieben sowie die Ernennung und Geschäftsführung des Generaldirektors (heute Intendant) geregelt. Am Ende zwei unleserliche Unterschriften und das Datum Dezember 1947. "Dass das ein historisches Dokument ist, war uns schon klar", sagt Volker Stietz und seine Kollegin ergänzt: "Ich bin seit 30 Jahren beim NDR, ich dachte, das müssen wir doch behalten."

Was das für ein historisches Dokument ist, weiß Dr. Hans-Ulrich Wagner, Leiter der Forschungsstelle zur Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland auf Anhieb. Jubel am Telefon: "Die NWDR-Satzung ist die Gründungsurkunde des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland. Der Inhalt ist bekannt, aber das Original mit den Unterschriften galt bisher als verschollen. Es ist ein kostbarer Schatz, den man in einer Vitrine zur Schau stellen könnte", sagt Hans-Ulrich Wagner. 

Hart verhandelt: Eine Verfassung für den Rundfunk

Am 3. Mai 1945 war der Krieg in Hamburg vorbei. Britische Truppen besetzten die Stadt und das Funkhaus am Rothenbaum. "Here is Radio Hamburg, a Station of the Allied Military Government", meldeten sie sich tags darauf. Ab 26. September 1945 nutzten die Briten zusätzlich den Sender Köln und fortan hieß der Rundfunk im britischen Militärgebiet Nordwestdeutscher Rundfunk - NWDR.

Die Rollen waren klar verteilt. Wer was sendete, bestimmten die Besatzer. Für den Anfang mochte das gehen, Ziel der Briten war es aber, dem Rundfunk eine Verfassung zu geben, die von allen Seiten getragen wurde. Die Unterzeichnung des NDWR-Statuts am 30. Dezember 1947 "krönt mehr als zweieinhalb Jahre harte Arbeit", erklärte Christopher Steel, politischer Berater des Militärgouverneurs. Er und Wilhelm Kiesselbach, Vorsitzender des NWDR-Hauptausschusses, hatten das Statut unterzeichnet.

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Überreichung des NWDR-Statuts

Das Statut des NWDR vom 30. Dezember 1947 in der "Ansage", dem Mitteilungsblatt des Senders. Download (188 KB)

Der Bedeutung des Dokuments angemessen gab es eine Feierstunde im Großen Sendesaal, das Kammerorchester spielte Mozart, neben geladenen Gästen war auch die Presse anwesend. Wie Steel betonten alle Redner gleichermaßen, das Statut sei Garant für einen von allen Sonderinteressen freien Rundfunk. Gemeint waren die politischen Parteien, die im sogenannten Zonenbeirat neben Vertretern etwa von Kirchen, Gewerkschaften, aus Kultur und Wirtschaft mit den Briten - allen voran Hugh Carleton Greene - das Statut verhandelt hatten.

Freier Journalismus - Unabhängig von Staat und Parteipolitik

Streitpunkt war insbesondere die Frage, wie viel Einfluss der Staat und vor allem die Parteien haben sollten. Die deutschen politischen Parteien wollten Macht auf den Rundfunk über die Gremien ausüben – und stießen damit bei den Briten auf Granit. "Es ist ausdrücklich festgelegt worden, dass der Rundfunk in voller Unabhängigkeit von Einflüssen des Staates und parteipolitischen Richtungen betrieben werden wird", so Steel.

Als Kompromiss galt, dass die Ministerpräsidenten der NWDR-Länder im Hauptausschuss - dem heutigen Rundfunkrat - vertreten waren. Hugh C. Greene, Chief Controller für das Rundfunkwesen, wurde nach Inkrafttreten des Statuts erster NDWR-Generaldirektor. Rückblickend schrieb er: "Mit dem Statut erhielt der Sender einen einwandfreien legalen Status. (...) Am 1. Januar 1948 konnte der NWDR seinen Geburtstag als Rechtskörperschaft feiern. Er war damit die erste deutsche Rundfunkorganisation, die seit Ende des Krieges eine gesetzliche Grundlage erhalten hatte."

Am 15. November 1948 wurde Adolf Grimme erster deutscher NWDR-Generaldirektor. Die Briten hatten eines ihrer Hauptziele erreicht: Ihre Gegenwart im NWDR war überflüssig geworden, in Deutschland hinterließen sie einen stabil verfassten Rundfunk, der ohne ihre Kontrolle auskam und dessen wesentliche Regelungen bis heute gelten.

Ein Schatz im Unternehmensarchiv

Katrin Widmayer, Volker Stietz und Maria Godsch (v.l.)

Ein Sommermorgen Mitte Juli. Symbolisch übergeben Katrin Widmayer und Volker Stietz die Satzung an das NDR Unternehmensarchiv. "Ich freue mich über ein  Schlüsseldokument der Unternehmensgeschichte", sagt Maria Godsch, Leiterin der Abteilung Recherche Presse und Buch und versichert: Die Satzung bekomme einen gebührenden Platz im Unternehmensarchiv, damit die Geschichte des NDR dokumentiert und bewahrt bleibe.

Die Jahre 1924 bis 1947

1924 geht die erste Rundfunkanstalt Norddeutschlands, die Norag, an den Start. Unter den Nazis verliert sie ihre Unabhängigkeit. Nach dem Krieg bauen die Briten den Sender neu auf - der NWDR entsteht. mehr