Stand: 20.08.2011 18:27 Uhr

Der "Fünf Uhr-Club" geht an den Start

von Florian Bayer, Hans-Ulrich Wagner

Am Ende der "Sixties" war es höchste Zeit für eine moderne Jugendmusiksendung. Bis Mitte der 1960er Jahre gab es in den deutschen Radioprogrammen nur vereinzelt Sendungen, die speziell auf die Interessen der jugendlichen Hörer zugeschnitten waren. Beim NDR bildete zwar seit 1954 der "Abend für junge Hörer" ein Flaggschiff des Jugendfunks, doch die Sendung war inzwischen in die Jahre gekommen. Bei vielen stieß der erzieherische Anspruch auf Ablehnung und vor allem wurden die Rufe nach Beat- und Popmusik aus England und den USA lauter.

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Junge Leute suchten nach schon immer nach ihrer eigenen Musik.

Die jungen Leute holten sich ihren "Sound" nicht selten auf anderen Frequenzen. Sie schalteten die Soldatensender BFBS (British Forces Broadcasting Service) oder AFN (American Forces Network) ein oder lauschten dem "Jugendstudio DT 64", mit dem die DDR 1964 eine deutsch-deutsche Offensive gestartet hatte. Vor allem aber wählten sie Sender aus dem Ausland, das private "Radio Luxemburg" oder die von hoher See aus operierenden Piratensender. Die spielten die Musik, die dem neuen Geschmack entsprach und präsentierten die Platten mit einer neuen Anmutung.

Herausforderung für die ARD

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten standen unter Zugzwang, denn die moderne Popmusik war inzwischen Teil eines neuen Lebensgefühls geworden. Sie mussten diesen Zeitgeist aufgreifen, wollten sie ihre jungen Hörer nicht verlieren. Zuvor gab es jedoch eine rechtliche Hürde zu überwinden.1966 hatte die ARD einen Kampf gegen die Schallplattenindustrie geführt, die hohe finanzielle Forderungen für die Ausstrahlung ihrer Titel stellte. Erst nach der Beilegung des Streits konnte die bis dahin geltende Höchstgrenze von 35 Stunden Plattenmusik pro Programm in der Woche aufgehoben werden.

Auf ARD-Ebene diskutierte man neue Formen der Jugendprogramme. Den Anfang machten der Bayerische und der Hessische Rundfunk, die ab 1967 Sendungen mit internationalen Pop-Hits wie "Club 16", "Teens-Twens-Top-Time" und "Teenager-Melodie" ausstrahlten.

Der "Arbeitskreis Jugendfunk"

Auch der NDR passte sein Jugendprogramm dem Zeitgeist an, "indem nicht nur über junge Leute gesprochen wird, sondern mit ihnen", wie der Sender in einer 1970 von der Stadt Hamburg herausgegebenen Jugend-Broschüre erläuterte. "Sie sollen selbst zu Äußerungen bewegt und zum Nachdenken sowie zur Meinungsbildung angeregt werden." Dementsprechend wurde auf Betreiben des Jugendfunkleiters Dethard Fissen ein "Arbeitskreis Jugendfunk" gegründet. Er bot Jugendlichen an, zusammen mit NDR Redakteuren Musik- und Wortbeiträge auszuarbeiten, die im Jugendfunk ausgestrahlt werden sollten.

Dethard Fissen, Leiter des NDR Jugendfunks, beim Interview (1965).

Wie sich bald zeigte, konnte das Angebot des "Arbeitskreises Jugendfunk" nur ein Anfang sein. Denn in der Hamburger Jugendszene war bereits eine Bewegung entstanden, deren Ziele weiter reichten. Fred Anton, damals Schüler, hatte den "Jugendstudio Hamburg e.V." gegründet. Dieser Verein organisierte zunächst örtliche Tanzveranstaltungen mit Beatmusik, forderte aber bald eine stärkere Berücksichtigung der Jugendlichen im Rundfunkprogramm des NDR.

"Wir wollten ein Programm, das sich mit Popmusik und Themen für Jugendliche beschäftigte, ganz nach dem Vorbild von ‚Radio Luxemburg’ und dem britischen Piratensender ‚Radio Caroline’", erklärt der heute 62-jährige Fred Anton. "Wir wandten uns deshalb an den NDR und drohten, Plakate mit dem Titel ‚Der NDR hat die Zeit verschlafen’ in der ganzen Stadt aufzuhängen, falls man unserer Forderung nicht entgegenkommen würde. Es ging uns dabei weniger um eine politische Aktion als darum, endlich auch einmal unsere Lieblingsmusik und unsere Themen ins Radio bringen zu können." Mit dieser Forderung stand Fred Anton nicht allein. Sein "Jugendstudio" hatte inzwischen mehr als 100 Mitglieder.

Die Jahre 1962 bis 1969

Proteste, Krisen, Generationskonflikte: In den 1960er-Jahren berichtet der NDR über die politischen, sozialen und kulturellen Umbrüche in der Nachkriegsgesellschaft. mehr