Corny Littmann: Der ungekrönte König vom Hamburger Kiez

Stand: 21.11.2022 07:26 Uhr

Theatermacher, Schauspieler, Fußballvereins-Präsident und Politiker: Corny Littmann ist ein Mann mit vielen Gesichtern. Der gebürtige Westfale hat von St. Pauli aus in Hamburg und darüber hinaus Akzente gesetzt.

von Jochen Lambernd

Es gibt ihn nicht nur in seriös und im Anzug, sondern auch tuntig und schräg mit Strapsen, Perücke und Lippenstift. Er ist Regisseur, Theaterchef und Schauspieler, lange Zeit Präsident eines Fußballvereins und Grünen-Politiker, engagiert sich für Homosexuelle und gegen Nazis. Es gibt zwar nur einen Corny Littmann - aber der hat viele Gesichter.

Corny Littmann macht sich schon früh für Schwule stark

Cornelius "Corny" Littmann wird am 21. November 1952 im westfälischen Münster geboren. Im Alter von acht Jahren verliert er seine Mutter. Sie stirbt nach einer Routine-Operation. Seit diesem Schock habe er ein "spezielles Verhältnis zur Endlichkeit des Lebens", sagt Littmann der "Zeit" 2010. Mit 17 Jahren kommt er nach Hamburg, wo er Abitur macht und Psychologie studiert. Das Studium bricht er ab. Mit 18 Jahren hat er sein Coming-out. Schon früh widmet er sich seiner wahren Leidenschaft: der Schauspielerei. Mit der Theatergruppe "Brühwarm" macht sich Littmann - auch aus eigenem Interesse - für die Schwulenbewegung stark. Er zieht mit seinem Tourneetheater "Familie Schmidt" und Stücken unter dem Motto "deutsch, aufrecht, homosexuell" durchs Land.

Eröffnung des Schmidt Theaters 1988 auf St. Pauli

(l-r): Der Hausherr Herr Schmidt (Corny Littmann), die Taufpatin Gisela Bartels und Frau Marlene Jaschke (Jutta Wübbe) während der Eröffnung des Variete-Theaters auf der Hamburger Reeperbahn am 1. September 1991. © picture-alliance / Abi Schmidt
Corny Littmann mit Taufpatin Gisela Bartels und Jutta Wübbe als Marlene Jaschke (v.l.) bei der Eröffnung von Schmidts Tivoli.

1988 - genauer gesagt am 8.8. um 8 Uhr - eröffnet Corny Littmann mit drei weiteren Gesellschaftern das Schmidt Theater auf dem Spielbudenplatz auf St. Pauli. Dort wird er auch über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt, als er zusammen mit Lilo Wanders und Marlene Jaschke in der "Schmidt"-Mitternachtsshow die Bühne aufmischt. Als "Herr Schmidt" sorgt er im dritten Programm des NDR für Aufsehen. Er provoziert unter anderem mit seinem Einsatz für Schwule und die Aids-Hilfe, sodass der Bayrische Rundfunk sich sogar aus einer Show ausblendet. Aber: Der Mix aus Comedy, Musik und Artistik erhält sogar den Grimme-Preis.

Tivoli und Schmidtchen folgen

Vielleicht, weil man auf einem Bein nicht stehen kann, eröffnet Littmann 1991 noch ein zweites Theater: das Tivoli. Beide Häuser laufen so erfolgreich, dass sie ohne öffentliche Zuschüsse auskommen. 2015 kommt die dritte Spielstätte dazu: das Schmidtchen im Klubhaus St. Pauli. Littmann übernimmt auch die Regiearbeit für Produktionen an seinen Theatern. Die erste ist das Musical "Cabaret". Es folgen Inszenierungen wie "Fifty Fifty", "Sixty Sixty" und "Heiße Ecke - Das St. Pauli Musical".

Während der Corona-Krise äußert er sich immer wieder kritisch über die Benachteiligung von Künstlern aufgrund des Lockdowns und ausbleibender staatlicher Hilfen. Seiner Meinung nach müsse man lernen, mit dem Virus zu leben und langfristige Strategien dafür entwickeln. "Dann sind wir nicht so sehr Opfer dieses Virus'."

Als Unternehmer mehr Unterstützung von der CDU als von der SPD

Aber mit Theater allein gibt sich Littmann nicht zufrieden. Einige Zeit ist er für die Hamburger Grünen aktiv, für die er 1980 - wenn auch erfolglos - als Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl antritt. Anschließend lässt er seine politischen Tätigkeiten ruhen. Als Unternehmer macht er mit der CDU bessere Erfahrungen als mit der SPD, wie er 2008 in einem Interview mit der "taz" erklärt. Der Hamburger Kiez sei für die Sozialdemokraten immer "ein weißer Fleck auf der Landkarte" gewesen. Sie hätten sich für St. Pauli geschämt. "Helmut Schmidt hat Mitte der Achtzigerjahre betont, dass ein Hamburger nicht auf die Reeperbahn geht, und Michael Naumann hat im Wahlkampf allen auswärtigen Besuchern empfohlen, die Reeperbahn zu meiden."

Der CDU-Senat hingegen habe mit der Reeperbahn und St. Pauli Städtewerbung betrieben. "Er hat ganz pragmatisch gesagt: 'Hier kommen jährlich 20 Millionen Touristen her. Diese Besucherströme können und wollen wir etwa mithilfe des Stadtmarketings etwas lenken.'" Dennoch sei in der Folge - von 2008 bis 2010 - Schwarz-Grün in Hamburg keine Liebesehe gewesen, stellt Littmann fest.

Ausrufezeichen im Fernsehen, drei Fragezeichen im Hörspiel

Der vielseitige Künstler übernimmt auch Rollen im Fernsehen: 1997 mimt er im ARD-Großstadtrevier einen Praktikanten. 2015 spielt Littmann in dem Fernsehfilm "Familie verpflichtet" mit. Darin geht es um ein jüdisch-arabisch homosexuelles Pärchen, das sich gegen die Tradition ihrer Familien zu Wehr setzen muss. Ein Thema, das zu ihm passt.

1998 tritt er als Gastsprecher in einer "Die drei Fragezeichen"-Folge auf. Littmann spricht in "Die Karten des Bösen" den Reporter Mike Hansen. Radio hingegen hört er meist nur beim Autofahren - und das nicht zu laut, wie er sagt.

Acht Jahre lang Präsident des FC St. Pauli

Corny Littmann © dpa
In seiner Zeit als Präsident beim FC St. Pauli verhilft Corny Littmann dem Verein zum Erfolg.

Lauter geht es dagegen beim Fußball zu. Und der gehört auch zu Littmanns Leben. Rund acht Jahre, von 2003 bis 2010, ist er Präsident des FC St. Pauli. Er bringt den damals maroden Verein nicht nur finanziell auf Vordermann, sondern schippert das angeschlagene Piratenschiff auch von der Regional- zurück in die Bundesliga. "Die Gesänge am Millerntor gehen ans Herz und manchmal auch an die Nerven", gesteht er NDR Kultur 2015. In seine Amtszeit fallen unter anderem die erfolgreichen Marketingaktionen mit den T-Shirts "Weltpokalsiegerbesieger" und "Retter". Dass 2003 ausgerechnet der große FC Bayern München - wohlgemerkt nach einer peinlichen 1:2-Niederlage am Millerntor 2002 - dem klammen Verein ein Jahr später mit einem Benefiz-Spiel aus der Patsche hilft, hätte kaum jemand gedacht.

Er habe als erster Klubboss offen schwul gelebt, das sei sicherlich außergewöhnlich gewesen, sagt Littmann 2020 der "Sport Bild". "Ich schlug sogar vor, dass bei Toren von St. Pauli Frauen an der Stange tanzen und bei Gegentoren Männer." Aber er habe auch genau auf die Finanzen und den Erfolg achten müssen, sonst wäre der Verein nicht zweimal von der Dritten in die Erste Liga aufgestiegen, sagt er. "In der Hinsicht war auch ich ganz normal."

Scharfe Kritik an Katar - Sorge um Lage in Ostdeutschland

Über den Fußball-WM-Gastgeber Katar und dessen Umgang mit Homosexuellen sagt Littmann im November 2022: "Katar ist überhaupt kein Einzelfall. In vielen arabischen Staaten wird Homosexualität oft noch mit der Todesstrafe bestraft". Die Verantwortlichen sollten "gefälligst Stellung beziehen". In Deutschland hingegen sei schon viel für Homosexuelle erreicht worden. "In Großstädten wie Berlin, Hamburg, Köln und München kann ein schwuler Mann ohne Repressionen offen leben. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir viele ländliche Gebiete haben, gerade auch im Osten Deutschlands, wo ich nicht als offen Schwuler leben möchte", kritisiert Littmann,

"Das Richtige in der richtigen Reihenfolge trinken"

Sehr gerne hingegen lebt Corny Littmann im Hamburger Stadtteil St. Pauli - und das seit Langem. Zu einer guten Nacht auf dem Kiez gehört es für ihn, mit Freunden loszuziehen und "das Richtige in der richtigen Reihenfolge zu trinken". Auch gutes Essen zählt für den Künstler einfach zu einem lebenswerten Leben. 2020 eröffnet er im Schmidt ein eigenes Restaurant im Stil der 50er-Jahre. Auf der Speisekarte stehen Labskaus ebenso wie Birnen, Bohnen und Speck sowie Hamburger Pannfisch.

Heirat nach elf Jahren Beziehung - Gedanken an den Tod

2006 heiratet er seinen Freund, den Tenor Madou Ellabib. "Nach elf Jahren stellt man fest, dass man zusammen eine Menge durchgemacht hat. Wir wollten uns zueinander bekennen, zeigen, dass wir uns gegenseitig verantwortlich fühlen", sagt Littmann der "Hamburger Morgenpost". Es sei auf jeden Fall eine Liebesheirat, einen Ehevertrag gebe es nicht.

Dass Corny Littmann häufig an die Zukunft denkt, hat er als Visionär schon oft bewiesen. Auch der Tod ist dabei ein Thema: Wenn er die Wahl habe, würde er gern seine letzten Tage in einem Hospiz verbringen, "am liebsten in dem von mir so geschätzten und geliebten Hospiz Leuchtfeuer". Sogar seine eigene Trauerfeier ist seinen Worten zufolge weitgehend durchgeplant, wie er 2021 im Rahmen der Hamburger Hospizwoche berichtet. Er werde dabei der einzige Redner sein. Was Littmann meint: Es werde seine Stimme zu hören sein. "Ich werde aus meinem Leben erzählen, mit der entsprechenden Musik und bebildert natürlich." Auch die Lieder habe er schon ausgesucht. So sollen beispielsweise "Theater" von Katja Ebstein und "Halt dich an deiner Liebe fest" von Ton Steine Scherben gespielt werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 21.03.2022 | 21:00 Uhr

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