Umfrage zur Bundeswehr: Mehrheit will die Wehrpflicht zurück

Stand: 04.03.2024 14:34 Uhr

Laut #NDRfragt-Umfrage sehen die Befragten die Bundeswehr mehrheitlich nicht in der Lage, Deutschland gegen einen Angriff angemessen zu verteidigen. Es fehle demnach an Ausrüstung und Personal. Viele sind für die Wiedereinführung der Wehrpflicht.

von Andreas Sorgenfrey

#NDRfragt wollte in der jüngsten Umfrage wissen: "Bundeswehr unter Druck - Brauchen wir die Wehrpflicht zurück?". Eine deutliche Mehrheit beantwortet diese Frage mit "Ja". Die wichtigsten Argumente für eine Wiedereinführung: Junge Menschen sammeln dabei wichtige persönliche Erfahrungen - und die Verteidigungsbereitschaft muss erhöht werden.

Alle Ergebnisse dieser nicht repräsentativen, aber gewichteten Umfrage gibt es als PDF zum Herunterladen.

Staatsbürger in Uniform

Über 50 Jahre lang gab es in Deutschland die Wehrpflicht für junge Männer, bis sie im März 2011 ausgesetzt wurde. Ein Jahr zuvor waren noch knapp 60.000 verpflichtete Männer in der Truppe. Als Konzept hinter der Wehrpflicht galt bis zuletzt der sogenannte Staatsbürger in Uniform: Die Soldaten sollten nicht nur eine militärische Rolle haben, sondern sich auch als normale Bürger des Landes verstehen. Militärische Verantwortung und das Engagement für demokratische Prinzipien sollten sich verbinden.

Mit Blattwerk und Gras getarnte Wehrpflichtige rennen mit ihren Waffen im Rahmen ihrer Grundausbildung bei einer Übung über das freie Gelände © dpa-Bildfunk Foto: Frank May
AUDIO: Rückkehr zur Wehrpflicht? Neue Bedrohungslage, aber realistisch? (9 Min)

Ohne Wehrpflicht keine Wehrhaftigkeit?

Zurück ins Jahr 2024: Die Bedrohungslage in Europa ist angesichts des Kriegs in der Ukraine binnen weniger Jahre stark gestiegen. In Deutschland rückt damit die Bundeswehr in den Fokus - und auch eine mögliche erneute Wehrpflicht. Wie blickt die #NDRfragt-Community auf das Thema? Die überwiegende Mehrheit der Befragten (66 Prozent) ist für eine Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland.

"Ich bin für die Wiedereinführung der Wehrpflicht, weil die Bedrohung durch Staaten wie Russland, China und den Iran deutlich zugenommen hat." #NDRfragt-Mitglied Klaus-Ulrich, 67, aus Schleswig-Holstein

Jüngere Menschen sehen die Verpflichtung dabei skeptischer: 56 Prozent der unter 30-Jährigen sind gegen die Wiedereinführung. Nur ein knappes Drittel wäre überhaupt bereit, selbst Wehrdienst zu leisten.

Wehrpflicht: Pro und Kontra

Disziplin, Verantwortung, Teamgeist - die persönlichen Erfahrungen für junge Rekruten sind für die Teilnehmenden der Umfrage das wichtigste Argument für die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Erst dahinter kommt "Die Verteidigungsbereitschaft muss erhöht werden" mit 53 Prozent der Stimmen.

"Die Bundeswehr muss als Institution grundlegend reformiert werden, sie ist viel zu träge und anfällig für Rechtsextremismus und hat ein großes Problem mit Diskriminierung wie Sexismus, Rassismus und Queerfeindlichkeit. Mit dabei sind überteuerte Beschaffungsverfahren, die sich in keiner Weise rechtfertigen lassen." #NDRfragt-Mitglied Patrick, 26, aus Hamburg

Und was spricht gegen die Wehrpflicht? Knapp die Hälfte der Befragten zweifelt daran, dass genügend Ausrüstung, Unterkünfte und Ausbilder für die Verpflichteten zur Verfügung stehen. Auch der starke Eingriff in die persönliche Handlungsfreiheit junger Menschen wird oft genannt: Ein gutes Viertel sieht das als ein Argument gegen die Wiedereinführung.

Stimmen aus der #NDRfragt-Gemeinschaft zur Wiedereinführung der Wehrpflicht

#NDRfragt-Mitglied Jonas, 30, aus Niedersachsen
"Ich finde es gut, wenn die Wehrpflichtigen Verantwortung und Selbstständigkeit lernen."
#NDRfragt-Teilnehmer Andre, 33, aus Mecklenburg-Vorpommern
"Die Zeit beim Bund war die schönste Zeit meines Lebens. Habe heute noch Kontakt mit manchen Kameraden. Das hat mich aufs Leben vorbereitet, wie es die Schule nicht geschafft hat."
#NDRfragt-Teilnehmer Lovis, 25, aus Hamburg
"Wenn in Deutschland wieder eine Wehrpflicht eingeführt wird, werde ich in diesem Land keine Kinder bekommen."
#NDRfragt-Mitglied Ekkehard, 60, aus Schleswig-Holstein
"Wir brauchen mehr Soldaten und Reservisten, um im Verteidigungsfall wehrhaft zu sein. Das werden wir nur über eine spezielle Wehrpflicht erreichen können."
#NDRfragt-Mitglied Robert, 48, aus Schleswig-Holstein
"Ich bin gegen die Wehrpflicht, da ich meine Kinder nicht bekommen habe, damit sie für den Staat in den Krieg ziehen. Ich bin gegen jeglichen Zwang. Wer freiwillig zur Bundeswehr als Zeitsoldat gehen möchte, kann das gerne tun."

Bürgerinnen in Uniform

Sollte die Wehrpflicht wiederkommen, dann nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen - das Votum der #NDRfragt-Community ist hier eindeutig: 73 Prozent der Befragten sind für eine Wehrpflicht für alle. Männer stimmen dem zwar häufiger zu, doch auch unter den weiblichen Befragten sprachen sich zwei Drittel dafür aus, dass eine potenzielle Wehrpflicht auch für Frauen kommen sollte.

"In kaum einem anderen Land wird Gleichberechtigung so laut durch die Straßen gebrüllt, warum dann bei so einem Thema unterscheiden?" #NDRfragt-Mitglied Andra, 29, aus Schleswig-Holstein

Vereidigung von Offiziersanwärterinnen und -anwärtern der Deutschen Marine in der Marineschule Mürwik im August 2007. © dpa picture alliance Foto: Christian Hager
Offiziersanwärterinnen und -anwärter in der Marineschule Mürwik bei Flensburg.

In der Bundeswehr gibt es aktuell gut 24.000 Soldatinnen - ein Anteil von etwa 13 Prozent. Das ist noch weit weg von der israelischen Armee, in der rund 30 Prozent in der kämpfenden Truppe dienen. Norwegen ist bis dato das einzige europäische Land mit einer Wehrpflicht für Frauen, 2015 wurde sie dort eingeführt.

Stimmmen aus der #NDRfragt-Gemeinschaft zur Wehrpflicht auch für Frauen:

#NDRfragt-Mitglied Nadja, 45, aus Schleswig-Holstein
"Ich wäre gegen eine Wehrpflicht für Frauen, da diese durch ihre Schwangerschaften und meist durch die Kinderbetreuung bereits im Arbeitsleben zurückstecken müssen und damit auch etwas für die Gesellschaft tun."
#NDRfragt-Mitglied Lisa, 32, aus Hamburg
"Wenn es eine reine Wehrpflicht wäre, sollten Frauen nicht davon betroffen sein, weil ich glaube, dass Frauen gegen Männer im Krieg nicht die gleichen Chancen hätten (auch wenn das meiner feministischen Haltung eigentlich widerspricht)."
#NDRfragt-Mitglied Katharina, 36, aus Niedersachsen
"Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt ohnehin benachteiligt, verdienen weniger und müssen nach der Elternzeit oft mit weniger Verdienst auskommen, zudem tragen sie immer noch den Hauptteil der Care-Arbeit."
#NDRfragt-Mitglied Marieke, 38, aus Mecklenburg-Vorpommern
"Gleiche Rechte und Pflichten für alle."

Ist die Bundeswehr verteidigungsfähig?

Wer nicht bezahlt, wird auch nicht geschützt, so hat es kürzlich der Ex-Präsident der USA, Donald Trump, sinngemäß ausgedrückt. Das hat in Deutschland die Diskussion geschürt, ob die Bundeswehr nicht deutlich mehr leisten muss, um Deutschland und Partnerländer schützen zu können. Nach fast einhelliger Ansicht der Befragten in der #NDRfragt-Community ist die Bundeswehr nicht verteidigungsfähig: Fast 90 Prozent sind der Meinung, dass sie einen militärischen Angriff nicht abwehren könnte.

 

"Die Verteidigungsmacht der EU kann nur dann glaubwürdig stark sein, wenn Deutschland über ein jederzeit einsatzfähiges Heer und moderne Ausrüstung verfügt." #NDRfragt-Mitglied Simone, 45, aus Hamburg

Dass Russland in den nächsten zwölf Monaten einen der NATO-Staaten angreift, befürchtet die Mehrheit zwar nicht. Zwei Drittel sagen dennoch, dass sich Deutschland bei der Landesverteidigung nicht allein auf die NATO verlassen sollte. Eigene Atomwaffen in Deutschland müssen es laut Mehrheit im #NDRfragt-Votum aber nicht sein. Über 80 Prozent der Teilnehmer sehen diese Notwendigkeit nicht.

Stimmen aus der #NDRfragt-Gemeinschaft zur Verteidigungsfähigkeit:

#NDRfragt-Mitglied Heiner, 80, aus Hamburg
"Im Verteidigungsfall ist die derzeitige Bundeswehr eine Lachnummer. Es fehlt an Personal, Unterkünften und Ausstattung."
#NDRfragt-Mitglied Eleonore, 73, aus Niedersachsen
"Die Bundeswehr ist derzeit nicht verteidigungsfähig, und sie ist zu unattraktiv für junge Menschen, freiwillig zu kommen."
#NDRfragt-Mitglied Andreas, 35, aus Schleswig-Holstein
"Meiner Meinung nach wird Russland weiterhin an den Grenzen mit dem Waffen rasseln, aber für einen weiteren Krieg hat Russland weder die Motivation, noch die Ressourcen."

Wachsende #NDRfragt-Community mit mehr als 41.000 Norddeutschen

#NDRfragt ist das Meinungsbarometer für den Norden. Mittlerweile haben sich mehr als 41.000 Norddeutsche für die Community angemeldet. Wer noch nicht dabei ist, aber mitmachen will, kann sich registrieren und wird zu den Umfragen per E-Mail eingeladen. Mitglied kann werden, wer in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg oder Bremen wohnt und mindestens 16 Jahre alt ist.

Über diese Befragung

Die Antworten stammen aus der Umfrage "Bundeswehr unter Druck - Brauchen wir die Wehrpflicht zurück?", an der sich 19.641 Norddeutsche beteiligt haben. Für die Ergebnisse wurden Antworten ausgewertet, die vom 19. bis zum 26. Februar 2024 um 9 Uhr abgegeben wurden. An den Umfragen von #NDRfragt nehmen Menschen aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen teil. Die Umfragen werden online ausgefüllt.

Die Ergebnisse der Befragung sind nicht repräsentativ. Wir haben sie allerdings nach den statistischen Merkmalen Alter, Geschlecht, Bundesland und Schulabschluss gewichtet. Das heißt: Antworten von Bevölkerungsgruppen, die unter den Befragten seltener vertreten sind als in der norddeutschen Bevölkerung, fließen stärker gewichtet in die Umfrage-Ergebnisse ein. Und die Antworten von in der Befragung überrepräsentierten Gruppen werden schwächer gewichtet. Insgesamt verteilen sich die Antworten dann am Ende eher so, wie es der tatsächlichen Verteilung der Bevölkerungsgruppen in Norddeutschland entspricht.

Weitere Informationen
Eine Frau schaut auf einen Monitor mit dem Schriftzug "#NDRfragt" (Montage) © Colourbox

#NDRfragt - das Meinungsbarometer für den Norden

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 04.03.2024 | 14:00 Uhr

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