Abkehr vom russischen Öl: Mehr Umschlag in Rostock?

Stand: 27.04.2022 14:50 Uhr

Deutschland forciert die Unabhängigkeit von russischem Öl und rüstet sich für einen Betreiberwechsel der mehrheitlich dem Rosneft-Konzern gehörenden Öl-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt. Aus der Stadt an der Oder werden Tankstellen in Mecklenburg-Vorpommern versorgt. Künftig könnte dem Ölhafen Rostock eine wichtigere Rolle zukommen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) schließt regionale Engpässe nicht aus.

Habeck geht davon aus, dass Deutschland innerhalb weniger Tage die Unabhängigkeit von Öllieferungen aus Russland erreichen kann, wie er nach einem Treffen mit seiner polnischen Amtskollegin Anna Moskwa in Warschau erklärte. Der Anteil russischen Öls an den Importen sei bereits von 35 Prozent auf etwa zwölf Prozent gesenkt worden, die meisten Lieferverträge seien schon umgestellt worden. Laut Habeck werden in Schwedt die verbliebenen zwölf Prozent des russischen Anteils an den Ölimporten verarbeitet. Die PCK-Raffinerie in Schwedt ist an die aus Russland kommende "Druzhba"-Öl-Pipeline angebunden und gehört mehrheitlich dem russischen Rosneft-Staatskonzern. Es ist nach Einschätzung von Habeck unwahrscheinlich, dass Rosneft damit einverstanden wäre, dass die Raffinerie Schwedt durch Öl-Lieferungen aus anderen Ländern als Russland versorgt wird.

Man habe sich auf allen Ebenen darauf vorbereitet, dieses Problem zu lösen, erklärte Habeck in einem am Mittwoch per Twitter verbreiteten Video. Für den Fall, dass Rosneft nicht mehr die Raffinerie kontrolliere, wolle man Schwedt über den Hafen Rostock mit Öl beliefern. Denn zwischen der Hansestadt und Schwedt wurde schon zu DDR-Zeiten eine Pipeline verlegt. Da die Raffinerie teilweise auch Polen mitversorge, wolle man das Land hier ebenfalls einbinden.

Öl nach Schwedt: "Rostock wird ein Baustein sein"

Umgekehrt könnte die Raffinerie in Schwedt auch mit Öl versorgt werden, das in den Hafen von Gdansk (Danzig) verschifft wird und über Pipelines ebenfalls nach Schwedt transportiert werden könnte. Auch die nationale Ölreserve Deutschlands soll zur Versorgung der Raffinerie angezapft werden. Der Energiexperte Ralf Tschullik vom Insitut für erneuerbare Energien in Rostock hält es möglich, dass Rostock bei der Ölversorgung eine bedeutende Rolle spielen könnte. "Rostock wird ein Baustein sein, aber Rostock kann nicht der einzige Baustein sein", sagte Tschullik am Mittwoch bei NDR MV Live. Der Rostocker Hafen sei bereits ein Umschlagplatz für Öl mit existierender Infrastruktur.

Pipeline-Infrastruktur steht seit DDR-Zeiten

Derzeit mache Öl mehr als 30 Prozent des Rostocker Hafenumschlags aus, so Tschullik. Die Infrastruktur sei schon zu DDR-Zeiten errichtet worden, als von Rostock aus das mitteldeutsche Chemiedreieck, der Berliner Raum und die Lausitz versorgt wurden. Die Leitungen würden bis heute genutzt und gewartet. Nach Meinung Tschulliks ist der Hafen "innerhalb von wenigen Stunden bis wenigen Tagen" direkt arbeitsfähig. "Wenn morgen beispielsweise ein Öltanker anlandet in Rostock, dann ist dieser Öltanker aus meiner Sicht umschlagfähig und das Öl kann in eine Pipeline geschickt werden - und PCK in Schwedt kann versorgt werden."

Rostocks Hafen-Chef: "Es kommt auf die Mengen an"

Das sieht auch Hafen-Geschäftsführer Jens Aurel Scharner so, wie er bei NDR MV Live erklärte: "In den vergangenen Jahren wurde über Rostock auch Öl importiert." Die entsprechenden Unternehmen im Hafen Rostock seien dazu in der Lage. Die Importe seien auch nach Schwedt eingespeist worden. Es gebe auch die nötigen Öllager. "Wenn wir ein wichtiger Baustein für die Versorgung sein können, sind wir bereit", so Scharner. Aber: "Es kommt auf die Mengen an. Wie groß sind die Schiffe? Wie oft kommen die Schiffe?" Auch große Schiffe könnten mit der Seekanalvertiefung auf 16,5 Meter Rostock anlaufen.

Habeck hält höhere Preise und regionale Engpässe bei Benzin für möglich

Habeck ließ offen, wie ein Betreiberwechsel in Schwedt zustande kommen könne. Insgesamt sei ein Öl-Embargo gegen Russland aber jetzt schon handhabbar. Doch dies könnte auch zu spürbaren Auswirkungen für Verbraucher führen. "Es würde nicht mehr zu einer Vollkatastrophe führen", gleichwohl hält Habeck höhere Preise und regionale Engpässe für wahrscheinlich. Ob Mecklenburg-Vorpommern von diesen Engpässen besonders betroffen sein könnte und Autofahrer künftig mangels Benzin ihren Wagen öfters stehen lassen müssen, sagte Habeck nicht. Laut früheren Einschätzungen von Experten dürfte ein Stillstand der Raffinerie in Schwedt Auswirkungen auf die Kraftstoffversorgung der Tankstellen im Nordosten haben. Denn der in Mecklenburg-Vorpommern - und auch in Brandenburg und Berlin - getankte Sprit stammt mehrheitlich aus Schwedt. Neben Benzin, Diesel, Heizöl wird dort auch Kerosin für den Flugverkehr produziert.

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Abhängigkeit von Gas und Kohle aus Russland sinkt

Habeck war am Dienstag zu den Gesprächen über Energiesicherheit und -Zusammenarbeit nach Warschau gereist. Es gehe darum, sich "aus der Klammer russischer Importe" zu befreien. Dabei seien schon Fortschritte gemacht worden. Der Anteil der Kohlelieferungen von Russland nach Deutschland ist laut Habeck von rund 50 Prozent vor dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine inzwischen auf weniger als 25 Prozent gesunken. Anfang August soll ein komplettes EU-Kohleembargo in Kraft treten. Bei Gas sei der Anteil der Importe aus Russland von 55 Prozent auf rund 40 Prozent gesenkt worden, so Habeck. Um die Gas-Abhängigkeit zu überwinden, werde man nun "LNG-Terminals in Rekordgeschwindigkeit errichten".

In der Zukunft: Grüne Kraftstoffe aus Rostock für Schwedt?

Auch Tschullik hält es für erforderlich, dass in Rostock neben dem Öl- auch der Gasumschlag etabliert werden muss. Dies sei eine Riesen-Herausforderung, aber "beides zusammen wird jetzt durch den aktuellen politischen Rahmen immer mehr aufs Tableau kommen". Wichtig sei, dass es zu nachhaltigen Investitionen kommen. Diese würden entlang der ganzen Wertschöpfungskette die Region und den Standort entwickeln, Arbeitsplätze vor Ort schaffen und die Region insgesamt stärken. Schon vor mehr als zwei Jahren sei damit begonnen worden, für den Standort Rostock mit einer "Energie-Hafenstrategie" eine Perspektive zu entwickeln. Es werde etwa an einer Forschungs-Infrastruktur für sogenannte PTL-Kraftstoffen wie etwa E-Kerosin oder grünen Kraftstoffen gearbeitet. Zusammen mit Schwedt habe sich Rostock zudem aufgemacht, grüne Kraftstoffe für die dortige Raffinerie in der Nach-Ölzeit zu generieren. "Das ist aus meiner Sicht und auch aus der Sicht von PCK Schwedt dem Vernehmen nach das wichtigste Zukunftsprojekt, das wir jetzt gemeinsam als Länder Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg für Schwedt und für Rostock erarbeiten", so Tschullik.

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NDR 1 Radio MV | Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern | 27.04.2022 | 16:00 Uhr

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