Mitglieder der Gruppe "Die letzte Generation" blockieren einen Teil der Autobahn. © dpa/Initiative "Letzte Generation"

Letzte Generation: Klimaschutz-Gruppe mit "absurder Legitimation"

Stand: 22.02.2022 20:07 Uhr

Die jungen Menschen der Klimaschutz-Gruppe "Letzte Generation" fordern unter anderem ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung. Dafür blockieren sie Straßen und legen den Berufsverkehr lahm - wie etwa am Montagmorgen in Hamburg.

Was ist das für eine "letzte Generation" und wie erfolgreich kann sie sein? Ein Gespräch mit dem Soziologen Harald Welzer.

Herr Welzer, wer sitzt da auf den Straßen und mit welcher inneren Haltung?

Harald Welzer: Das ist nicht so leicht zu beantworten, weil ich die Personen gar nicht kenne und auch nicht mit denen gesprochen habe. Aber es ist eine Gruppe, die schon seit längerer Zeit aktiv ist, die personell zum Teil identisch ist mit denen, die vor der Bundestagswahl das Mittel des Hungerstreiks gewählt haben. Es ist also eine Gruppe, die für sich in Anspruch nimmt, gewissermaßen bis zum Äußersten zu gehen und sich dadurch legitimiert fühlt, als "letzte Generation" die Welt vor dem Untergang zu bewahren.

VIDEO: Klimaproteste: Autobahn-Blockade als letztes Mittel? (5 Min)

Das ist jetzt noch keine Massenbewegung - bleibt das so?

Welzer: Ich würde eher fragen: Wie entwickelt sich das, dass angesichts der objektiven Problematik einer unzureichenden Klimaschutzpolitik - und zwar global, nicht nur national - wir in den nächsten Jahren zunehmend Probleme mit der Erderwärmung bekommen und den damit verbundenen Extremwetterereignissen? Das ist etwas, was eine Form von politischer Hilflosigkeit, von Ohnmachtsgefühlen, gerade bei jungen Menschen, sicherlich verstärken wird. Die Fridays-for-Future-Bewegung hat das historische Pech gehabt, im vollen Lauf durch die Corona-Pandemie abgebremst worden zu sein. Wir sehen unterschiedliche Fraktionierungen: welche, die direkt in die Politik gehen und Grünen-Abgeordnete werden, und andere, die sich in dieser Weise radikalisieren. Das ist eine absehbare Entwicklung, die so weitergehen wird.

Können wir bei einer Bewegung wie "Letzte Generation" von einer radikalisierten Bewegung sprechen?

Welzer: Ja, absolut. Vor allen Dingen auch in der Selbstdarstellung. Wenn sich eine Generation als "Letzte Generation" bezeichnet, dann stellt sie sich außerhalb der Geschichte und hat, aus welchen Gründen auch immer, das Gefühl, dass nach ihnen nichts mehr kommt, wenn sie jetzt nicht geschichtsmächtig werden. Das ist natürlich eine völlig irre Konstruktion - das kann noch kein Mitglied einer Generation von sich behaupten, dass nach ihm oder ihr nichts mehr kommt. Das ist eine vollkommene Borniertheit gegenüber all dem, was danach noch kommen wird, egal, unter welchen Umständen die Leute dann leben werden. Hier zeigt sich schon, dass das eine Hybris ist, eine Form von Selbstermächtigung auf der Grundlage einer vollkommen absurden Legitimation.

Die Aktivistinnen und Aktivisten erregen mit ihren Aktionen ganz viel Aufmerksamkeit - sie verärgern aber mit ihren Blockaden auch viele Leute. Wie sinnvoll ist diese Art von Protest?

Welzer: Es geht hier um die Ökonomie der Aufmerksamkeit, in der alle Leute versuchen, ihr Anliegen zur Geltung zu bringen. Die Querdenker auf der anderen Seite sind erfolgreich damit, dass sie medial unglaublich überrepräsentiert sind, gemessen daran, wie viele sie sind. Und so ähnlich ist es mit diesen Leuten der "letzten Generation" auch: Sie erzielen eine sehr hohe Aufmerksamkeit. Das Mittel des sogenannten zivilen Ungehorsams ist ja auch darauf geeicht, solche Aufmerksamkeit zu erzielen. Das ist erst mal das primäre Ziel. Ob man damit irgendwelche Ziele, die man vorgibt zu erreichen, dann besser erreicht - das steht stark im Zweifel.

Die Aktivistinnen und Aktivisten hatten Bundeskanzler Scholz ein Ultimatum gestellt. Es geht um ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung. Am Sonntag lief das Ultimatum ohne Reaktion aus Berlin ab. Soll die Regierung auf diese - im Moment überschaubare - Gruppe überhaupt eingehen?

Welzer: Das ist ja eine Absurdität. Man kann einer gewählten Regierung in einem funktionierenden demokratischen Rechtsstaat kein Ultimatum stellen. Mit derselben Perspektive könnten Querdenker ein Ultimatum gegen Corona stellen. Es ist eine vollkommene Unmöglichkeit und würde unserer parlamentarischen Demokratie überhaupt nicht entsprechen, wenn eine Bundesregierung auf so etwas eingehen würde.

Wenn ich das richtig heraushöre, nehmen Sie diese Bewegung nicht richtig ernst, oder?

Welzer: Es gibt Provokationen wie vom Zentrum für Politische Schönheit oder von der Gruppe Peng!, die mit satirischen Formen versuchen Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das hier ist etwas anderes. Ich habe sogar für das Grundanliegen sehr große Sympathien: Ich bin auch für eine verbesserte Klimaschutzpolitik, und ich finde auch Essen wegzuschmeißen überhaupt nicht gut. Aber ich kann doch alles das, was ich tue, nicht damit begründen, dass ich mich selber überhöhe und für mich in Anspruch nehme, für alle anderen zu sprechen. Das ist zutiefst antidemokratisch. Deshalb finde ich solche Versuche infantil.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.02.2022 | 18:00 Uhr

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