John Neumeier im Porträt © picture alliance/dpa | Christian Charisius

John Neumeier: Er hat Hamburg zur Ballett-Metropole gemacht

Stand: 13.05.2022 18:34 Uhr

Seit fast einem halben Jahrhundert ist John Neumeier Ballettdirektor und Chefchoreograf des Hamburg Balletts. 2023 hört er auf - aber sicherlich nicht damit, zu arbeiten.

Hamburg ohne seinen Ehrenbürger John Neumeier als Ballettchef - das ist kaum vorstellbar. Trotzdem: Im Sommer 2023 soll Schluss sein. "Es ist eine feste Entscheidung. Ich habe mich entschieden, meinen Vertrag nicht zu verlängern", bekräftigte Neumeier im März bei der Vorstellung des Programms für seine letzte Saison. "Als ich vor knapp 50 Jahren nach Hamburg kam, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich in dieser Stadt die längste Zeit meines Lebens verbringen würde", sagte der mittlerweile dienstälteste Ballettchef der Welt. 1973 hatte der damalige Intendant August Everding den gebürtigen US-Amerikaner an die Hamburger Staatsoper geholt.

Ein Musical als Schlüsselerlebnis 

"Solange ich mich erinnern kann, wollte ich Tänzer werden" sagt Neumeier. Schlüsselerlebnis für ihn ist ein Musical, das er als Vierjähriger mit seiner Mutter besucht: "Als wir aus dem Kino nach Hause kamen, wollte ich die Tänze nachmachen. Immer habe ich getanzt." Neumeier liebt von nun an die bunten Film-Musicals, "aber ich hasste es, wenn die Leute in den Filmen gesprochen haben. Das fand ich total langweilig. Ich wollte nur die Aktion, das Tanzen sehen." 

Sein Heimatort Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin wurde auf Tourneen von zwei verschiedenen Ballettkompanien besucht. "Ich bewegte meine Eltern dazu, dass ich mir eine Aufführung von 'Coppélia' ansehen durfte", erinnert sich der heute 83-Jährige. "Das war ein Traum, ich werde es nie vergessen. Der Vorhang ging auf und heraus kam eine Frau in einem bunten Tutu. Ich dachte: Gott, lass sie bitte nicht sprechen!"  

Familie hatte Verständnis für Neumeiers "merkwürdige Vision" 

Die Familie, in die Neumeier am 24. Februar 1939 hineingeboren wird, ist zwar nicht besonders künstlerisch veranlagt, steht seinen Ambitionen jedoch auch nicht im Weg. Sein Vater, als Schiffskapitän selten zu Hause, findet den Wunsch seines Sohnes, zu tanzen, zumindest interessant. Seine Mutter ist künstlerisch aufgeschlossener. "Es gab immer ein Verständnis für diese merkwürdige Vision, die ich hatte", erzählt Neumeier. 

An der katholischen Universität seiner Geburtsstadt, wo er englische Literatur und Theaterpraxis studiert, bestärkt ihn später ein Lehrer des Jesuitenordens darin, Tänzer zu werden. Während seiner Tanzausbildung macht er Station in Kopenhagen, London und New York. Im Jahr 1963 bringt ein Engagement in Stuttgart den Tänzer erstmals nach Deutschland. Dort arbeitet er zunächst als Solist, später auch als Choreograf.

Anfänge in Hamburg: "Man hielt mich für ein junges Monster"

Sein Weg führt ihn weiter nach Frankfurt am Main, wo er mit 27 Jahren der jüngste Ballettdirektor Deutschlands wird. 1973 kommt schließlich der Ruf nach Hamburg - er wird Ballettdirektor und Chefchoreograf des Hamburg Balletts. Ein großer Schritt für Neumeier, denn hier kann er seine Vision wahr werden lassen, neue zeitgenössische Formen für das abendfüllende Ballett zu finden. Mit Erfolg - aus dem zunächst für drei Jahre geschlossenen Vertrag wird eine lebenslange Bindung. 

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Der Anfang ist alles andere als leicht: "Man hielt mich für ein junges Monster. Niemand wusste so richtig, was ich wollte und vorhatte", erzählt der Künstler. Doch seine Arbeit überzeugt: Mit Neuinterpretationen von "Romeo und Julia" oder "Der Nussknacker", Biografien wie "Nijinsky" oder "Die dritte Sinfonie von Gustav Mahler" baut er das Hamburg Ballett zu einer der besten deutschen Compagnien auf, wird mit Preisen überhäuft und auf den Bühnen der Welt umjubelt. 

Ballett für die Menschen

Wie er das schafft? Neumeier spürt in seinen Stücken dem nach, was mit Worten nicht gesagt werden kann: "Ein Choreograf arbeitet mit dem wichtigsten und kostbarsten Material, das es gibt: dem Menschen."

Schon in der ersten Spielzeit begründet er die Reihe der Ballett-Werkstatt, die Einblick in die Tanzgeschichte und die kreative Arbeit der Hamburger Compagnie gibt. 1975 ruft er als Abschluss und Höhepunkt der Saison die "Hamburger Ballett-Tage" ins Leben. Sie münden alljährlich in die Nijinsky-Gala - einer Veranstaltung, die sich jeweils einem tanzspezifischen oder balletthistorischen Thema widmet. Drei Jahre später gründet Neumeier eine eigene Ballettschule, um einen neuen Maßstab für die Ballett-Compagnie zu setzen.

25.000 Exponate: Ein Ort für John Neumeiers Ballett-Sammlung 

In seiner mittlerweile 60 Jahre spannenden Karriere sammelt der Choreograf auf der ganzen Welt alles, was mit Ballettgeschichte zu tun hat. Die Sammlung besteht unter anderem aus Gemälden, Fotografien und Skulpturen und einer Bibliothek zur Geschichte des Tanzes. Um die 25.000 Exponate zu erhalten und nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wird Neumeiers Sammlung in ein Ballettinstitut überführt, welches in Hamburg aufgebaut werden soll. Dafür will die Stadt eine Villa am Mittelweg kaufen. Betrieben werden soll das Institut von der John Neumeier Stiftung, die 2006 gegründet wurde.

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Seine Sammlung hat Neumeier stets inspiriert - und soll es auch in Zukunft tun: "Ich brauche sie, um zu verstehen, wo meine Vision hingeht. Diese Sammlung ist schön, aber auch nützlich. Es geht mir dabei nicht darum, Dinge zu kopieren, sondern einen Schritt weiter zu gehen als die Menschen, die hinter mir als Gemälde an der Wand hängen." 

Pläne für die Zukunft 

Und der nächste Schritt für Neumeier, wenn im Sommer 2023 sein Vertrag als Ballettdirektor ausläuft? "Ich habe schon oft daran gedacht, wie schön wäre es, wenn ich als freischaffender Choreograf arbeiten würde", erzählt er. "Dann müsste ich wirklich nur an die Menschen, die ich in einem Stück besetzt habe, denken - und nicht, was ganz wichtig ist für einen Ballettdirektor, auch an die Menschen, die nicht besetzt sind. Insofern: Ich plane schon ganz viele Projekte."

Dass Neumeier eher nicht der Typ ist, der es in Zukunft ruhiger angehen lassen wird, glaubt auch sein langjähriger Lebensgefährte, der renommierte Herzspezialist Hermann Reichenspurner, nicht: "Wenn John nicht arbeitet, arbeitet er trotzdem. Er liest, macht Kostüme und arbeitet an Bühnenbildern." Beide sind seit 2018 verheiratet. 

"The World of John Neumeier"

170 Stücke hat der Hamburger Ballettdirektor im Laufe seiner Karriere choreografiert - Ausschnitte davon sind in dem Stück "The World of John Neumeier" zu sehen, welches das Hamburg Ballett am 3. September auf dem Rathausmarkt zeigt. Die kostenlose Open-Air-Aufführung fungiert gleichzeitig als eine Art getanzte Biografie des Künstlers und eröffnet seine 50. und letzte Saison in der Stadt.  

 

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Dieses Thema im Programm:

DAS! | 11.05.2022 | 18:45 Uhr

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