VIDEO: Friedland - Als die Väter nach Hause kamen (43 Min)

Durchgangslager Friedland: Das "Tor zur Freiheit"

Stand: 07.05.2022 05:00 Uhr

Am 20. September 1945 wurde in Friedland das Durchgangslager für Flüchtlinge und Vertriebene eröffnet. Hunderttausende kamen zu Fuß und in Zügen. Noch heute werden dort Flüchtlinge untergebracht.

Mai 1945: Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg verloren. Auf den Straßen der Besiegten herrscht Chaos, die Menschen leiden Hunger. Die Versorgung ist längst zusammengebrochen. Millionen Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Gebieten wandern gen Westen, riesige Flüchtlingsströme ziehen durch das zerstörte Land. Die Besatzer müssen handeln, um Herr der Lage zu werden. Der britische Militärkommandant befiehlt, ein Auffanglager zu errichten.

Ställe der Uni Göttingen werden zu Unterkünften umgebaut

Er wählt dafür Friedland aus, ein Örtchen, das er als ideal für diesen Zweck befindet: Das Dorf liegt im südlichen Niedersachsen zwischen der britischen, amerikanischen und sowjetischen Besatzungszone. Es gibt dort einen Bahnhof, eine gut ausgebaute Straße und leer stehende Schweine- und Pferdeställe der Universität Göttingen. Auf Anordnung der Briten wird das Gelände zu einer Unterkunft für Kriegsflüchtlinge, Vertriebene, entlassene Kriegsgefangene und Heimatlose umgebaut.

Heimkehrer, Vertriebene, Flüchtlinge: Schnell wird es eng

Ein Heimkehrer aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft sieht im Lager Friedland in den 40er-Jahren zum ersten Mal sein Tochter. © picture alliance / akg Foto: akg-images
Bewegende Momente im Lager Friedland in den 40er-Jahren: Ein Vater - zurück aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft - sieht zum ersten Mal seine Tochter.

Das Lager wird innerhalb weniger Tage aus dem Boden gestampft. Am 20. September 1945 ist es einsatzbereit. Hunderttausende kommen, viele zu Fuß, die meisten mit dem Zug. Bis Ende 1945 schleusen die Briten eine halbe Million Menschen durch das Lager für die Weiterreise in verschiedene Regionen Deutschlands - vor allem entlassene Kriegsgefangene und Vertriebene. Doch der Platz reicht bald nicht mehr. Die Anlage muss vergrößert werden - mit britischen Armeezelten, Holzbauten und Wellblech-Baracken, den sogenannten Nissenhütten. Für die Ankömmlinge gibt es im Durchgangslager den wichtigen Registrierschein, der Voraussetzung für neue Papiere, Arbeit, Wohnung und Lebensmittelkarten ist.

Am 13. August 1946 trifft in Friedland der erste geschlossene Transport deutscher Kriegsgefangener aus der Sowjetunion ein.

Die Verantwortung für die Einrichtung geht im Februar 1948 auf das neu eingerichtete Niedersächsische Ministerium für Flüchtlingsangelegenheiten über. Am 31. März 1952 verlässt die letzte militärische Einheit der Briten das Lager Friedland. Mittlerweile hat das Niedersächsische Innenministerium die Aufsicht.

Theodor Heuss begrüßt letzte Heimkehrer aus Russland

Am 18. Oktober 1955 begrüßt Theodor Heuss die aus der der Sowjetunion heimgekehrten Zivilinternierte und ehemalige Soldaten im  Grenzdurchgangslager Friedland . © dpa - Bildfunk Foto: dpa
1955 treffen die letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion ein. Bundespräsident Heuss begrüßt sie persönlich.

1955 erreicht Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) in Moskau die Freilassung Tausender Kriegsgefangener. Auch sie kommen zuerst nach Friedland. Der damalige Bundespräsident Theodor Heuss reist persönlich zu den Heimkehrern, um sie zu begrüßen. Die letzten Gefangenen aus der Sowjetunion erreichen das Durchgangslager am 12. Oktober 1955.

Theodor Heuss um 1960
AUDIO: 18.10.1955: Bundespräsident Heuss begrüßt Heimkehrer (3 Min)

Zwischenstation für osteuropäische Spätaussiedler

In den Folgejahren ist Friedland vor allem Zwischenstation für deutschstämmige Spätaussiedler aus Osteuropa. Neben diesen finden in Friedland auch immer wieder Menschen aus unterschiedlichsten Ländern Zuflucht. 1956 zum Beispiel sind es Flüchtlinge aus Ungarn, 1973 nach dem Militärputsch in Chile Verfolgte des Pinochet-Regimes, 1978 Bootsflüchtlinge ("Boatpeople") aus Vietnam, 1984 Tamilen aus Sri Lanka und 1990 Flüchtlinge aus Albanien. In den Wendejahren 1989/90 kommen auch Übersiedler aus der DDR, dann auch Aussiedler aus den Nachfolgeländern der Sowjetunion. Allein im Jahr 1990 treffen 400.000 Aussiedler in Friedland ein.

Friedland wird zum "Symbol für Nächstenliebe"

Die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft im Grenzdurchgangslager Friedland. © dpa - Bildfunk Foto: Werner Schilling
1978 treffen Bootsflüchtlinge aus Vietnam im Grenzdurchgangslager ein.

Bis Ende der 90er-Jahre sinken die Zahlen der Aussiedler dann kontinuierlich, und so wird 1999 bekannt, dass Friedland nur noch als "Reservelager" erhalten bleiben soll. Doch es zeigt sich, dass der Rückhalt für die Einrichtung in der Bevölkerung stark ist. Bürger, Politiker und die örtliche Presse protestieren und sammeln fast 15.000 Unterschriften gegen die Schließung. Der damalige Innenminister Otto Schily (SPD) gibt nach und sagt zum 60. Jahrestag: "Friedland ist zum Symbol geworden für Hilfe aus dem Flüchtlingselend, für Nächstenliebe und tätige Hilfe."

Flüchtlingskrise 2015 wird zur Herausforderung

Flüchtlingskinder schauen im Erstaufnahmelager für Flüchtlinge in Friedland auf eine meterlange Schlange. © dpa-Bildfunk Foto: Swen Pförtner
Friedland im Spätsommer 2015: Unter den Flüchtlingen, die ankommen, sind viele Kinder.

Heute ist das Grenzdurchgangslager (GDL) Friedland die einzige Erstaufnahmeeinrichtung für Spätaussiedler und deren Angehörige in Deutschland. Seit 2012 ist die Zahl der Aussiedler wieder gestiegen. 2011 wird Friedland zudem zu einer der Erstaufnahme-Stellen des Landes Niedersachsen für Asylsuchende. Vor einer besonders großen Herausforderung steht Friedland im Jahr 2015 durch die riesigen Flüchtlingsströme vor allem aus Bürgerkriegsländern wie Syrien und Irak. Im Herbst 2015 ist das Durchgangslager zwischenzeitlich völlig überfüllt. Es hat zu diesem Zeitpunkt Kapazitäten für rund 700 Asylsuchende, zeitweise leben dort aber mehr als 3.500 Geflüchtete. Erst gegen Ende 2015 entspannt sich die Lage wieder.

VIDEO: Friedland damals und heute (84 Min)

Dennoch bleibt die Zahl der Neuankömmlinge in den folgenden Jahren hoch: Im Jahr 2019 finden im GDL Friedland insgesamt gut 12.800 Menschen vorübergehend eine Bleibe, darunter rund 7.200 Spätaussiedler, 4.800 Einreisende aus Humanitären Aufnahme-Programmen, zum Beispiel über das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, und rund 740 Asylbewerber. 2021 sind es insgesamt rund 11.300 Personen.

Friedland auch im Russland-Ukraine-Krieg eine erste Station

Mit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine am 24. Februar 2022 wächst die Zahl derer, die ihr dortiges Heimatland verlassen, täglich stark an - was auch in Friedland zu spüren ist: In den ersten Wochen des Krieges kamen dort bis Ende März rund 550 Personen ukrainischer Herkunft an. Aktuell verfügt die Einrichtung über 820 Aufnahmeplätze. Alle acht Standorte der Landesaufnahmebehörde (LAB) haben bis Ende März insgesamt rund 5.500 Vertriebene aus der Ukraine aufgenommen - die Behörde macht allerdings darauf aufmerksam, dass die Geflüchteten nach ihrer Registrierung zügig in die Kommunen verteilt würden, die Zahlen also lediglich eine Momentaufnahme sein können.

Ein Museum für das "Tor zur Freiheit"

In den fast acht Jahrzehnten seines Bestehens ist das Durchgangslager Friedland bereits für rund viereinhalb Millionen Menschen die erste Anlaufstelle in Deutschland gewesen. Für sie wurde es das "Tor zur Freiheit". Welche Bedeutung der Ort für die deutsche Nachkriegsgeschichte von 1945 bis in die heutige Zeit besitzt, zeigt seit März 2016 das Museum Friedland. Dort berichten Zeitzeugen in Filmen von ihrer Flucht und ihrer Ankunft in Friedland. Fotos, persönliche Gegenstände und historische Dokumente ergänzen die Ausstellung, die im früheren Bahnhof des Ortes untergebracht ist. Für das Jahr 2023 ist ein Neubau geplant, in dem vor allem die junge Geschichte der Migration nach Deutschland über Friedland ab 2015 dokumentiert werden soll.

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Dieses Thema im Programm:

Unsere Geschichte | 07.05.2022 | 12:00 Uhr

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