Unsere Geschichte

Grenzflieger - Als der Himmel noch geteilt war

Samstag, 07. August 2021, 12:00 bis 12:45 Uhr

Bis 1989 haben mehr als 400 westdeutsche Kleinflugzeuge unfreiwillig die innerdeutsche Grenze übertreten. Ausgelöst wurden die Irrflüge meist durch schlechte Sichtverhältnisse oder Wetterturbulenzen, wenn Piloten von grenznahen Flugplätzen in Niedersachsen oder Schleswig-Holstein starteten. Die Dokumentation behandelt erstmals dieses bislang nahezu unbekannte Kapitel der deutschen Teilung.

Harmlose Fehlflüge mit dramatische Folgen

Die harmlosen Fehlflüge wurden von der DDR als "Verletzung der Staatsgrenze" gewertet, oft mit dramatischen Folgen: monatelange Inhaftierungen der Piloten in DDR-Gefängnissen, Auslieferungsverhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR bis hin zum Häftlingsfreikauf und hohe Kosten für die Rückführung der Flugzeuge.

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Hobbypilot Gerhard Littmann am Flugfeldes des Aeroclubs Lübeck. © NDR

Von Bad Schwartau per Flugzeug ins Gefängnis

1970 überquert Gerhard Littmann mit seinem Segelflieger unfreiwillig die innerdeutsche Grenze. Der Fehlflug entzweit seine Familie. mehr

Auf einer breiten Basis von Stasi-Dokumenten, Presseberichten und Unterlagen des Bundesgrenzschutzes dokumentieren die Autoren Anne Kathrin Thüringer und Hans-Jürgen Büsch die Schicksale von zwei Familien aus Bad Schwartau und Lüneburg, die von einem auf den anderen Tag in den Strudel des Ost-West-Konflikts gerieten.

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Eine Intershop-Filiale in Ostberlin im Luxushotel Metropol, aufgenommen am 10.11.1977. © dpa/picture alliance Foto: Günter Bratke

Die Geschichte der DDR

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Belastung für die deutsch-deutschen Verhandlungen

Die beiden Grenzüberflüge ereigneten sich 1970, einem hochbrisanten Jahr in den deutsch-deutschen Beziehungen. Die Entspannungspolitik und der "Wandel durch Annäherung" von Willy Brandts sozial-liberaler Bundesregierung standen noch am Anfang und waren hoch umstritten. Im April fand das erste Treffen zwischen Brandt und dem Vorsitzenden des Ministerrates der DDR Willi Stoph statt. Im Sommer und Winter 1970 wurden mit dem Warschauer und dem Moskauer Vertrag die Grundlagen der Neuen Ostpolitik gelegt.

Politische Zeitzeugen wie Ludwig Rehlinger, ehemaliger Staatsekretär im Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, und ein ehemaliger NVA-Generalleutnant äußern sich zu den Gefahren, die solche "Grenzverletzungen" für die brisanten Verhandlungen darstellten. Vor diesem Hintergrund zeigt der Film die politischen Gräben und das Misstrauen im Vorfeld der Ostverträge.

Jeder Grenzübertritt war hochpolitisch

Hiltraut Raasch am Flughafen Lüneburg. © NDR
Hiltraut Raasch wartete im August 1970 am Flughafen Lüneburg vergeblich auf die Rückkehr ihrer erkrankten Kinder.

Es war eine Zeit, in der selbst ein unfreiwilliger Grenzübertritt hochpolitisch war, denn er fand am 13. August, dem neunten Jahrestag des Mauerbaus, statt. In dieser Zeit konnte ein defekter Kompass einen segelflugbegeisterten Textilkaufmann aus Bad Schwartau in eine Einzelhaftzelle in Ostberlin bringen und es war möglich, dass eine Cessna mit fünf an Keuchhusten erkrankten Kindern aus Lüneburg an Bord von sowjetischen MiGs mit Schüssen vom Himmel geholt wurde.

Darüber hinaus zeigt die Dokumentation, mit welcher Akribie die Stasi die sogenannten Luftraumverletzer und deren Familien selbst im Westen ausspionierte und mit welchen Traumata die Betroffenen bis heute leben. Ein Film, der deutlich macht, wie unvorhersehbar die deutsche Teilung und der DDR-Unrechtsstaat selbst in das Leben westdeutscher Bürger eindringen konnten, als ein politisches System versuchte, Menschen nicht nur durch eine Grenze am Boden zu trennen, sondern auch noch den Himmel zu teilen.

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Autor/in
Anne Kathrin Thüringer
Hans-Jürgen Büsch
Redaktion
Sebastian Bellwinkel
Produktionsleiter/in
Eva-Maria Wittke

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