Stand: 27.04.2018 17:55 Uhr

Hilfe für Analphabeten von der "Irmgard-App"

von Daniela Remus
So sieht die "Irmgard-App" für Smartphones aus, die Analphabeten helfen soll.

Eine ehemalige Grundschullehrerin aus Hamburg hat eine App für Handys entwickelt, mit der Analphabeten lesen und schreiben lernen können. NDR Info stellt die "Irmgard-App" vor.

"Ich bin Gerd, ich bin einer von 7,5 Millionen Menschen, die Schwierigkeiten haben mit Lesen und Schreiben."

So beginnt das Video auf ihrer Homepage, mit dem Irmgard Schwiderski und ihre Nichte erklären, was die "Irmgard-App". Die beiden haben eine App entwickelt, für alle, die nicht so gut oder gar nicht lesen und schreiben können: "Eine ganz große Rolle spielt auch, und da ist die App eben hervorragend, dass nicht Lesen und Schreiben können schambehaftet ist. Erwachsene genieren sich, in der Familie Hausaufgaben nachmittags mit Papier und Bleistift zu erledigen, die eigentlich Aufgaben vom Inhalt und vom Schwierigkeitsgrad her eines Grundschülers entsprechen. Wer jetzt unsere App in die Hand nimmt und damit übt, das sieht keiner, hört keiner.

Idee entstand im Hamburger Lerncafé

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Irmgard Schwiderski hat die App für Analphabeten entwickelt.

Irmgard Schwiderski war früher Grundschullehrerin und Schulleiterin. Dass sie schon 80 Jahre alt ist, sieht man der agilen und eleganten Dame nicht an, die sich seit Jahren ehrenamtlich in einem Lerncafé im Hamburger Karolinenviertel engagiert. Dort lernen Menschen Lesen und Schreiben, die trotz Schulbesuch zu den sogenannten funktionalen Analphabeten gehören: "Und da sie nun keine Hausaufgaben machen, sagte meine Nichte, wenn sie eine App haben, dann könnten sie zu Hause üben mit der App."

Und so entstand die Idee für die "Irmgard-App", die anschaulich und kostenlos ist. Sie beginnt mit der Stimme von Irmgard Schwiderski:

"Du bist sicher neugierig und möchtest wissen, wer dich begrüßt. Ich bin Irmgard, für deren App Du Dich entschieden hast. Darüber freue ich mich."

App führt durch die deutsche Sprache

Die "Irmgard-App" führt durch die deutsche Sprache - mit Videos, Übungsaufgaben und Wiederholungen: "Wenn du ein Bild siehst, spreche ich es dir vor." Es geht um das Schreiben der Buchstaben, um die verschiedenen Wortarten und das Lesen zusammenhängender Sätze. "In Level 1 beginnen wir mit der Erarbeitung des Alphabets und schaffen da Grundlagen und zwar auch so, dass sie das Alphabet auch in der richtigen Reihenfolge lernen müssen", sagt Schwiderski. "Da sind dann Aufgaben, da fehlen Buchstaben, da müssen sie sie einsetzen und so weiter ..."

"Da sind Profis am Werk gewesen"

Noch ist die App nicht vollständig nutzbar, weil es ziemlich lang gedauert hat, bis Irmgard Schwiderski und ihre Nichte das Geld dafür von Sponsoren zusammen gesammelt hatten. Und sie funktioniert bisher auch nur mit dem Android-Betriebssystem.

Trotzdem sei das ein tolles Projekt, erklärt Jan-Peter Kalisch vom Alfa-Telefon, der bundesweiten Anlaufstelle für alle Fragen rund um die Alphabetisierung von Erwachsenen. Denn bisher gibt es nur wenig digitale Lernmöglichkeiten für Analphabeten: "Da sind Profis zugange gewesen, die sehr viel in die Konzeption im Vorfeld gesteckt haben, da gibt es zum Beispiel erklärende Videos, einen ganz niedrigschwelligen Einstieg, unterschiedliche Aufgabentypen, das ist schon sehr gut gemacht."

Sozialer Austausch bleibt weiter wichtig

Jeder fünfte Erwachsene kennt jemanden, der nicht richtig lesen und schreiben kann, haben Studien gezeigt. Eine App sei eine gute Idee, so Kalisch, allerdings könne sie den sozialen Austausch mit anderen Betroffenen nicht ersetzen: "Man geht in einen Kurs, man lernt dort Leute kennen. Die haben die gleichen Fragen, die haben die gleichen Schwierigkeiten, mit denen kommt man in einen Austausch und man hat vielleicht das erste Mal in seinem Leben das Gefühl - hier werde ich verstanden, hier kann ich ganz offen sein."

Das sieht auch Irmgard Schwiderski so. Für sie ist die App eine digitale Hausaufgabenhilfe, ein Zusatzangebot, um Erwachsene beim Lesen und Schreiben lernen zu unterstützen.

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NDR Info | Aktuell | 28.04.2018 | 10:50 Uhr