Stand: 27.04.2018 16:31 Uhr

"Endstation rechts": Demokratiebahnhof Anklam

Engagierte Menschen mit zukunftsweisenden Ideen - die findet man unter anderem in Anklam in Mecklenburg-Vorpommern. Die Mitarbeiter und Besucher des dortigen Demokratiebahnhofs setzen sich für ein Miteinander auf Augenhöhe ein - und vor allem gegen Rechtsextremismus.

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Auch für die Jüngeren gibt es im Demokratiebahnhof viel zu tun - und zu lernen.

Ein paar Jugendliche sitzen in der Ecke auf dem Sofa, unterhalten sich, spielen mit ihren Handys. Auch Justin ist an diesem Nachmittag im Demokratiebahnhof vorbeigekommen, wo er sich wohl fühlt: "Ich finde die Leute hier alle korrekt, allgemein ist es ganz chillig hier."

Während die einen drinnen chillen, tummeln sich Leonie und Celine draußen im Garten: "Am liebsten spielen wir mit den Leuten hier Verstecken oder Fangen. Aber heute pflanzen wir Erdbeeren." Isabell Schulz, die im Demokratiebahnhof als Umweltpädagogin arbeitet, hilft den beiden. Beim Gärtnern, sagt Schulz, lernen die Mädchen noch sehr viel mehr: "Da ist es ganz besonders wichtig, die auch mal rauszulocken, und denen mal ein bisschen was zu zeigen, wo Lebensmittel auch herkommen. Dieser Bezug fehlt oft. Das kriegen sie Zuhause vielleicht nicht so mit - und in der Schule auch nicht."

Der Demokratiebahnhof in Anklam. © NDR

Demokratiebahnhof Anklam setzt klare Zeichen

NDR Info - Aktuell -

Selbstvertrauen stärken, demokratisches Miteinander und Toleranz gegenüber Andersdenkenden fördern - damit will der Demokratiebahnhof auch ein Zeichen setzen gegen rechts.

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Die Stärken in den Vordergrund stellen

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Marten Lifson ist Jugendsozialarbeiter im Demokratiebahnhof in Anklam.

Gärtnern, Fahrräder reparieren, Basteln, Nähen, Kochen - das Jugendzentrum im ehemaligen Bahnhofsgebäude in Anklam bietet zahlreiche Aktivitäten. Auch Musikfestivals wurden schon organisiert. Jeden Nachmittag kommen hier 20 bis 25 Kinder und Jugendliche her.

Jugendsozialarbeiter Marten Lifson will das Selbstvertrauen der Jugendlichen stärken: "Ich glaube einfach, dass sie zu oft gesagt kriegen, dass sie das eine oder andere nicht können. Dann kommen Sätze wie: 'Ich kann sowieso nicht schreiben.' Dann sage ich: 'Bei Youtube klappt das Schreiben ja gut - oder bei WhatsApp.' Wir versuchen dann darauf hinzuweisen, dass sie einige Sachen gut können."

"Vorbild gegen rechtsradikale Tendenzen"

Selbstvertrauen stärken, demokratisches Miteinander und Toleranz gegenüber Andersdenkenden fördern - damit will der Demokratiebahnhof auch ein Zeichen setzen gegen rechts. Anklam gilt als Hochburg der rechtsextremen Szene. Bei der Landtagswahl im September 2016 wählten 9,3 Prozent der Anklamer die NPD. Derzeit hat die Partei zwei Sitze in der Stadtvertretung.

Seit seiner Gründung 2014 sah sich der Demokratiebahnhof Anfeindungen von rechts ausgesetzt, zuletzt sorgte ein Brandanschlag im vergangenen Jahr für Schlagzeilen. Bürgermeister Michael Galander (Initiativen für Anklam) betont: Auch in Zukunft seien Übergriffe nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich.

Wichtige Institution in Anklam

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Auch einen Gemeinschaftsgarten bietet der Demokratiebahnhof.

Der Demokratiebahnhof, sagt der Bürgermeister, sei Vorbild gegen rechtsradikale Tendenzen bei Jugendlichen in der Region: "Es ist wichtig, dass junge Leute nicht von den Nepper-Schlepper-Bauernfängern der rechten Szene abgefangen werden, sondern die Möglichkeit haben, sich selbst ein Bild zu machen: Was ist eigentlich Demokratie? Wo kann ich mitreden? Mir wird nichts vorgesetzt, wo können wir gemeinschaftlich was entscheiden?"

Der Demokratiebahnhof hat sich laut Galander mittlerweile in Anklam etabliert - und gehört zu vielen wichtigen Institutionen in der Stadt, die sich für mehr demokratisches Miteinander einsetzen. Viele in der Stadt wüssten, dass das Jugendzentrum wertvolle Jugendarbeit biete. "Ich finde es wichtig, dass wir den Jugendlichen nicht alles vorsetzen - und dass wir steuernd eingreifen, wenn es darum geht, dass über die Schule rechte Tendenzen erkennbar sind." Dann könne zusammen mit Schul- und Jugendsozialarbeit zielgerichtet auch ein bisschen dagegen gesteuert werden.

"Ich denke, wir bleiben"

Sozialarbeiter Marten Lifson und die ehrenamtlichen Helfer im Demokratiebahnhof suchen immer wieder das Gespräch mit den Jugendlichen. Dabei geht es auch darum, Vorurteile in der Bevölkerung gegenüber dem Jugendzentrum abzubauen. Das ist nicht immer ganz leicht, sagt Lifson: "Zum Beispiel, wenn man eine Regenbogenfahne raushängt und einen schwul-lesbischen Filmabend macht, dann kann man hier noch so ein bisschen für Aufregung sorgen. Ich glaube, wenn wir uns hätten abschrecken lassen, dann hätten wir schon aufgehört. Ich denke, wir bleiben."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 28.04.2018 | 08:50 Uhr