Eine Jugendliche wird gegen Covid-19 geimpft. © picture alliance/SvenSimon/Frank Hoermann Foto: Frank Hoermann

Zur Sache: Wo stehen wir in der Corona-Pandemie?

Stand: 16.08.2021 07:30 Uhr

Die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten haben neue Corona-Maßnahmen beschlossen. Diese sorgen in der Bevölkerung zum Teil für heftige Diskussionen.

Noch ist Sommer, aber die Inzidenzzahlen steigen bereits wieder. Schleswig-Holstein ist durch das Ferienende ganz vorn mit dabei - viele Urlauber haben nicht nur schöne Erinnerungen, sondern auch das Virus mit nach Hause gebracht. Die Politik hat nun reagiert und am vergangenen Dienstag bereits Regeln und Maßnahmen für den Herbst festgelegt. Unter anderem gilt ab Ende August die 3G-Regel, also, dass nur noch Geimpfte, Genesene und Getestete Zutritt zu bestimmten Bereichen bekommen. Und ab Mitte Oktober wird es keine kostenlosen Bürgertests mehr geben.

Kostenlose Tests nur noch die Ausnahme

Kostenlos können sich dann nur noch Menschen testen lassen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können oder die, für die es keine allgemeine Impf-Empfehlung gibt - etwa Schwangere oder unter 18-Jährige.

Impfpflicht durch die Hintertür?

Die beschlossenen Maßnahmen sorgen für zum Teil heftige Diskussionen. Auf politischer Ebene ist zum Beispiel von einer "Impfpflicht durch die Hintertür" die Rede. Der deutsche Ethikrat hält die Einführung kostenpflichtiger Corona-Tests für Ungeimpfte für folgerichtig und nachvollziehbar. Die Sozialverbände befürchten dagegen gravierende Folgen für Geringverdiener.

Endet hier das Solidaritätsprinzip?

Gefragt wird auch, ob die Mehrheit der Bevölkerung, also die Geimpften, die Tests von Impfunwilligen finanzieren müssen. Endet hier das Solidaritätsprinzip? Die Diskussion über diese und ähnliche Fragen wird geführt seit es Impfstoffe gibt, aber sie wird immer hitziger und aggressiver.

Drohungen gegen Behördenvertreter, Schulen und Ärzte

Segebergs Landrat Jan Peter Schröder hat gerade in einem offenen Brief Beleidigungen von Mitarbeitenden im Infektionsschutz scharf kritisiert. Ihnen würden Stasi-Methoden oder Maßnahmen wie zu Hitlers Zeiten vorgeworfen, hieß es. Auch persönlich würden die Mitarbeiter beleidigt, als unfähig oder blöd beschimpft.

In Altenholz (Kreis Rendsburg-Eckernförde) hat es laut Staatsanwaltschaft Drohungen gegen das Personal einer Schule gegeben. Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln dort nach einem anonymen Mordaufruf über eine Chatgruppe. Hintergrund sind die Maskenpflicht und geplanten Impfungen in der Bildungseinrichtung. In Lübeck wurden laut Medienberichten 14 Kinderärztinnen und -ärzte in Briefen und E-Mails bedroht, die am Wochenende eine Impfaktion für Kinder und Jugendliche planen.

Impfen oder nicht: Oft eine emotionale Entscheidung

Die Debatten, ob man sich impfen lassen sollte oder nicht, finden nicht nur in der Politik oder unter Medizinern statt. Es gibt sie auch in der Familie oder unter Freunden. Der Psychologe Professor Dr. Friedemann Geiger vom UKSH beschäftigt sich mit solchen Problemen. Die Frage, ob sich jemand impfen lassen will oder soll, könne eine ganze Bandbreite von Gefühlen wecken, sagt er. "Wenn sich jemand zum Beispiel gedrängt fühlt, sich impfen zu lassen, empfindet er das vielleicht als Übergriffigkeit, und ist dann möglicherweise grundsätzlich dagegen", sagt Geiger, "und jemand anderes lässt seine Entscheidung eher von der Angst leiten."  Zum Beispiel von der Angst, krank zu werden, oder von der Angst vor Nebenwirkungen.

Wie soll es für Kinder und Jugendliche weitergehen?

Die Impfstoffe sind mittlerweile für alle ab 12 Jahren zugelassen. Allerdings empfiehlt die Ständige Impfkommission (StiKo) ihren Einsatz bei Menschen zwischen 12 und 18 Jahren nur für Vorerkrankte oder nach individueller ärztlicher Beratung. Einige Politiker drängen das Wissenschaftler-Gremium angesichts der lahmenden Impfkampagne nun, eine Empfehlung für alle Kinder über zwölf auszusprechen. Die StiKo will sich aber nicht drängen lassen.

Auch Kinderärtze sind unentschieden

Auch bei den Kinderärzten wird das unterschiedlich bewertet. Der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, hat in einem Zeitungsinterview erklärt, er persönlich sei ein Befürworter dieser Impfungen. Das Risiko von Nebenwirkungen durch die Impfung sei extrem gering, das zeigten alle Daten aus anderen Ländern. Andere, wie zum Beispiel der Kinderarzt Dr. med. Alexander Konietzky aus Wedel, sehen das anders. Untersuchungen in Deutschland und auch in Israel zeigten, dass Kinder in dieser Pandemie weder besonders gefährdet sind, noch andere gefährden, sagte Konietzky dem NDR. Wenn es in Schulen zu Infektionen komme, dann seien es meist die Lehrer und Betreuer, die das Virus eintragen - die Kinder würden es kaum weitergeben. Und es sei noch nicht klar, welche Nebenwirkungen die Impfungen langfristig bei Kindern haben.

Rupp: Impfpflicht nicht kategorisch ausschließen

Der Infektiologe Professor Dr. Jan Rupp, ist der Meinung, dass die Diskussion über das Impfen von Kindern von dem eigentlichen Punkt ablenkt, nämlich den Impfzögerern bei den Erwachsenen. Dabei, sagte Rupp dem NDR, sollte man sich alle Möglichkeiten - auch die einer Impfpflicht - offen lassen.

Experten in der Sendung

Wo stehen wir Ihrer Meinung nach in der Pandemie? Was sagen Sie zu den neuesten Beschlüssen der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten? Reichen sie aus oder sollten sie noch strenger sein? Wie stehen Sie zu dem Umgang mit Ungeimpften? Sollen die Bürgertests, wie geplant, kostenpflichtig werden oder sollten sie doch kostenlos bleiben? War Ihre Entscheidung, sich impfen oder nicht impfen zu lassen, schwierig oder leicht?

Über all diese und weitere Fragen hat NDR 1 Welle Nord Moderatorin Hannah Böhme am Sonntagabend ab 18 Uhr in unserer Sendung "Zur Sache" mit ihren Gästen gesprochen. Mit dabei waren der Infektiologe Prof. Dr. Jan Rupp vom UKSH in Lübeck, der Psychologe Prof. Dr. Friedemann Geiger vom UKSH in Kiel und der Kinderarzt Dr. med. Alexander Konietzky aus Wedel.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 15.08.2021 | 18:05 Uhr

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