Ein Rad eines Fahrrads vor einem großen Schild mit Aufschrift "Veloroute 10". © NDR Foto: Kai Peuckert

Zur Sache: Schleswig-Holstein erlebt Fahrradboom

Sendedatum: 21.03.2021 18:05 Uhr

Fahrradfahren im Land wird seit Jahren immer beliebter. Gleichzeitig ist die Zahl der Fahrradunfälle 2020 gestiegen. Welche Erfahrungen und Probleme haben die Schleswig-Holsteiner rund ums Fahrradfahren im Norden? Darüber haben wir in der Sendung Zur Sache gesprochen.

Schleswig Holstein ist Fahrradland - und das nicht erst seit der Corona-Pandemie. Radfahren ist hier eine der beliebtesten Freizeit- und Urlaubsbeschäftigungen. Auch im Alltag oder auf dem Weg zur Arbeit steigen immer mehr Menschen aufs Rad um. Gründe gibt es viele - unter anderem: Es hält fit und gesund und ist gut für's Klima. Aber: Der Zustand vieler Radwege ist offenbar sehr schlecht. Das kritisierte in Zur Sache am Sonntagabend nicht nur der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC), sondern auch zahlreiche Hörer und Hörerinnen. Live im Studio mit Moderatorin Ulrike Drevenstedt diskutierten Jan Voß, Geschäftsführer des ADFC Schleswig Holstein, Hauptkommissar Stephan Steffen, zuständig für die Verkehrsunfallprävention bei der Landespolizei und Klaus Röhr, Inhaber eines Fahrradgeschäftes in Ahrensbök (Kreis Ostholstein).

Radwege sind alt und sanierungsbedürftig

Ein gut ausgebautes Radverkehrsnetz ist wichtig, um dem Fahrrad-Boom entsprechend zu begegnen. In Schleswig-Holstein verlaufen aktuell 5.200 Kilometer Radwege an sogenannten klassifizierten Straßen, zudem sind 13 touristische Radfernwege mit 3.000 Kilometern Länge ausgewiesen. Laut Verkehrsministerium gibt es in keinem anderen Bundesland so viele Radwege entlang der Straßen wie in Schleswig-Holstein. Ein Problem dabei ist, dass viele dieser Radwege alt sind, nicht den heutigen Qualitätsstandards entsprechen und dringend saniert werden müssten. Es sei keine Seltenheit, das zum Beispiel Baumwurzeln die Wege aufreißen, sagt ADFC-Chef Jan Voß. "Und wir haben leider auch die Problematik, dass auch neu gebaute Radwege zum Teil schon nach wenigen Jahren von Wurzeln wieder aufgebrochen werden."

VIDEO: Mehr Rad- und Fußwege: Lübeck plant Verkehrswende (4 Min)

Millionen für den Radverkehr

Für den Ausbau der Radwege und deren Sanierung sind Bund, Länder, Kreise und Gemeinden zuständig. Der Bund hat nach Angaben des Bundesministerium für Verkehr die Mittel für den Radverkehr bis 2023 auf insgesamt 1,46 Milliarden Euro aufgestockt. Länder und Gemeinden können die Bundesmittel für Radverkehrs-Infrastrukturprojekte abrufen. Der Bund bezuschusst in der Regel 75 Prozent der Kosten. Auch das Land stellt Mittel bereit: 25 Millionen Euro sollen in dieser Legislaturperiode bei der Umsetzung der "Radstrategie Schleswig-Holstein 2030" helfen. Danach sollen Fahrräder bis zum Jahr 2030 knapp ein Drittel des Verkehrs auf Schleswig-Holsteins Straßen ausmachen.

Dennoch haben die Schleswig-Holsteiner Bedenken: Einige Hörerinnen und Hörer sagten, sie hätten regelrecht Angst zu fahren. Viele wünschten sich noch mehr Investitionen in Radwege. Stephan Steffen von der Landespolizei wies im Gespräch daraufhin, dass die Zahl der Radunfälle auf einem Höchststand sind. Er bat um mehr Rücksicht - sowohl von Radfahrern als auch von Autofahrern.

Gute und schlechte Noten im ADFC-Klimatest

Alle zwei Jahre macht der ADFC einen Fahrradklima-Test. Dabei geht es darum, wie fahrradfreundlich die Städte in Deutschland sind. In Schleswig Holstein war das Fahrradklima im Jahr 2020 insgesamt unbefriedigend. Die 54 teilnehmenden Kommunen im Land erhielten von ihren Fahrradfahrern im Durchschnitt die Schulnote 3,9. Zu den Gewinnern der Umfrage gehörte Geesthacht (Kreis Herzogtum Lauenburg). Bei den Städten bis 50.000 Einwohnern belegte die Stadt am Elbufer den ersten Platz mit einer 3 Minus - bundesweit bedeutet das Platz 20. Die Großstadt mit dem besten Fahrradklima in Schleswig-Holstein war laut dem Test Kiel. Mit ihrem Notenschnitt von 3,5 schaffte es die Landeshauptstadt bundesweit sogar auf den 4. Platz. Lübeck rutschte mit der Benotung 4,3 vom 22. auf den 26. Platz ab.

Ein Rad eines Fahrrads vor einem großen Schild mit Aufschrift "Veloroute 10". © NDR Foto: Kai Peuckert
AUDIO: Zur Sache: SH ist Fahrradland - und es gibt noch viel zu tun (66 Min)

Zahl der Fahrradunfälle im Land steigt an

Mehr Radfahrer im Land bedeutet auch, dass die Zahl der Unfälle nach oben geht - wie Stephan Steffen von der Landespolizei deutlich gemacht hat. Nach dem gerade vorgelegten Verkehrssicherheitsbericht der Landespolizei gab es im vergangenen Jahr - auch coronabedingt - in allen Bereichen der Unfallstatistik Rückgänge. Nur die Zahl der Fahrradunfälle stieg auf einen neuen Höchststand. 2020 wurden danach 4.740 Verkehrsunfälle unter Beteiligung von Fahrradfahrern von der Polizei aufgenommen - ein Plus von 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dieser Anstieg ist dem Bericht zufolge allein auf die Verkehrsunfälle mit Pedelecs, also Räder mit elektrischer Antriebsunterstützung, die bis zu 25 Kilometer pro Stunde fahren können, zurückzuführen. Es wurden rund 35 Prozent mehr Pedelec-Unfälle erfasst, während die Anzahl der Verkehrsunfälle mit konventionellen Fahrrädern um 2,4 Prozent sank.

Steigende Preise und Lieferengpässe

Die Fahrradindustrie hat im vergangenen Jahr von der Corona-Pandemie profitiert. Nach Angaben des Zweirad-Industrieverbandes und des Verbandes des Deutschen Zweirad Handels wurden 2020 mit 5,04 Millionen fast 17 Prozent mehr Räder verkauft als im Vorjahr - 1,95 Millionen davon waren E-Bikes. Auf der anderen Seite führt die hohe Nachfrage auch zu steigenden Preisen. Auch Wartezeiten gibt es, denn viele Teile werden nach Angaben der Branchenverbände in Asien produziert und die Firmen dort kommen wegen der weltweit gestiegenen Nachfrage an ihre Kapazitätsgrenzen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 21.03.2021 | 18:05 Uhr

Podcast Bild für die Sendung "Zur Sache". ©  Roman Gorielov/fotolia Foto:  Roman Gorielov

Podcast: Zur Sache

Jeden Sonntag diskutieren Experten in der Sendung "Zur Sache" von 18 bis 20 Uhr über das Thema der Woche. Auch die Meinungen und Fragen der Hörerinnen und Hörer sind gefragt. mehr

Montage Jahresrückblick: Nachrichtenbilder aus den Bundesländern Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern in einem Filmstreifen © dpa, Fehmarnbelt Development Joint Venture Foto: Jochen Lübke, Jens Wolf, Jens Ressing

Die Themen im Überblick

Mitschnitte, Zusammenfassungen, Hintergrundberichte - alles zu den Sendungen "Zur Sache" zum Nachlesen und Nachhören. mehr

Livestream NDR 1 Welle Nord

Moin! Schleswig-Holstein - Mein Wochenende

10:00 - 14:00 Uhr
Live hörenTitelliste