Stand: 22.02.2020 11:00 Uhr

Gyde Jensen: Mit Baby im Deutschen Bundestag

von Lornz Lorenzen

Berlin. Bundestag. Erdgeschoss. Früher Nachmittag. FDP-Bundestagsabgeordnete Gyde Jensen hat ihren Kinderwagen in der hinteren Ecke des Aufzugs geparkt. Ziel: dritter Stock, Fraktionssitzung der FDP: "Die geht dann vier Stunden", sagt sie, "aber niemand sitzt da vier Stunden am Stück. Alle gehen mal raus zum Telefonieren oder was auch immer, das ist dann nicht schlimm, wenn ich aufstehe und die Windeln wechsle. Wir haben ja hier im Bundestag nicht viele Orte, wo man wickeln kann."

Mittlerweile hat Jensen die erste Etage erreicht. Die Fahrstuhltür öffnet sich und die Bundeskanzlerin höchstpersönlich schaut ins Innere und fragt: "Fahren Sie nach oben oder nach unten?" - "Nach oben", lautet die Antwort. Woraufhin die Kanzlerin entgegnet: "Nach oben ist immer gut!"

Mit der Bundeskanzlerin im Fahrstuhl

Der Fahrstuhl füllt sich mit einer Traube von Menschen. Pressesprecher, Berater, Bodyguards. Angela Merkel blickt neugierig in den Kinderwagen, doch davon bekommt Gyde Jensens Baby, Syster, nichts mit. Syster ist fünf Monate alt und schlummert friedlich unter ihrer warmen Decke. Mehr als zwei Minuten verbringen sie gemeinsam auf engstem Raum mit Deutschlands Regierungschefin. Von der CDU-Führungskrise ist hier nichts zu spüren, im Gegenteil. Alle reden leise, um das kleine Mädchen nicht aufzuwecken. Der Bundestag ist mit rund 31 Prozent Frauenanteil immer noch eine Männerdomäne und Frauen mit Kleinkindern sind hier die große Ausnahme.

Babys im Plenarsaal unerwünscht

Laut Bundestagsverwaltung dürfen neben Abgeordneten aus rechtlichen Gründen lediglich Saaldiener in den Plenarsaal und das ärgert die 30-jährige Mutter: "Ich sage ganz ehrlich, wenn Syster so lieb ist, sollte es doch kein Problem sein. Natürlich nimmt man kein schreiendes Kind mit in den Plenarsaal. Aber wenn es unter einem Jahr alt ist, gebe ich es auch noch nicht in eine Kita."

Die gebürtige Rendsburgerin nimmt mit ihrem Kinderwagen jetzt Kurs auf den Fraktionssaal. Doch vorher biegt sie noch in Richtung Reichstagskuppel ab. Die junge Abgeordnete ist nicht nur die jüngste Frau im Bundestag, sondern leitet außerdem den Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe. Zum "Red Hands Day" hinterlässt sie, wie auch gerade Thomas Oppermann von der SPD-Fraktion neben ihr, einen farbigen roten Handabdruck auf einem weißen DIN-A4-Blatt Papier, um damit gegen den weltweiten Einsatz von Kindersoldaten zu demonstrieren.

Frau kniet vor einem Kinderwagen © NDR Foto: Lornz Lorenzen

Vorsitzende, Abgeordnete, Mutter: Gyde Jensen

NDR 1 Welle Nord - Von Binnenland und Waterkant -

Sie ist Vorsitzende des Menschrechtsausschusses, FDP-Bundestagsabgeordnete und Mutter: Gyde Jensen aus Rendsburg managt Baby und große Politik in Berlin.

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Keine Elternzeit für Bundestagsabgeordnete

Dabei wird sie von ihrer Pressereferentin Mareike König fotografiert, die ihr Protestfoto dann in den Social-Media-Kanälen veröffentlichen wird. Aber wo bleibt eigentlich das Baby? Tatsächlich konnte Gyde Jensen es für rund fünf Minuten bei einer Fraktionskollegin zwischenparken. Es passiert übrigens immer mal wieder an diesem Tag, dass ein Kollege oder eine Mitarbeiterin die Kleine für einen kurzen Moment "übernimmt". "Eigentlich mache ich das nicht gern. Das ist nicht die Aufgabe meiner Mitarbeiter, aber wenn kurzfristig mal etwas dazwischen kommt, kann das mal passieren. Heute Abend kommt mein Mann und der kümmert sich dann", erzählt die Rendsburgerin.

Bundestagsabgeordnete genießen viele Privilegien, als Mandatsträger sieht es bei Elternzeit und Mutterschutz aber schwierig aus. Aber solange es so gut läuft mit ihrer immer noch tiefenentspannten kleinen Syster im Bundestag, denkt sie auch überhaupt nicht daran, Amt und Bundestagsmandat abzugeben. Das Baby gibt ihr Kraft und lässt sie die Welt mit anderen Augen sehen: "Man versteht auf einmal, wofür man das macht, das 'Kasperletheater' hier - nämlich für die nächste Generation und das merke ich jetzt mehr als vorher. Den Filter legst du jetzt auch ganz anders an." 

Gyde Jensen hat ihr Baby im Büro auf dem Arm. © NDR Foto: Lornz Lorenzen

Mit Baby im Bundestag

NDR 1 Welle Nord - Von Binnenland und Waterkant -

Ob Treffen mit dem amerikanischen Außenminister in München oder Abstimmung im Bundestag. Plattsnackerin Gyde Jensen hat ihre kleine Tochter fast immer mit dabei.

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 Politikerehepaar teilt sich die Kinderbetreuung 

Gyde Jensens Mann und Vater ihrer gemeinsamen Tochter, Dennys Bornhöft, ist ebenfalls FDP-Abgeordneter, jedoch auf Landesebene. So gleicht das junge Politikerehepaar aus Schleswig-Holstein ständig Sitzungspläne miteinander ab und pendelt dann mitsamt Kind und Kegel zwischen Kiel und Berlin munter hin und her.

Kürzlich flog die Abgeordnete in ihrer Funktion als Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe zur Sicherheitskonferenz nach München. Natürlich kam ihre Tochter mit. Dabei muss Gyde Jensen schmunzeln, als sie erzählt, dass die Sicherheitsbestimmungen dort so verschärft waren, dass ihr Büro sogar für das Baby einen Lichtbildausweis beantragen musste.

Töchterchen Syster bekommt davon wieder nichts mit. Neben dem großen Schreibtisch hat ihre Mutter eine bunte Spieldecke ausgebreitet. Das Baby liegt darauf und greift neugierig nach kleinen Holzstäbchen, die an einem Spielgerät baumeln, während Gyde Jensen schon das nächste Meeting vorbereitet.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 17.02.2020 | 21:12 Uhr

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