Stand: 11.10.2019 14:03 Uhr

Wrestling in Kiel: Eine gute Show ist harte Arbeit

von Lina Bande

Ein kleiner, unscheinbarer Hinterhof mitten in einem Kieler Wohngebiet. Ein portugiesischer Großhändler, ein paar Garagen - und die Yawara-Sportschule für Kampfsport. Neben Kung-Fu, Karate und Judo bietet Schulleiter Klaus Härtel seit einigen Jahren auch Wrestling an. Und das sehr erfolgreich. Einmal die Woche trainieren Männer und Frauen gemeinsam. Im Ring, auf Matten, an Boxsäcken, frei im Raum.

Arbeit, Spaß und Disziplin: Wrestling-Training in Kiel

Wrestling fand er schon als Kind toll

Das Training leitet heute Lucas Petersen - im Ring bekannt als "Abenteuermann". Der 26-Jährige schnackt Platt, kommt aus Niebüll und wohnt mittlerweile in Kiel. "Ich bin fürs Wrestling hergezogen, dann muss ich nicht immer so weit fahren", sagt er lachend. Seine Begeisterung fürs Wrestlen geht weit zurück: Schon als Jugendlicher hat er am Wochenende die großen Shows mit einem Kumpel im Fernsehen geschaut und auf der Spielekonsole nachgespielt. Dann entdeckte er, dass der Sport in Kiel auch "so richtig zum Trainieren" angeboten wird.

Die Begeisterung steckt an

Ein Wrestler springt bei der Dropkick-Übung seiner Trainingspartnerin seitlich an. © NDR Foto: Lina Bande

Achter de Kulissen bi't Wrestling

NDR 1 Welle Nord - Von Binnenland und Waterkant -

De eenen leevt dat Gerangel un Gegrööle un de Show in’n Ring, de annern finnet dat allns teemlich afsünnerlich. Wrestling is so’n Sport, de mach een oder de mach een nich.

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Seit fünf Jahren trainiert er nun regelmäßig und nimmt auch an Shows und Events teil. "Mich schockt diese Begeisterung, die da hinter steht, einfach total. Jeder, der das macht, macht das auch mit Leidenschaft und ist voll dabei", sagt der 26-Jährige. Außerdem könne er so mal richtig sein Limit austesten. Dahinter steckt aber viel hartes Training. Angefangen beim richtigen Fallen und Abrollen, über das Springen in die Seile und Ecken bis hin zu den Details der Moves, also der einzelnen Aktionen. "Das sieht immer alles so leicht aus, aber da kann jeder gerne mal zum Training kommen und das ausprobieren."

Auch kontern will gelernt sein

Die acht Männer und Frauen beim Training sind alle auf einem unterschiedlichen Stand. Aber alle helfen sich gegenseitig, zeigen die richtige Technik oder üben eine Art Choreografie ein. Selina und Carina üben gemeinsam den "Samoan Drop". Dabei hängt Selina waagerecht auf den Schultern von Carina, die sich dann fallen lässt und rückwärts abrollt. Die eine übt die Ausführung, die andere, wie sie darauf kontern könnte. Und das alles erstmal auf einer dicken Matte, nicht sofort im harten Ring.

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Lucas Petersen (unten) und Bennet Brown üben jeden Move bis ins kleinste Detail - und haben reichlich Spaß dabei.
Vertrauen ist das Wichtigste

Den haben gerade Lucas Petersen und Bennet Brown in Beschlag genommen. Neben dem 100-Kilo-Mann Bennet wirkt der Abenteuermann geradezu schmächtig. Trotzdem stehen sich die beiden gleichwertig gegenüber, jeder hat mal die Oberhand. Lucas übt seinen speziellen Move, die "Weltreise". Getreu seinem Abenteuermann-Charakter greift er seinen Gegner und schlägt dessen Kopf einmal in jede Ecke. "Wie Norden, Osten, Süden und Westen", sagt er lachend. Er ist sich dabei aber auch seiner Verantwortung bewusst: "Ich hab das Leben von meinem Gegner in der Hand und er genauso. Da muss man sich 100 Prozent vertrauen, sonst kann da ganz schnell einer bei drauf gehen."

Ohne Disziplin geht es nicht

Zwischendurch schaut auch Kampfschulleiter Klaus Härtel im Trainingsraum, dem sogenannten Dojo, vorbei. Er hat damals selbst mit 49 Jahren noch mit dem Wrestling angefangen - es ist ein Sport, der ihn fasziniert. Deshalb weiß er auch, dass es ohne Disziplin nicht geht. "Wrestling ist eine Kampfkunst wie jede andere auch. Das muss man von der Pike auf lernen, das muss handwerklich sauber sein." Deshalb dauert es auch, bis man bei Events in den Ring steigen darf.

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Gut gegen Böse fasziniert die Zuschauer

Vier bis fünfmal im Jahr lädt die Sportschule zum großen Wrestling-Event ein. Gut 250 Zuschauer passen dann in den kleinen Raum, und die Tickets dafür sind immer innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Das Publikum sei bunt gemischt, meint Lucas, "Mann, Frau, jung und alt, dick und dünn - alles dabei." Was die Faszination daran ausmacht? "Das ist sicherlich der alte Kampf 'Gut gegen Böse', der hier wiederholt wird", meint Schulleiter Klaus Härtel. Und dass die Leute etwas sehen, was sie sich selbst nie zutrauen würden.

Wrestling als Lebenseinstellung

Aber ist das denn nicht alles nur eine große Show im Ring? Lucas überlegt kurz, dann grinst er. "Bloß eine Show, das sagt sich so leicht. Man muss ja auch eine gute Show machen." Dazu gehöre viel Improvisation, die richtige Kampfkunsttechnik - und für den Zuschauer solle dann ja auch noch alles spontan und echt aussehen. "Das ist viel anstrengender, als man es sich vorstellt", sagt Lucas, "im Laufe der Zeit wird man da sicher ziemlich verschleißen, wenn man da ständig so hin knallt. Das ist ja für den Körper wie so ein Autounfall." Und trotzdem steigt er immer wieder in den Ring: "Mir macht das Spaß, ich finde das einfach geil", sagt der Abenteuermann und lacht.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 14.10.2019 | 21:10 Uhr