Stand: 22.08.2020 09:00 Uhr

Die spannende Geschichte der Landesbahn in SH

Von Werner Junge

1994 wurde die Deutsche Bundesbahn (DB) privatisiert. Damit sie eine AG werden konnte, handelten die Länder dem Bund ab, dass sie von nun an den regionalen Schienenverkehr in eigener Regie organisieren durften. Schleswig-Holstein bekommt dafür inzwischen 290 Millionen Euro im Jahr vom Bund. Mit einer GmbH von Land und Kommunen und dem westfälischen Eisenbahningenieur Bernhard Wewers als neuen "Landesbahnchef" legte Schleswig-Holstein damals einen Schnellstart hin. Am Walkerdamm in Kiel startete 1995 die "Landesweite Verkehrsservicegesellschaft SH" (LVS). Ende diesen Monats geht Wewers nun in den Ruhestand. Er übergibt die inzwischen als Nah.SH firmierende GmbH an Arne Beck. Der Dithmarscher übernimmt ein viertel Jahrhundert Aufbauleistung aber auch viele Probleme.

Schnellstart mit Anlauf

Bernhard Wewers lächelt in einem Büro sitzend in die Kamera. © Werner Junge Foto: Werner Junge
Der Geschäftsführer der NAH.SH GmbH Bernhard Wewers war 25 Jahre im Führerstand.

Die Wende im öffentlichen Personennahverkehr in Schleswig-Holstein begann schon zehn Jahre bevor die DB eine AG wurde auf der Straße. 1985 begann die Autokraft zusammen mit den Landkreisen mit dem Aufbau von Linienverbünden mit Bussen. Diese Busse und die im gleichen Jahr gestarteten Regionalschnellbahnen gab es, als Bernhard Wewers am 4. September 1995 startete. Es war die erste von inzwischen 27 regionalen Verkehrsgesellschaften in Deutschland. 1997 lag ein Nahverkehrsplan für das Land vor und für das Netz Nord gab es die erste Ausschreibung. Für die DB war so eine Ausschreibung etwas völlig Neues, sie scheiterte und behielt nur einen Bruchteil vom Netz Nord, während die Züge der NOB bald das Bild auf den Regionalstrecken bestimmten. Schon 2002 kam die erste Stufe des SH-Tarifs, gab es auf den Hauptstrecken Halbstundentakte und Bahnhöfe wurden wieder eröffnet, die 17 Jahre davor dichtmachen mussten.

Aufbau mit Rückschlägen

Vom Start weg gelang der LVS viel. 1998 bekamen die berühmten "Silberlinge" ein neues Design. Strecken, wie Neumünster - Bad Segeberg (2002) und Niebüll - Tondern (2003), konnten reaktiviert werden. Von 2006 an fuhren Doppelstockwagen zwischen Hamburg und Lübeck, es gab noch mehr Halbstundentakte und der Tarifverbund wurde ständig ausgebaut. Doch es gab auch Rückschläge. 2002 startete der Flex-Zug von Flensburg nach Hamburg und ging im gleichen Jahr in Konkurs. Drei Jahre später scheiterte die NOB beim Start im Netz West. Insgesamt verbesserte sich das Angebot nach Ansicht von Bernhard Wewers jedoch ständig. Auch das Tarifsystem wurde ständig angepasst - bis hin zum Semesterticket für Studenten, das im vergangen Jahr eingeführt wurde.

Neuer Verkehr auf alten Gleisen

Die sechs Startmitglieder von Nah.SH vor 25 Jahren. © Nah.SH Foto: Nah.SH
Drei Frauen und drei Männer starteten 1995 am Walker Damm in Kiel, um den Schienenpersonennahverkehr in SH neu zu organisieren.

Als in diesem Sommer bei Eidelstedt ein Bauzug entgleiste, lief fast eine Woche der gesamte Bahnverkehr nach Hamburg nicht oder nur chaotisch. Der Grund: die Hauptverbindung in die Hansestadt hat nur zwei und keine drei oder vier Gleise. Die Landesgesellschaft Nah.SH hat ein zentrales Problem: sie kann zwar Zug-Verkehr bestellen und organisieren, doch die Infrastruktur, vor allem die Gleise, gehören der DB AG. Und diese Gleise sind nicht nur im Land in einem schlechten Zustand. Vor allem, so klagt Wewers, sind zu wenige Strecken elektrifiziert. Anders als bei den Straßen, die verbreitert und ausgebaut werden, passiere bei den Gleisen nichts oder es dauere unerträglich lange. Die überalterte und zum Teil marode Infrastruktur wird bei Nah.SH auch als zentraler Grund dafür gesehen, dass Züge sich verspäten oder ausfallen.

Die Politik als Partner

Bernhard Wewers hat viel und hart verhandelt in den vergangenen 25 Jahren. Aber er hat, so sagt er, über die ganze Strecke die Hilfe der Politik des Landes und der Kreise gehabt. Die habe der LVS und nun Nah.SH vertraut und machen lassen. Trotz der Rückschläge, wie zuletzt die riesigen Lok-Probleme auf der Marschbahn, ist das Modell einer vom Land und den Kommunen getragenen GmbH nie angezweifelt worden. Das hat wesentlich dazu beigetragen, dass Schleswig-Holstein mit seiner Verkehrsgesellschaft nicht nur früh am Start war sondern auch viel erreicht hat.

Corona und die Zukunft

Bernhard Wewers lächelt in einem Büro sitzend in die Kamera. © Werner Junge Foto: Werner Junge
AUDIO: "Schleswig-Holstein-Schnack" mit Bernhard Wewers (15 Min)

Seit 25 Jahren steigen immer mehr Schleswig-Holsteiner auf die Bahn um. Mit dem Ausbruch von Corona hat sich das quasi über Nacht geändert. Die Züge rollten oft leer durch das Land und werden immer noch zurückhaltend genutzt. Eine Prognose sei schwierig, meint Bernhard Wewers. Er geht davon aus, dass es mindestens noch ein Jahr dauert, bevor die Züge wieder gut gefüllt fahren. Trotzdem laufen die neuen Projekte von Nah.SH weiter. Weil es zu wenig elektrifizierte Strecken gibt, aber nicht weiter Dieselzüge fahren sollen, werden Ende 2022 die ersten E-Züge mit Akkuantrieb kommen. Sie sollen alle Dieseltriebwagen ersetzen. Und weil Bahnfahren nach der festen Überzeugung von Bernhard Wewers vor allem einfach sein muss, wird an einer App gearbeitet, die jede Fahrt einfach registriert. So soll der Fahrgast am Ende des Monats nur eine detaillierte Rechnung bekommen. Diese Projekte übergibt Bernhard Wewers jetzt an seinen Nachfolger Arne Beck. Einen Rat will Wewers ihm mit auf den Weg geben: "Wer Bahn besser machen will und Neues wagt, braucht vor allem Geduld - viel Geduld."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 25.08.2020 | 21:15 Uhr

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