Flüchtlingsbeauftragter Schmidt feiert 80. Geburtstag

Stand: 09.10.2021 16:38 Uhr

Er fuhr Jahrzehnte zur See, wurde international bekannt durch einen Hilfseinsatz für Bootsflüchtlinge und kümmert sich um Geflüchtete, Asylsuchende und Zugewanderte: Kapitän Stefan Schmidt.

von Mechthild Mäsker

Seinen Geburtstag feiert er standesgemäß auf der "Passat" - denn Stefan Schmidt, seit zehn Jahren schleswig-holsteinischer Landesbeauftragter für Flüchtlings-, Asyl- und Migrationsfragen, ist von Herzen und von der Ausbildung her ein echter Seemann. Als "Der Kapitän" hat seine frühere Schwiegertochter, die Liedermacherin Sarah Lesch, ein Lied über ihn betitelt, und darin heißt es:

"Ich sah Männer, die ertrunken wären
Und nahm sie zu mir auf den Kahn
Für die Regierung war'n es Illegale
Ich denke, dass es Menschen war'n
Und dafür brauch ich keinen Heldenruhm
Ich hab's aus Menschlichkeit getan."

Das Lied bezieht sich auf das Jahr 2004. Da rettete Stefan Schmidt als Kapitän des Versorgungsschiffes "Cap Anamur" 37 afrikanische Bootsflüchtlinge aus dem Mittelmeer und brachte sie in Sizilien an Land. Dafür wurden er und Elias Bierdel verhaftet - unter dem Vorwurf der Schlepperei. Ihnen drohten zwölf Jahre Haft, bis nach fünf Jahren Prozess am Ende der Freispruch stand. Ein Fall, der weltweit für Aufsehen erregte - und durch den Stefan Schmidt klar wurde, dass er sich für Flüchtlinge noch viel stärker einsetzen wollte.

Captain Stefan Schmidt, der  Flüchtlingsbeauftragte von SH, steht an der Trave. © NDR Foto: Mechthild Mäsker
AUDIO: "Schleswig-Holstein-Schnack" mit Kapitän Stefan Schmidt (32 Min)

Flucht aus Pommern führt nach Schleswig-Holstein

Stefan Schmidt wurde am 9. Oktober 1941 in Stettin geboren. Als er drei Jahre alt war, floh der Vater mit Frau und zwei Kindern nach Schleswig-Holstein - für den kleinen Jungen eher "ein Abenteuer", so beschreibt es Schmidt in der Rückschau. Allerdings war das Leben für die Flüchtlingsfamilie erst in Elmshorn, dann in Lübeck hart, das Geld knapp. Und der Schüler Stefan war nicht der Fleißigste. Statt des eigentlichen Wunschberufes - Archäologe - ging es auf den Priwall zur Seefahrtsschule. Von der Pike auf hat Schmidt den Beruf gelernt, vom Schiffsjungen 1958 bis zum Kapitän 1971. Eine lange und harte Ausbildung, "aber dann kann dem Kapitän auch keiner was vormachen".

Und warum nun die Seefahrt? "Weil es so schöne Lieder gibt über die Seefahrt", sagt Schmidt augenzwinkernd, "und da wollte ich dazugehören." An die Seefahrtschule auf dem Priwall kehrte der Kapitän später zurück - als Dozent für Schiffssicherheit - bis 2015, als das Ehrenamt ihm dafür keine Zeit mehr ließ.

Über die Weltmeere nach Tuvalu

Elias Bierdel (l), der ehemalige Vorsitzende der Hilfsorganisation Cap Anamur und Stefan Schmidt, Ex-Kapitän und der erste Offizier des Schiffes "Cap Anamur II" vor dem Gerichtsgebäude in Agrigento © dpa Foto: Michele Naccari
Journalist Elias Bierdel, ehemaliger Vorsitzender des "Komitee Cap Anamur" und Stefan Schmidt lernten sich 2004 kennen. Später wurden sie gemeinsam verhaftet.

Viele Jahrzehnte auf See, verschlug es Stefan Schmidt auch in den Pazifik - auf Tuvalu leitete er sogar zwei Jahre lang eine Seemannsschule deutscher Reedereien - und erst die Familiengründung brachte ihn an Land zurück. Denn in einem war er sich mit seiner damaligen Frau einig: gemeinsame Kinder kriegen, die dann aber bitte nicht Onkel sagen sollen zum seefahrenden Vater. Drei Söhne hat Stefan Schmidt - und ihr Verhältnis beschreibt er so: "Ich könnte mir nicht vorstellen, dass es irgendwo eine bessere Beziehung gibt zwischen Söhnen und Vater als bei uns."

Tuvalu brachte den Kapitän 2004 mit einem besonderen Mann zusammen, nämlich mit Elias Bierdel, dem Vorsitzenden des "Komitee Cap Anamur". Ein Journalist, der unter anderem viele Jahre für den ARD-Hörfunk aus dem Kosovo berichtet und dort Bekanntschaft mit der Hilfsorganisation gemacht hatte. Beide Männer wurden dann nach der Rettung der Bootsflüchtlinge gemeinsam verhaftet.

Flüchtlingsbeauftragter in Schleswig-Holstein

Das Schiff der deutschen Hilfsorganisation Cap Anamur liegt vor dem Hafen von Porto Empedocle (Archivfoto vom 11.07.2004). © dpa Foto: Franco Lannino
Kapitän Schmidt engagierte sich zunehmend bei Cap Anamur.

Durch die Tätigkeit bei Cap Anamur wurde aus dem Kapitän Schmidt der politisch zunehmend engagierte Bürger Schmidt. 2006 gab es für die Rettungsaktion den Menschenrechtspreis von Pro Asyl, 2009 wurde er in Berlin mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte ausgezeichnet.

Und dann wählte ihn der Schleswig-Holsteinische Landtag 2011 einstimmig zum ehrenamtlichen Flüchtlingsbeauftragten. 2017 wiedergewählt (mit fünf Gegenstimmen der AfD-Fraktion, wie Schmidt mit Stolz betont), will er sich noch bis 2023, dem Ende seiner Amtszeit, in Flüchtlingsfragen engagieren. Auch wenn er nur indirekt in konkreten Fällen helfen kann, sieht er doch viele Erfolge in der Information und Aufklärung bei vielfältigen Veranstaltungen und Beratungen.

Menschen zum Nachdenken bringen

Er möchte vor allem Menschen erreichen, die nicht sowieso mit der Flüchtlingspolitik befasst sind. Leute, die er mit persönlichen Lebensschicksalen Geflüchteter konfrontiert, die er zum Nachdenken bringen will oder denen er die Angst vor der Zuwanderung oder kriminellen Geflüchteten nehmen möchte. Wie er das macht? Er versuche, Verständnis zu wecken für Zugewanderte und ihre Lebenssituation, erklärt Schmidt. Keine leichte Aufgabe.

80 Jahre und kein bisschen leiser

Captain Stefan Schmidt, der  Flüchtlingsbeauftragte von SH, steht an der Trave. © NDR Foto: Mechthild Mäsker
"Capt’n Schmidt" hat mit seinen 80 Jahren noch viel vor.

Dass er sich manchmal auch mit politischen Entscheidern anlegt, ist für "Capt’n Schmidt", wie er von vielen genannt wird, kein Problem - das sieht er als Teil seiner Aufgabe. Krebserkrankung, eine Covid-19-Infektion, Trennungen in der Familie: All das hat ihn in den letzten zehn Jahren nicht davon abgehalten, höchstens mal eine Zeit lang etwas ruhiger werden lassen. Aber sein Hausarzt habe ihm gerade die Konstitution eines 18-Jährigen bescheinigt, freut sich Schmidt, und sein Team im Büro in Kiel will mit ihm noch viel erreichen. Und schließlich will er weiterhin politisch etwas in Bewegung bringen.

Darum freut er sich jetzt vor allem auf seine Geburtstagsparty auf der Passat in Travemünde, zünftig und mit dem einen oder anderen Seemannsgarn in der Tasche - denn Döntjes von den Weltmeeren, die erzählt er auch gern. Und wenn es die Zeit zulässt, baut er weiter an seinen Modellbooten oder schaut auf den Horizont oder telefoniert mit der zweijährigen Enkelin. Oder plant, wie momentan, die nächste Aktion: eine Veranstaltungsreihe Mitte Oktober, zugunsten afghanischer Frauen und Kinder, in der Lübecker Marienkirche unter dem Titel "Mitgefühl - mit Gefühl".

Mehr über sein Leben erzählt Kapitän Stefan Schmidt in unserem Podcast Schleswig-Holstein-Schnack.

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Auf einer Tafel vor einer Wiese steht das Wort "Moin!". © imago images Foto: Panthermedia

Schleswig-Holstein-Schnack

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Schnack | 05.10.2021 | 20:15 Uhr

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