Stand: 12.05.2020 16:54 Uhr

Tag der Pflege: "Das Nachhaltige ist wichtig"

Die Hand einer älteren Person greift nach der jüngeren Hand. © picture alliance / ZB Foto: Peter Endig
Zu Ehren von Florence Nightingale, der Pionierin der modernen Krankenpflege, wird der internationale Tag der Pflege jährlich am 12. Mai begangen.

In diesem Jahr der Corona-Pandemie bekommt der internationale Tag der Pflege besondere Aufmerksamkeit. Zu Ehren von Florence Nightingale, der Pionierin der modernen Krankenpflege, wird er jährlich am 12. Mai begangen. Horst und Mandy haben anlässlich dieses Tages mit Pflegenden gesprochen - unter anderem mit Bettina Groß. Sie ist Stationsleiterin am Westküstenklinikum in Heide und gibt Einblicke in ihre Arbeit in Zeiten von Corona.

Ihre Station wurde zur Covid-19-Station umgebaut. Wie haben Sie die letzten Monate erlebt?

Bettina Groß: Es fing doch recht wild an. Zuvor haben wir auf der Station Patienten vom Atmungsgerät entwöhnt. Innerhalb von ein bis zwei Wochen wurde die Station komplett umgebaut: aus der Sechs-Betten-Station wurde eine Zehn-Betten-Intensivstation. Ich habe Personal aus acht verschiedenen Bereichen der Klinik dazubekommen. Wir haben das ganze Personal hier sozusagen gebündelt, weil wir nicht wussten, was auf uns zukommt. Die ersten Zahlen, die man aus Italien und Frankreich gesehen hat, waren natürlich enorm. Daher hat das Klinikum innerhalb von ganz kurzer Zeit die Kapazitäten freigesetzt. Die mussten dann natürlich auch irgendwie koordiniert werden und zusammenlaufen.

Wir haben gehört, dass es in einigen Krankenhäusern tatsächlich recht ruhig war, weil eben diese große Welle bei uns ausblieb. Wie war oder ist das bei Ihnen?

Groß: Das war bei uns Gott sei Dank auch so. Aber trotzdem musste das Personal geschult werden. Wir mussten alle auf einen gleichen Stand kommen. Jeder kam aus unterschiedlichen Bereichen. Ich habe Personal aus Funktionsbereichen gehabt, die vorher im Herzkatheterlabor oder in der Anästhesie gearbeitet haben. Die mussten alle innerhalb ganz kurzer Zeit auf einen Wissensstand gebracht werden.

Man muss ständig neue Erkenntnisse einarbeiten. Da müssen Sie wahrscheinlich auch ständig Neues lernen?

Groß: Ganz genau. Es ist ja auch so, dass wir bei Covid-19 selber nicht so wirklich viel wussten. Natürlich haben wir auch Daten bekommen aus anderen Ländern, unsere Oberärzte waren sehr engagiert und im Austausch. Aber das war natürlich auch eine ganz neue Situation für uns. Ich bin jetzt 20 Jahre im Job - aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Das war wirklich für alle eine ganz besondere Situation.

Eine Pflegerin begleitet die Bewohnerin eines Seniorenheims beim Gang durch den Flur. © dpa-Bildfunk Foto: Oliver Berg
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Wie viele Covid-19-Patienten hatten Sie ungefähr?

Groß: Die genauen Zahlen weiß ich nicht. Ich glaube, es waren insgesamt im Landkreis Dithmarschen etwa 60. Die waren aber natürlich nicht alle intensivpflichtig.

Wie gehen Sie und ihre Mitarbeiter mit dieser Krankheit und möglichen Infektionswellen um? Was macht das mit Ihnen?

Groß: Gerade in der Anfangszeit, als es den Shutdown gegeben hat und die Bevölkerung auch gemerkt hat, dass wirklich etwas kommt, dass wir uns jetzt wirklich vorbereiten müssen - da muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen, das hat mir auch einige schlaflose Nächte bereitet. Und ich glaube, so ging es auch meinen Mitarbeitern, weil wir ja auch nicht wussten, in welchem Ausmaß uns das treffen wird.

Natürlich macht das ganz viel mit einem. Wenn man als Pflegekraft in der ersten Reihe steht, geschult ist und auch weiß, wie man sich schützen kann, dann hat man trotzdem auch Ängste, das kann man ja nicht einfach so ablegen. Das gehört aber natürlich zum Pflegealltag dazu.

Hinzu kommt oft eine Doppelbelastung. Es war so, dass viele zum Beispiel keine Kinderbetreuung hatten, weil die ebenfalls auf Eis gelegt wurde. Ich habe Kollegen, bei denen arbeitet der Partner auch in einem systemrelevanten Beruf. Wohin mit den Kindern? Andere haben Partner, die in Kurzarbeit waren. Das Personal hier hat schon deutlich mehr Belastung zu tragen gehabt. Ich muss echt sagen, dass die Leute sich hier wirklich alle sehr, sehr gut eingebracht haben, ein Hand-in-Hand-Arbeiten war das.

Ihr Berufsstand bekommt gerade die Aufmerksamkeit, die er wahrscheinlich schon länger verdient hätte. Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?

Groß: Ich hoffe vor allem, dass es nachhaltig bleibt.Ich hoffe nicht, dass das jetzt wie eine Welle einfach abebbt. Ich würde mir sehr wünschen, dass der Beruf wirklich attraktiver gemacht wird. Ich rede jetzt nicht unbedingt nur von Geld, sondern ich glaube, dass es wirklich wichtig ist, auch zu gucken, wie man Arbeitsbedingungen verbessern kann. Wie man den Beruf auch familienfreundlicher machen kann, weil wir natürlich rund um die Uhr da sein und natürlich auch die Wochenenden und Feiertage abdecken müssen. Aber ich glaube schon, dass es bestimmt Möglichkeiten gibt, den Beruf trotzdem attraktiver zu machen. Das Nachhaltige ist, so glaube ich, das Wichtigste für mich - dass man einfach merkt: Pflege ist wichtig.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin Schleswig-Holstein – mit Mandy Schmidt und Horst Hoof | 12.05.2020 | 07:10 Uhr

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