Sendedatum: 12.03.2019 05:05 Uhr

Experte: "Kaffee hilft nicht gegen Sekundenschlaf"

Bild vergrößern
Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss hat in seinem Berufsalltag immer wieder mit Sekundenschlaf zu tun.

So kurz und so heimtückisch: Ein kurzer Moment der Übermüdung kann beim Autofahren fatale Folgen haben. Der sogenannte Sekundenschlaf ist eine der größten Gefahren im Verkehr. Im Rahmen unserer NDR 1 Welle Nord "Schleswig Holstein fährt fair"-Kampagne haben wir mit dem Verkehrspsychologen Karl-Friedrich Voss gesprochen. Er erklärt im Interview, wie es zum Sekundenschlaf kommt - und weshalb Kaffee nicht dagegen hilft.

Was passiert beim Sekundenschlaf genau?

Karl-Friedrich Voss: Normalerweise brauchen Sie, wenn Sie richtig Auto fahren wollen, ein hinreichendes Leistungsvermögen in Hinblick auf das Reaktionsvermögen, die Aufmerksamkeit, die Belastbarkeit, die Konzentration und die Orientierungsleistung. Und wenn diese Leistungsbereiche in irgendeiner Weise eingeschränkt sind, kann es dazu kommen, dass man die Kontrolle über das eigene Verhalten verliert - und dann eben nicht die Leistung erbringt, die nötig ist, um wach zu bleiben.

Welche Formen des Sekundeschlafs gibt es? Kann man auch mit offenen Augen in den Sekundenschlaf fallen?

Voss: Das Problem kann sein, dass man zum Beispiel noch erkennt, was um einen herum los ist, aber man erkennt die Bedeutung nicht mehr. Das ist ungefähr so, als ob man nicht mehr unterscheiden kann, ob das, was vor einem passiert, so eine Art Film ist oder ob es eben doch mit der Realität zu tun hat.

Wie wirkt sich der Sekundenschlaf mit offenen Augen auf unsere Wahrnehmung aus: Wir verstehen die Wahrnehmung nicht oder wir können nicht schnell genug reagieren?

Voss: Wenn eine gewisse Monotonie mit dem Autofahren verbunden ist, dann kann der psychische Organismus das missverstehen und fährt die Aufmerksamkeit, mit der man unterwegs ist, einfach herunter. Die Anspannung, die dazu geführt hat, dass man sich nicht verfährt und dass man auch sonst nicht irgendwie in einer Gefahr kommt, lässt eben einfach nach. Weil ein wichtiges Zwischenziel, zum Beispiel an Hamburg vorbeizukommen, erreicht ist. In einer solchen Situation kann es sehr leicht dazu kommen, dass die Wachsamkeit runterfährt und bestimmte Gefahren, die dadurch entstehen können, zu spät erkannt werden.

Warum ist Kaffee nicht empfehlenswert?

Voss: Weil Kaffee ein Schlafdefizit, das jemand hat, eben nicht aufheben kann. Man kann höchstens einen Zustand, der relativ unbedenklich ist, noch weiter fortsetzen. Das ist mit Kaffee sicherlich möglich. Aber nicht, dass man, wenn eine gewisse Müdigkeit schon vorhanden ist, die einfach zurückdreht.

Was hilft, wenn ich merke, ich werde am Steuer müde?

Voss: Das Einzige, was wirklich wirksam hilft, ist bei der nächsten Gelegenheit anzuhalten, für 20 Minuten zu schlafen und dann weiterzufahren. Und wenn das nicht ausreicht, dann muss man das eben noch mal wiederholen oder lieber die Fahrt abbrechen und am nächsten Morgen fortsetzen.

Gibt es Risikogruppen für den Sekundenschlaf, Leute die eher betroffen sind?

Voss: Wenn jetzt jemand gewohnt ist, nur auf relativ kurzen Strecken unterwegs zu sein, dann ist da keine besondere Gefahr zu erwarten. Im Gegensatz zu jemandem, der überwiegend nachts und dann eben auch alleine unterwegs ist. Dieser Autofahrer ist mehr oder weniger getragen von dem Gefühl, dass auf dem vor ihm liegenden Straßenabschnitt gar keine Gefahr vorhanden sein kann. Dass er selbst zu dieser Gefahr werden kann, das wird dann dabei oft ausgeblendet - sodass, wenn da plötzlich doch ein Ereignis kommt, dieses meistens recht spät erkannt wird.

Sind Menschen mit Schlafstörungen oder beispielsweise Atemstörungen auch betroffen?

Voss: Darüber wird im Zusammenhang mit Lkw-Fahrern immer wieder diskutiert. Die werden ja alle paar Jahre medizinisch untersucht. Es gibt immer wieder Forderungen, die normale Schlafaktivität und die Atmungsaktivität zu überprüfen. Das mündet dann in der sogenannten Tagesschläfrigkeit, dass man nie so richtig wach wird. Das ist überhaupt nicht gut, wenn man damit unterwegs ist. Gerade wenn es sich um Leute handelt, die damit Geld verdienen, also Lkw-Fahrer zum Beispiel.

Kann man sich mit Willen und Konzentration wachhalten?

Voss: Die Konzentration ist nicht endlos zu haben. Konzentration ist dann an einen sogenannten Tunnelblick geknüpft. Wir sehen nur noch recht wenig. Das heißt im Umkehrschluss: den Rest entweder gar nicht oder zu spät. Und irgendwann ist der Bereich, den Sie dann noch erkennen können, so klein, dass als Nächstes der Schlaf eintritt. Wenn man die Umgebung nicht mehr richtig wahrnehmen kann, dann ist eigentlich nur noch eine Konsequenz richtig - und zwar anzuhalten und nicht weiterzufahren.

Das Interview führte Kai Salander für NDR 1 Welle Nord.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Horst und Mandy am Morgen | 12.03.2019 | 05:05 Uhr

Schleswig-Holstein fährt fair

11.03.2019 05:05 Uhr

Jahr für Jahr sterben Menschen bei Verkehrsunfällen in Schleswig-Holstein. Gemeinsam möchten wir mit Ihnen die Straßen sicherer machen. In unserem Dossier finden Sie Interviews, Tipps und Videos. mehr

Schlafapnoe erhöht Unfallgefahr am Steuer

Autofahrer, die an nächtlichen Atemaussetzern leiden, haben ein erhöhtes Unfallrisiko. Denn die Schlafapnoe kann zum gefährlichen Sekundenschlaf am Steuer führen. mehr