Ein Jahr Ausnahmezustand: Covid-19-Pflegepersonal berichtet

Stand: 05.02.2021 15:26 Uhr

Seit einem Jahr stellt Corona das Leben auf den Kopf. Für die Pflegerinnen und Pfleger auf einer Covid-19-Intensivstation in Kiel ist es ein anhaltender Ausnahmezustand.

von Cassandra Arden

Die Hilflosigkeit, die durch die Machtlosigkeit gegenüber der neuen Krankheit entsteht, ist für die Pflegerinnen und Pfleger sehr belastend. Julius Bellmann blickt zurück und muss sarkastisch schmunzeln: "Im März dachten wir noch, dass es ein kurzes Ding wird, aber dem war nicht so." Im Moment liegen auf der Covid-19-Intensivstation des Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel acht Patienten. Die Station liegt nur einen kurzen Flur entfernt von der normalen Intensivstation. An einer Tür prangt ein rotes Schild mit der Aufschrift: "Intensivstation Isolierbereich".

Eine Pflegekraft in Vollmontur zieht blaue Gummihandschuhe vor einem Patientenzimmer an. © NDR Foto: Cassandra Jane Arden
In Vollmontur geht es für die Mitarbeiter in die Isolierstation.
Handschuhe, Maske, Kittel und Haarnetz

Bevor Steffen Ochs, der pflegerische Teamleiter oder seine Mitarbeiter die Isolierstation betreten, müssen sie sich einkleiden: Handschuhe, Maske, Kittel und Haarnetz. Erst dann geht es weiter. "Das ist inzwischen reine Routine, das war am Anfang anders", erzählt Ochs. Zu Beginn der Pandemie gab es noch viel weniger Wissen darüber, wie man sich schützen kann und muss. Auch die Sorge davor, sich selbst zu infizieren, war größer. Das hat sich gelegt. "Wir wissen, was wir tun und welche Vorkehrungen wir treffen müssen", so der Teamleiter. Je näher das Personal am Patienten arbeitet, desto aufwendiger die Schutzkleidung. Wenn Patienten verlegt oder Beatmungsgeräte an- oder abgeschlossen werden, dann ist der Aerosol-Ausstoß am höchsten. Deswegen bleiben auch die Fenster, während das Ärzte- und Pflegeteam im Raum ist, offen.

Die emotionale Belastung ist hoch

Eine Frau sitzt vor einem Krankenhausmonitor. © NDR Foto: NDR
"In der zweiten Welle sterben wirklich viele Patienten, das ist für uns psychisch extrem belastend", sagt Kathrin Esselbach, die stellvertretende Pflegeleiterin.

Für die Pflegekräfte ist im Moment aber nicht das Risiko, sich selbst zu infizieren, das, was sie am meisten belastet - es ist die Machtlosigkeit gegenüber dieser Krankheit. Kathrin Esselbach arbeitet seit mehr als 40 Jahren in ihrem Beruf. So etwas wie Covid-19 hat sie noch nie erlebt, nicht mal annähernd: "Das besondere an der Corona-Erkrankung ist, dass man teilweise hilflos ist. Ich dachte, wir hätten aus der ersten Welle viel über die Krankheit gelernt. Aber jetzt merkt man, dass das gewonnene Wissen nicht viel Erfolg bringt." Die Patienten seien kränker als in der ersten Welle, so jedenfalls beobachtet es Kathrin Esselbach. "Woran das liegt, kann ich nicht sagen." Es gibt keinen sicheren Weg, Covid-19 Patienten, die so krank sind, dass sie auf die Intensivstation kommen, zu heilen. Das ist am frustrierendsten, sagen hier alle.

In der zweiten Welle sterben zunehmend auch Jüngere

Ein Corona-Patient liegt auf einer Intensivstation im UKSH in Kiel. © NDR Foto: Cassandra Jane Arden
Im Moment schafft es etwa jeder Zweite auf der Covid19-Intensivstation nicht.

Trotzdem geben sie jeden Tag alles, um einen ihrer Patienten auf eine normale Station verlegen zu können. Sie wollen unbedingt jeden irgendwann auf zwei Beinen aus dem Krankenhaus verabschieden. Und das gelingt zum Teil durchaus. Sophie Luszczak ist seit zehn Monaten im Kieler-Team. Ihr Gesicht hellt sich etwas auf, als sie erzählt: "Wir hatten zum Beispiel einen Anfang 30-Jährigen hier. Ich habe ihn wochenlang behandelt und es war nicht klar, ob er es schafft. Aber den konnten wir in die Reha entlassen."

Eine Frau sitzt vor verschiedenen Krankenhausgeräten. © NDR Foto: NDR
Sophie Luszczak ist Krankenpflegerin. Sie erinnert sich an die Anfänge der Pandemie - "Das ist etwas, wo man definitiv kein Experte ist".

Das sind die Momente, aus denen Sophie Luszczak und ihre Kollegen Kraft schöpfen. Sophies Luszczaks Miene verdunkelt sich wieder: "Aber dann gibt es eben auch die 40-jährige Patientin, die einen sechsjährigen Sohn hat und hier zwei, drei Monate liegt. Der Sohn kann sie nicht sehen und dann ist sie auf einmal tot." Sophie Luszczak schluckt spürbar. Im Moment schafft es etwa jeder Zweite auf der Covid-19-Intensivstation nicht.

Pflegende sind Bindeglied zwischen Covid-Patienten und Angehörigen

Der Kontakt zwischen Angehörigen und Patienten ist normalerweise auch für den Heilungsprozess wichtig. Steffen Ochs seufzt und sagt mit fester, aber doch emotional angefasster Stimme: "Aber das geht im Moment eben nicht. Und das ist schwierig, weil wir das auch abfedern müssen." Sophie Luszczak, Steffen Ochs und all die anderen Pflegenden sind das Bindeglied zwischen den Patienten und ihrer Familie. Es werden Selfies verschickt oder auch mal Videoanrufe eingerichtet.

Ein Mann sitzt vor verschiedenen Krankenhausgeräten. © NDR Foto: NDR
"Wenn die Lungenentzündung so weit fortgeschritten ist, dass die Patienten auf die Intensivstation müssen, ist nicht mehr viel Luft nach oben", sagt Steffen Ochs, der pflegerische Teamleiter.

Im Moment sind die Pflegerinnen und Pfleger auf der Covid-19- Intensivstation noch viel mehr als "nur" Pflegekraft. Denn sie sind die einzigen sozialen Kontakte für die Patienten. Droht ein Patient zu sterben, sind Angehörige zugelassen, ergänzt Steffen Ochs noch. "Das sind dann sehr harte Situationen, die sie dann begleiten müssen." Zum Teil haben sich Patient und Familienmitglied wochenlang nicht gesehen. Und dann können sie sich nur noch verabschieden.

"Die Impfung ist der Schlüssel"

Es könnte noch einige Wochen und Monaten so weitergehen wie im Moment - zumindest auf der Covid-19-Intensivstation. Steffen Ochs erläutert: "Die Patienten liegen zum Teil lange bei uns. Also wird es die nächsten Wochen wohl so bleiben, wie es jetzt ist." Für die nächsten Monate sagt er: "Die Impfung ist der Schlüssel." Das sehen auch seine Kollegen so. Sie haben in den vergangenen Tagen ihre zweite Impfung erhalten. "Im Moment ist es der einzige Strohhalm, den wir haben", bringt es Julius Bellmann, stellvertretend für seine Kollegen, auf den Punkt.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 06.02.2021 | 19:30 Uhr

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