Der schwere Traum vom Eigenheim

Stand: 25.02.2021 13:55 Uhr

Seit Wochen wird darüber debattiert, ob der Bau von Einfamilienhäuser verboten werden soll. In Südholstein ist das keine Option. Die Suche nach einem Haus bleibt dennoch schwer.

von Hannah Böhme

Vanessa (30) und ihr Verlobter Dennis (34) sind frustriert. Seit zwei Jahren suchen die beiden ein Haus im Kreis Pinneberg, ohne Erfolg. Dabei soll es "gar nichts Großartiges" sein, erklärt Vanessa: "Vier Zimmer, vielleicht ein schöner Garten und Grün drum herum", so der Wunsch. "Wir möchten Familie gründen und uns deshalb vergrößern," erklären die beiden. Ihre aktuelle Mietswohnung im Hamburger Westen ist dafür auf Dauer zu klein. Das Problem: Mit Vanessa und Dennis suchen auch zahlreiche andere Paare und junge Familien in Südholstein nach einem passenden Haus. "Annoncen sind teilweise nur eine Stunde online und dann man bekommt schon keinen Termin mehr für eine Besichtigungstermin", berichten die beiden von ihrer Suche in den vergangenen zwei Jahren.

Verbot von Einfamilienhäusern für Gemeinden keine Option

Dass der Wohnungs- und Immobilienmarkt im dichtbesiedelten Südholstein angespannt ist, ist kein Geheimnis. Schon lange wollen hier mehr Menschen wohnen als Platz ist. Das merken nicht nur diejenigen, die wie Vanessa und Dennis suchen, sondern natürlich auch die Gemeinden, in denen gesucht wird. So berichten unter anderem Barsbüttel, Norderstedt, Schenefeld und Wedel auf Anfrage von NDR Schleswig-Holstein von einer weiter hohen Nachfrage. Andreas Breitner, Schleswig-Holsteins früherer Innenminister und heutiger Direktor des Verbands Norddeutscher Wohnungsunternehmer, hatte deshalb vor einigen Wochen gefordert, in Ballungsräumen in Schleswig-Holstein in neuen Baugebieten keine neuen Einfamilienhäuser mehr zu genehmigen. Wenige Menschen auf viel Raum - das sei nicht effizient, verbrauche unnötige Ressourcen und versiegele viel Fläche für wenig Nutzen, so seine Begründung. Vorbild für Breitner war der Hamburger Bezirk Nord, in dem Grüne und SPD in ihrer Koalitionsvereinbarung festgehalten hatten, keine neuen Einfamilienhäuser mehr zu genehmigen. Für die dazu vom NDR in Südholstein befragten Städte und Gemeinden ist das keine Option. Man sei nicht Hamburg-Nord, lauteten viele Rückmeldungen.

Deutlicher Zuwachs im Wohnungsbau

Aber auch hier muss und wird auf den hohen Wohnraumbedarf reagiert: Viele Gemeinden setzen in ihren Neubaugebieten mittlerweile verstärkt auf Mehrfamilienhäuser. In Pinneberg beispielsweise am ILO-Park entstehen nach Angaben der Stadt zurzeit 360 Wohnungen, ausschließlich im Mehrgeschossbau. Dieser Trend schlägt sich auch im am Donnerstag vorgestellten sogenannten Neubaumonitoring des Landesverbands Nord des Bundesverbandes Freier Immobilien und Wohnungsunternehmen (BFW) nieder: Demnach sind im vergangenen Jahr in Schleswig-Holstein 1.500 Wohnungen fertiggestellt worden, fast doppelt so viele wie 2019. Auch weil Bauen in Hamburg durch immer neue Regulierungen wie beispielsweise Klimaschutzauflagen komplizierter werde, heißt es von einem BFW-Sprecher, seien viele Bauunternehmen mit ihren Projekten ins Umland nach Südholstein abgewandert. Der BFW rechnet damit, dass sich dieser Trend in diesem Jahr weiter fortsetzt: der Baubeginn für 3.600 Projekte sei in diesem Jahr geplant - 41 Prozent mehr als letztes Jahr.  

Ein Gesuch für ein Einfamilienhaus. © Hannah Böhme/SH Foto: Hannah Böhme
Auch dieser "Hilferuf" von Vanessa und Dennis, eingeworfen in zahlreiche Briefkästen, brachte nichts.
Eigenheim auch als Altersvorsorge

Aber eine Wohnung ist eben kein Haus und kommt deshalb für Vanessa und Dennis nicht in Frage. Dann könnten sie nach eigenen Angaben auch weiter in ihrer Genossenschaftswohnung im Hamburger Westen bleiben. Für ihren Traum vom Eigenheim würden sie einen mittleren sechsstelligen Betrag ausgeben. Bisher hat das Paar neben Anzeigen in den einschlägigen Online-Portalen auch Annoncen in Zeitungen aufgegeben und sogar in den für sie in Frage kommenden Gemeinden wie Holm, Tornesch oder Uetersen Handzettel mit ihrer Suchanfrage verteilt. Etwa 25 Häuser haben sie sich in den vergangenen zwei Jahren angeschaut. Immer habe es irgendwo einen Haken gegeben: "Feuchter Keller, Riss im Mauerwerk - da weiß man ja dann auch nicht, ob das nicht vielleicht ein Fass ohne Boden ist", so die 30-Jährige. Ein eigenes Haus würde für sie und ihren Verlobten auch bedeuten, im Alter abgesichert zu sein. "Wir möchten ankommen und uns was aufbauen", sagt sie frustriert aber noch nicht ganz entmutigt. Noch geben sie nicht auf. Wie lang ihr Atem aber noch sein muss auf dem Weg zum Eigenheim, bleibt ungewiss.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin Schleswig-Holstein – mit Mandy Schmidt und Horst Hoof | 25.02.2021 | 07:10 Uhr

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