Stand: 24.10.2016 00:00 Uhr  | Archiv

Katrin Sass - Karriere mit Schwankungen

von Nicole Janke, NDR.de

"Dass ich schwierig bin, wusste ich gar nicht. Das höre ich heute das erste Mal," sagt Katrin Sass bei der Verleihung des europäischen Kulturpreises für Schauspielkunst im Oktober 2015. Die Schauspielerin reagiert damit auf die Laudatio der Filmproduzentin Regina Ziegler. Dass Zieglers Charakterisierung nicht aus der Luft gegriffen ist, dürfte seit Katrin Sass' Ausraster in der Talkshow "Markus Lanz" unumstritten sein. In der Sendung attackiert sie Dschungelcamp-Teilnehmer Peer Kusmagk, der für eine stattliche Gage in der Realityshow mitmachte. Sie wettert über Verlogenheit, Geldgier, Sexismus und Trash-TV. Am folgenden Tag bestimmt ihr furioser Auftritt die Schlagzeilen.

Kein Blatt vorm Mund

Dass die für ihre offenen Worte bekannte Wahlberlinerin sich selbst als lustig beschreibt, mag verwundern. Beschwert sie sich doch über schlechter werdende Produktionsbedingungen beim Fernsehen, fordert Gregor Gysi öffentlich auf, das SED-Vermögen herauszurücken und beklagt, dass sich viele linientreue Kollegen und Politiker aus der ehemaligen DDR nachträglich als Regimegegner stilisieren. Doch letztlich basiert der Ruhm der gebürtigen Schwerinerin nicht auf einer großen Klappe, sondern auf ihrem schauspielerischen Können.

Beste Schauspielerin auf der Berlinale 1982

Bereits als Studentin macht die am 23. Oktober 1956 in Schwerin geborene Tochter der Schauspielerin Marga Sass-Heiden und des Verwaltungsangestellten Hans-Otto Sass von sich reden. 1979 spielt Katrin Sass in dem DEFA-Film "Bis dass der Tod euch scheidet" ihre erste Hauptrolle und beeindruckt durch ihr intensives und zugleich natürliches Spiel. In "Bürgschaft für ein Jahr" schlüpft sie in die Rolle einer alleinstehenden Arbeiterin mit drei Kindern. Es ist ihre zweite Hauptrolle, die sie ebenfalls noch während ihrer Ausbildung an der Schauspielschule Rostock übernimmt. Und die ihr 1982 den Silbernen Bären auf der Berlinale einbringt. Eine Sensation! Obwohl sie DDR-Bürgerin ist, darf sie den Preis in Westberlin selbst entgegennehmen. Ein furioser Start und der Beginn einer großen Karriere.

Aus Angst vor Konsequenzen stellt sie keinen Ausreiseantrag

In der DDR gehört Sass bis zum Mauerfall zur Schauspielelite - auf der Theaterbühne genauso wie in Film und TV. Im DDR-Fernsehen ist sie beispielsweise im ostdeutschen Tatort-Pendant "Polizeiruf 110" und der Serie "Der Staatsanwalt hat das Wort" zu sehen. Im Theater spielt sie die Hauptrolle in Shakespeares "Romeo und Julia" genauso wie in Gegenwartsstücken von Heiner Müller. Beruflicher Erfolg hin oder her: Mit den politischen Verhältnissen in ihrem Land ist Sass nicht einverstanden. Einen Ausreiseantrag stellt sie jedoch nicht - aus Angst vor Repressalien, wie sie unumwunden zugibt. Mit der Wende wird für die Schauspielerin der große Traum von der persönlichen Freiheit wahr: Sie bereist ihren Sehnsuchtsort Frankreich, besucht das Grab ihres Idols Romy Schneider.

Der Alkohol bringt Katrin Sass fast um

Auch wenn die Grenzöffnung zu den schönsten Ereignissen in Sass' Leben gehört - zusammen mit der neuen Freiheit kommt ihre schwerste Zeit. Nach der Wende bleiben die Rollenangebote zunächst aus und die Zukunftsangst wird oft mit Alkohol heruntergespült. Zwar kann sich die Schauspielerin 1994 als Hauptkommissarin in der erneut produzierten Krimiserie "Polizeiruf 110" im wiedervereinigten Deutschland etablieren, doch die Alkoholsucht wird zu einem übermächtigen Problem. Sie führt dazu, dass Katrin Sass die Rolle 1997 verliert. "Ich hab so viel gesoffen, dass ich am Ende auf dem Fußboden lag und meine Leber fast den Geist aufgab", erzählt sie später in Interviews. Auch in der 2003 erscheinenden Biografie "Das Glück wird niemals alt" schreibt sie schonungslos über ihre Alkoholexzesse.

Comeback nach erfolgreicher Therapie

Ehrenpreisträgerin Katrin Sass mit Ministerpräsident Erwin Sellering. © dpa Foto: Jens Büttner
2011 gibt es beim Filmkunstfest in Sass' Heimat Mecklenburg-Vorpommern den Ehrenpreis.

Nach dem Verlust ihres Engagements beim "Polizeiruf" zieht Sass die Reißleine, macht erfolgreich eine Therapie und will wieder spielen. Zunächst bleiben die Rollenangebote aus, doch bald erlebt sie das Comeback ihrer Karriere. Diesmal mit der Hauptrolle in dem Kinofilm "Heidi M.", für die sie 2001 mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnet wird. Nur zwei Jahre später hat Katrin Sass mit der Kinoproduktion "Good Bye, Lenin!" den größten Erfolg ihrer Laufbahn. Der Film erzählt die rührende Geschichte eines Sohnes, der alles daran setzt, dass seine kurz vor dem Mauerfall ins Koma gefallene Mutter nach ihrem Aufwachen den Untergang ihrer geliebten DDR nicht bemerkt. "Good Bye, Lenin!" wird ein internationaler Hit und sahnt bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises die wichtigsten Auszeichnungen ab, inklusive der Darstellerpreise für Katrin Sass und Filmsohn Daniel Brühl.

Erfolg mit "Weissensee" und "Usedom-Krimis"

Schauspielerin Katrin Sass in der Rolle der Dunja Hausmann in der Erfolgsserie "Weissensee". © ARD/Julia Terjung
In ihre Rolle als Liedermacherin in Ost-Berlin in der Serie "Weissensee" fließt viel persönliche Erfahrung ein.

Seither läuft die Karriere in geordneten Bahnen - die Achterbahnfahrt scheint beendet. Neben unterschiedlichen Film- und Fernsehengagements spielt Sass seit 2010 die regimekritische Liedermacherin Dunja Hausmann in der ARD-Erfolgsproduktion "Weissensee". Die Serie beschreibt das Schicksal zweier Familien aus Ostberlin von 1980 bis nach der Wende - und Katrin Sass ist damit wieder voll bei ihrem persönlichen Herzensthema angelangt, der deutschen Teilung. Seit 2014 brilliert sie außerdem in der Rolle der Ex-Staatsanwältin und verurteilten Mörderin Karin Lossow in den vom NDR produzierten "Usedom-Krimis". Dass sie immer wieder in Filmen besetzt wird, die sich mit der DDR-Vergangenheit beschäftigen, hat sicherlich auch mit ihrer Biografie zu tun. Aber der Hauptgrund ist, dass sie eine grandiose Schauspielerin ist, die den Zuschauer fesseln und zum Nachdenken bringen kann.

Sass: "Man lebt nur noch um zu kämpfen"

Katrin Sass und Lisa Maria Potthoff im Usedom-Krimi "Mörderhus" © NDR / Christiane Pausch
In den "Uedom-Krimis" geht es nicht nur um Mord, sondern auch um das schwierige Verhältnis zwischen Karin Lossow (Katrin Sass) und ihrer Tochter (Lisa Maria Potthoff, li.).

Über ihr Privatleben spricht Katrin Sass in der Öffentlichkeit kaum. Auch die Scheidung 2007 von Regisseur Siegfried Kühn nach 16 Ehejahren macht sie nicht groß publik. Nach vielen Jahren auf einem Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern lebt sie heute am Stadtrand von Berlin am Müggelsee - abseits des Filmzirkus. Trotz des persönlichen Erfolgs, so erzählt sie 2012 in einem Interview, blickt sie kritisch auf die Gegenwart: "Also, wie es heute abläuft, das sehe ich auch bei meinen Kollegen: Man lebt nur noch um zu kämpfen. Und ich persönlich kann das alles nicht mehr mitmachen. Ich habe mich soweit zurückgezogen, ich fahre gleich nach diesem Gespräch wieder nach Hause, setze mich auf meine Wiese und gucke aufs Wasser."

Dieses Thema im Programm:

15.12.2016 | 22:30 Uhr