Eine Frau mit Mundschutz betrachtet in einer Ausstellung ein Bild. © photocase Foto: Hugo

Wie klimafreundlich sind Ausstellungen?

Stand: 18.11.2020 12:38 Uhr

Auch wenn Museen und Galerien Corona-bedingt geschlossen sind, die Klimaanlagen laufen permanent. Der Kunstbetrieb im Mecklenburg-Vorpommern hadert mit der Nachhaltigkeit.

von Anke Jahns

Die ARD-Themenwoche unter dem Motto #WIELEBEN fragt: Wie wollen wir leben?  Wahrscheinlich alle nachhaltig, in Einklang mit der Natur und inspiriert von schönen Künsten. Man kann die Kunst natürlich nicht in eine Kosten-Nutzen-Rechnung quetschen, aber den wenigsten von uns ist klar, welchen Klima-Preis wir zahlen, um uns Bilder anschauen zu können.

Gemälde der alten Holländer - Öl auf Leinwand - gehören zu den empfindlichen Kunstschätzen des Staatlichen Museums Schwerin. Sie brauchen eine stabile Raumtemperatur von 20 Grad Celsius und 50 bis 55 Prozent Luftfeuchtigkeit. Zeichnungen auf Papier, von Rembrandt zum Beispiel, müssen dagegen bei einer niedrigeren Luftfeuchte von 45 Prozent aufbewahrt oder ausgestellt werden.

Schweriner Museum: Vorteil dicke Mauern

Staatliches Museum Schwerin © picture-alliance
Das Staatliche Museum Schwerin hat dank seiner dicken Mauern ein stabiles Raumklima.

Das Museum am Schweriner Alten Garten hat einen großen Vorteil. Die Mauern des 140 Jahre alten Gebäudes sind so dick, dass sich die Räume im Sommer nur langsam erwärmen und im Winter nur langsam abkühlen. Dennoch laufen hier die technischen Anlagen Tag und Nacht, um Raumtemperatur und Feuchte stabil zu halten, so die Restauratorin Petra Kruse: "Man muss aufpassen, dass man dabei nicht den Fehler macht, dass man Be- und Entfeuchter parallel laufen lässt. Das kann auch mal sein. Wir haben zum Teil enorme Regengüsse zu Jahreszeiten, in denen man es nicht erwartet. Das muss man jeden Tag im Blick behalten."

Thermohydrografen kontrollieren Temperatur und Luftfeuchtigkeit

Auch die Himmelsausrichtung und die Fenster spielen eine große Rolle dabei, wie viel technischer Aufwand betrieben und damit die Umwelt belastet wird. Thermohydrografen zeichnen Tag und Nacht auf, wie warm und feucht es in den Räumen ist. Leihgaben für Ausstellungen bekommen die Museen und Galerien nur, wenn es keine Schwankungen gibt, wenn die sogenannte "Flatline" von 20 Grad Celsius bei 50 Prozent Luftfeuchte das ganze Jahr über stimmt.

Kritik an Abhängigkeit von Klimageräten

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Neben dem historischen Museumsgebäude gibt es in Schwerin seit vier Jahren den Anbau, einen Museumsneubau, technisch aufgerüstet. Wenn hier einmal der Strom ausfiele, wäre es eine Katastrophe für die Kunst. Die immer größere Abhängigkeit der Museen von der Klimageräte-Industrie hält der für Staatliche Schlösser und Museen in Mecklenburg Vorpommern zuständige Bausachverständige Steffen Siefert für einen Irrweg. "Man glaubt eben, dass man das alles mit technischen Lösungen wie Klimaanlagen in den Griff bekommt. Aber die sind natürlich in der Investition wie im Betrieb sehr teuer und sie brauchen unendlich viel Energie", erklärt Siefert.

Klimakiller Kunsttransporte

Der Kunstbetrieb, der die Gesellschaft mit neuen Ideen voranbringen will, hadert mit der Nachhaltigkeit. Einer der größten Klimakiller sind dabei die Kunsttransporte. Wenn Leihgaben aus den USA, Spanien oder Russland nach Deutschland kommen, schlägt ein enormer CO2-Verbrauch zu Buche. Für den Chef der Rostocker Kunsthalle, Uwe Neumann, muss hier ein Umdenken einsetzen: "Da müssen wir auch alle dran arbeiten, dass das nicht ausufert mit diesen von vielen Leihgebern geforderten Direkttransporten. Das bedeutet, dass ein Bild in einem Wagen vom Museum X zu Museum Y transportiert werden muss, ohne dass andere Stationen angefahren werden. Das ist natürlich ein irrer Fahrverkehr. Auch in Hinblick auf Klimakisten und klimatisierte Autos werden die Auflagen immer höher geschraubt, was das Ganze verteuert."

Neumann will Neubauten hinterfragen

Jörg-Uwe Neumann sitzt mit Kopfhörern und Mikrofon am Spendentelefon. © NDR Foto: Christoph Woest
Uwe Neumann, Chef der Rostocker Kunsthalle, fordert mehr Nachhaltigkeit bei Neubauten.

Vielleicht sollte sich die Kunst wieder stärker auf eigene Sammlungen konzentrieren und auf die Depots in der Nähe zurückgreifen? Wenn die Kunst mit ihrer Innovationskraft eine Ressource im Kampf gegen die Umweltzerstörung werden will, so der Rostocker Kunsthallen-Chef Neumann, dann müsse sie auch ihre eigenen Prestigeprojekte hinterfragen wie den riesigen Glaspalast-Museumsneubau in Leipzig oder das gigantische Humboldt-Forum in Berlin. Neumann: "Da muss man eben auch darüber nachdenken. Ein Raum, der acht Meter hoch ist und 1.000 Quadratmeter groß, hat natürlich ganz andere Klimatisierungsanforderungen als ein kleinerer Raum. Da müssen wir eben auch sehen, inwieweit ist uns das wichtig und inwieweit ist es fürs Kunstwerk wichtig. Wir müssen vorsichtig sein, dass wir das Ganze nicht in reiner Selbstverliebtheit entwickeln. "

Siefert fordert Rückbesinnung auf natürliche Mittel

Abstriche machen, hinterfragen - Kunstbewahrung und Präsentation im Einklang mit der Natur - für den Bausachverständigen der Staatlichen Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen in Mecklenburg heißt das ganz klar: Rückbesinnung. "Wenn wir an Schloss Bothmer denken, da gibt es durch Blindfenster nach Westen im Ausstellungsbereich keinen Lichteinfall und damit auch keine Erwärmung. Zudem haben wir auf der anderen Südost-Seite einen riesigen Baum vor den Fenstern stehen, der auch wieder für gutes Raumklima sorgt. Ich denke, das ist so ein Ansatz, der wieder viel mehr in den Fokus gerückt werden muss, dass man mit einfachen natürlichen Mitteln versucht, Raumklima zu schaffen, weniger über technische Anlagen", fordert Siefert.

Noch sind die Museen und Kunstsammlungen in Mecklenburg Vorpommern keine Vorbilder in Sachen Nachhaltigkeit. Ob das Staatliche Museum in Schwerin, die Rostocker Kunsthalle oder die Neubrandenburger Kunstsammlung - niemand, den wir angefragt haben, konnte uns sagen, wie viel Energie sein Haus verbraucht oder welchen CO2-Fußabdruck wir bei Ausstellungsbesuchen hinterlassen. Doch alle geben sich dankbar, dass wir das Thema anstoßen.

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Dieses Thema im Programm:

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