Personality-Show: Wie Medien über die Klimabewegung berichten

Stand: 18.11.2020 15:07 Uhr

Ob Greta Thunberg oder Luisa Neubauer - Einzelne stechen in der öffentlichen Wahrnehmung von Fridays For Future heraus. Welche Rolle spielen die Medien bei der Personifizierung dieser Bewegung? Wie geht FFF selbst damit um?

von Nils Altland und Robin Hollstein

Am 16. November lief im Ersten "Ich bin Greta". Der schwedische Dokumentarfilmer Nathan Grossman hat Greta Thunberg dafür lange Zeit und über weite Strecken begleitet. Und so kommt das Publikum Greta in der Doku so nah wie nie zuvor: bei großen Auftritten mit internationalen Politikern, im Streit mit ihrem Vater und am Ende ihrer Kräfte mitten auf dem Atlantik. Greta Thunberg ist Fridays For Future - Fridays For Future ist Greta Thunberg. Durch die Nähe und die Fokussierung auf sie könnte dieser Eindruck entstehen - doch die junge Schwedin selbst streitet dies in dem Film immer wieder ab.

Kathrin Pitterling, Filmemacherin © NDR
Begleitete für ihre Doku "Aufschrei der Jugend" knapp ein Dutzend Aktivistinnen und Aktivisten: Kathrin Pitterling.

Die Berliner Filmemacherin Kathrin Pitterling wählt mit ihrer Doku "Aufschrei der Jugend", die ebenfalls in dieser Woche im Ersten läuft, einen anderen Ansatz. Sie legt eine Langzeitbeobachtung vor, doch zeigt dabei gleich ein knappes Dutzend Aktivistinnen und Aktivisten, die hinter Fridays for Future stehen. "Es gibt ja in dieser Bewegung so unglaublich tolle Menschen zu entdecken. Dabei könnte man einfach genauer hinschauen und anderen Menschen auch Raum geben, sich zu präsentieren", sagt Kathrin Pitterling. Dennoch stilisieren viele Medien immer wieder nur einige wenige Akteurinnen zu Gallionsfiguren der Klimabewegung.

Das Für und Wider von Personalisierung

Im Interview mit ZAPP berichtet Grossman, wie Greta Thunberg mit der Berichterstattung hadert. Am Anfang seiner Beobachtung gibt sie viele Interviews, da es der beste Weg ist, um ihre Inhalte in die Welt zu transportieren. Doch dann fokussiert sich die Berichterstattung mehr auf die Person Greta Thunberg und weniger auf ihr Thema, den Klimaschutz. Reporterinnen und Reporter "stellen zunehmend seltsamere Fragen zu Themen, die sie nicht interessieren oder sehr persönliche Fragen, die sie lieber nicht beantworten würde", erzählt der Dokumentarfilmer.

Nathan Grossman, Dokumentarfilmer © NDR
Hat für seine Dokumentation "Ich bin Greta" Greta Thunberg lange begleitet: Nathan Grossman.

Auch die Aktivistinnen und Aktivisten bei Fridays For Future in Deutschland haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Das Medieninteresse hat sich auf zentrale Figuren wie Luisa Neubauer oder Clara Mayer gerichtet. Doch ohne die Berichterstattung gibt es kaum eine Chance auf die gewünschte Aufmerksamkeit. Die Aktivisten haben mittlerweile gelernt, mit den Erwartungen der Medien umzugehen, sagt Philipp Wenzel, Pressekoordinator der Jugendbewegung in Hamburg: "Uns ist bewusst, dass gewisse Mechanismen so funktionieren. Es braucht solche Personen. Wir wissen, dass man da nicht drumherum kommt. Deshalb einigen wir uns auf eine oder zwei Personen, die hervorstechen und schaffen unser Anliegen zu verkaufen. Das ist ja nur logisch."

Das Ziel in der nahen Zukunft ist recht eindeutig: Es sollen mehr Gesichter vor der Kamera zu sehen sein, um die Diversität der Gruppe besser abbilden zu können. Die Bewegung sei zuerst einfach losgelaufen und einzelne Personen seien dabei unbeabsichtigt hervorgetreten. Im Rückblick gab es am Anfang "Versäumnisse, die wir aber nicht bereuen. […] Nur weil sich am Anfang einzelne Persönlichkeiten hervorgehoben haben, muss das ja jetzt nicht manifestiert bleiben. Es ist unsere Aufgabe es in die richtige Richtung zu lenken. Es ist das Wechselspiel zwischen Medien und Bewegung, dass wir nicht immer nur das machen, was die Medien von uns möchten", so Wenzel.

Die Realität des Aktivismus

Philipp Wenzel, Pressekoordinator von Fridasy For Future in Hamburg © NDR
Für Philipp Wenzel, Pressekoordinator FFF, bildet die Doku "Aufschrei der Jugend" die Realität des Aktivismus gut ab.

Dabei kann die Bewegung mediale Aufmerksamkeit derzeit gut gebrauchen. Denn durch die Corona-Pandemie sind die großen Protestaktionen derzeit nur begrenzt möglich - und das öffentliche Interesse richtet sich derzeit eher auf Seuchen- als auf Klimaschutz. Diese Herausforderung für die Bewegung wird in "Aufschrei der Jugend" deutlich.

Für Philipp Wenzel bildet die Doku die Realität des Aktivismus gut ab. Es sind Einblicke in die Arbeit von Fridays For Future, die Kathrin Pitterling entlang zahlreicher Aktivistinnen und Aktivisten gesammelt hat. Immer im Spannungsfeld aus medialer Distanz und der Nähe zur Bewegung. Für Pitterling ging es nicht "um illustre Charaktere, sondern ich wollte sehen: Wer sind diese jungen Menschen, die das auf die Beine stellen". Über die Dauer der Dreharbeiten hat die Filmemacherin selbst erlebt, dass ihre Protagonistinnen und Protagonisten distanzierter wurden, da sie schlechte Erfahrungen mit der allgemeinen Berichterstattung gemacht haben.

Pitterling übt ebenso wie die Jugendbewegung Kritik am Umgang der Medien. Sie wünscht sich, dass "man ernster nimmt, was da passiert - dass man sich wirklich damit auseinandersetzt und es nicht abtut."

In der Mediathek sind die beiden Dokumentationen "Ich bin Greta" und "Aufschrei der Jugend" abrufbar.

 

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 18.11.2020 | 23:25 Uhr