Löwenzahn-Ernte in Groß Lüsewitz © NDR Foto: Franziska Drewes

Heimischer Kautschuk aus Löwenzahn

Stand: 20.11.2020 05:01 Uhr

von Franziska Drewes, NDR 1 Radio MV

Unterschiedliche Löwenzahnarten wachsen auf einem Versuchsfeld in Groß Lüsewitz bei Sanitz (Landkreis Rostock). Es ist ein windiger, frischer Tag Ende Oktober. Mit einem Spaten graben Helge Flüß und seine Kollegen die unterschiedlichen Arten aus. Die Pflanzen werden einzeln aufgesammelt und in Kisten sortiert, um sie später den einzelnen Versuchsparzellen zuordnen zu können. "Im Labor bestimmen wir dann die Kautschukgehalte und das Wurzelgewicht, um die einzelnen Ertragsdaten erfassen zu können."

Löwenzahn wird noch zu stark von Unkraut unterdrückt

Flüß leitet das Projekt am Julius-Kühn-Institut für Kulturpflanzen. Er und sein Team erforschen einen Löwenzahn, der am Ende einen möglichst hohen Kautschukgehalt hat. Im Mittelpunkt steht eine russische Art, in deren Wurzeln sich der Rohstoff bereits in guter Qualität befindet. Aber: Der heimische Löwenzahn ist wüchsiger. Er unterdrückt Unkraut besser. Das ist für die Praxis wichtig. Landwirte sollen später den Löwenzahn anbauen. In der Nähe von Anklam wird der russische Löwenzahn bereits im größeren Maßstab angebaut - für den Reifenhersteller Continental. "Es zeigt sich, dass die Landwirte dort große Probleme mit dem Unkraut haben. Sie kommen mit Herbiziden dagegen nicht an, weil es auch keine zugelassenen Herbizide für Löwenzahn gibt. Alles, was die Kultur von selbst unterdrücken kann, ist von Vorteil."

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Optimales Saatgut entwickeln

Aufgabe der Wissenschaftler ist es, die besten Eigenschaften der unterschiedlichen Löwenzahnarten zusammenzubringen. Diese Daten sind Arbeitsgrundlage für Züchter, um ein optimales Saatgut entwickeln und vermehren zu können. Flüß geht davon aus, dass in den nächsten Jahren immer mehr Löwenzahnfelder entstehen werden, auch in Mecklenburg-Vorpommern. Schon jetzt sei erkennbar, dass die Nachfrage nach Naturkautschuk stetig wächst. "2018 hatten wir eine weltweite Nachfrage von etwa 13 Millionen Tonnen. Und bis 2024 gehen Experten davon aus, dass dann schon 24 Millionen Tonnen nachgefragt werden."

Heimischer Löwenzahn für die Rettung des Regenwaldes

Bislang wird der Rohstoff aus dem Kautschukbaum gewonnen. Er wächst auf riesigen Plantagen, vor allem in Südostasien. "Corona hat gezeigt, dass Importe nicht immer gewährleistet werden können", so Flüß. Der Agrarwissenschaftler sieht noch einen anderen Aspekt, der gegen Naturkautschuk aus fernen Ländern spricht. "Für diesen Rohstoff werden große Flächen an Regenwald gerodet, um die Nachfrage zukünftig sichern zu können. Da verlieren wir noch mehr Regenwälder. Und das wollen wir verhindern."

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Löwenzahn als nachwachsender Rohstoff

Das Forschungsprojekt in Groß Lüsewitz bei Sanitz findet große Beachtung. Bereits jetzt gibt es laut Flüß einige Interessenten, die den Löwenzahn anbauen möchten. Vor allem für Landwirte ist es interessant, diesen nachwachsenden Rohstoff anzubauen, um Kautschuk gewinnen zu können - für Autoreifen, Schutzhandschuhe oder Dichtungsringe. Das Forschungsprojekt läuft vorerst noch zweieinhalb Jahre. Bis dahin wollen die Wissenschaftler einen Löwenzahn entwickeln, dessen Kautschukgehalt möglichst hoch ist und der gegen Unkraut anwachsen kann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 20.11.2020 | 12:00 Uhr