Vor einem Bauernhaus steht ein rostiges Schild mit der Aufschrift "100 Prozent Natur".  Foto: Torsten Creutzburg

Fair mit der Natur - das FAIRhaus in Gelting ist klimapositiv

Stand: 19.11.2020 17:44 Uhr

Die ARD-Themenwoche unter dem Motto #WIELEBEN fragt: "Wie wollen wir in Zukunft leben?" Die Corona-Pandemie stellt uns vor große Herausforderungen. Was können wir nachhaltig verändern?

"Klimafreundlich" - dieser Begriff  ist bekannt. Genau so: "klimaneutral" - dieses Ziel haben sich viele Städte und Gemeinden in Schleswig-Holstein gesetzt. Sie wollen genauso viel Energie verbrauchen, wie sie auch selbst produzieren. Das FAIRhaus in Gelting (Kreis Schleswig-Flensburg) geht noch einen Schritt weiter. Das Hotel ist klimapositiv. Chefin Uta Janbeck erklärt, wie das geht: "121 Prozent des Stroms, den wir hier brauchen, erzeugen wir selber, zum Beispiel mit Solaranlagen. Nur in Spitzenzeiten müssen wir etwas bei einem Ökostromanbieter dazu kaufen. Das sind so 2.500 kWh im Jahr."

Eine Frau steht vor der handbeschriebenen Kreidetafel eines Cafés.  Foto: Torsten Creutzburg
Uta Janbeck hat das Haus zusammen mit ihrem Mann vor etwa 17 Jahren gekauft. Bei dem Umbau stand alles unter dem Motto der Nachhaltigkeit.
Abwasser wird "recycelt"

Der Strom ist aber ist nur ein Aspekt der Philosophie des Hauses. Auch das Abwasser, das beim Duschen, Abwaschen, beim Toilettengang und beim Wäschewaschen entsteht, wird "recycelt" und kommt als Toilettenwasser wieder zum Einsatz. Die Feststoffe im Abwasser werden kompostiert und zum Düngen im Garten eingesetzt. Auch darauf ist Uta Janbeck sehr stolz: "Wir haben pro Gast einen Durchschnittsverbrauch von 60 Litern Wasser am Tag. Da wird alles eingerechnet vom Duschen, bis zur Verpflegung und zum Putzen. Vergleichbare Hotels kommen auf 200 bis 300 Liter."

Unverpacktladen direkt am Hof

Das Hotel hat ein eigenes, urig eingerichtetes Café, das sich natürlich auch dem Motto des Klimaschutzes und der Nachhaltigkeit verschrieben hat. 80 bis 90 Prozent der dort angebotenen Speisen und Getränke kommen aus Schleswig-Holstein. Fast alles wird selbst gemacht: Brötchen backen, Aufstriche produzieren. "Wir haben auch angefangen, einen Lose-Laden zu entwickeln", erzählt Uta Janbeck. "Früher haben die Gäste oft angebrochene Lebensmittel auf den Zimmern gelassen. Die mussten wir wegschmeißen, aber das geht mir richtig gegen den Strich. Jetzt können die Gäste bei uns zum Beispiel Eier, Äpfel, Milch und Butter unverpackt einkaufen. Das wird super angenommen. Großen Gewinn machen wir damit nicht."

Nachhaltigkeit liegt Hotelfrau im Blut

Vor etwa 17 Jahren hat Uta Janbeck zusammen mit ihrem Mann den Hof an der Geltinger Bucht gekauft. Ursprünglich stammt sie aus Hessen, hat dann lange in Ahrensburg (Kreis Stormarn) gewohnt, vier Kinder bekommen. Als die Kinder auszogen, formierte sich der Plan: "Wir haben beide in Hamburg gearbeitet, da ist es laut und dreckig. Wir wollten was Ruhigeres und Sauberes." Schon von Kindheit an hatte Uta Janbeck Nachhaltigkeit gelernt: von der Oma, die Knöpfe von alten Kleidungsstücken abschnitt und wiederverwendete oder von der Tante, die Wollpullover wieder auftrennte und etwas Neues daraus strickte. Ihre Eltern waren beide zeitweise in der Gastronomie tätig. Dieser Mix sollte jetzt ihre Zukunft werden. Das kleine Haus in Ahrensburg wurde verkauft, der Hof in Gelting bezogen. Uta Janbeck und ihre Mann fanden eine Bank, die sie bei ihrem Vorhaben unterstützte. "Als Familie mit vier Kindern kann man nicht viel sparen", schmunzelt sie.

Vier Hektar Land mit Wildwuchs

Das FAIRhaus ist ein ganz klassischer Angeliter Dreiseithof, bestehend aus reetdachgedecktem Haupthaus aus dem 19. Jahrhundert und den Stallungen zur rechten und zur linken Seite. Hinter dem Hof befinden sich vier Hektar Land, das mit Brombeerbüschen, Obstbäumen und Birken wild bewachsen ist. Das Hotel besteht heute aus sieben Quartieren. Die sind momentan allerdings Corona-bedingt verwaist. "Es hat viele Nerven gekostet, den Gästen Sachen zu erklären, die wir selbst nicht richtig verstanden haben. Aber wir haben tolle Gäste, die zum Beispiel trotzdem ihre Buchung bezahlt haben, ohne zu wissen, ob sie herkommen können", sagt die Hotelfrau. Für das kommende Jahr sehe die Auslastung bislang aber gut aus. Uta Janbeck befürchtet, dass das Hotel wegen Corona möglicherweise nur zwischen Mai und Oktober geöffnet werden kann. "Bis jetzt habe ich die Preise für die Zimmer nicht angepasst", erzählt sie. Da aber Renovierungsarbeiten anstehen, wird es wohl im kommenden Jahr eine leichte Preiserhöhung geben. Aktuell kostet ein Doppelzimmer in der Nebensaison 65 Euro.

Auf einem Tisch in einem Restaurant liegt eine Stoffservicette, auf die "Janbecks Fairhaus" aufgestickt ist.  Foto: Torsten Creutzburg

AUDIO: ARD-Themenwoche: #WIELEBEN ... und arbeiten (2 Min)

Wann es wieder losgeht mit dem Gästebetrieb, weiß Uta Janbeck nicht. In finanziellen Nöten sei sie aber nicht. Selbstversorger eben. "Wir suchen jetzt neue Ideen. Was machen wir als Betrieb, wo geht's hin? Wie gestalte ich das Leben drumherum?" Im Fokus bei allen Überlegungen liegt dabei wieder und wieder die Nachhaltigkeit. Die Hotelfrau sieht es als ganz persönlichen Sport, immer noch besser zu werden und der Natur noch mehr zurückzugeben. "Unsere Intention ist, hier im Betrieb eine Urenkel-freundliche Welt zu hinterlassen. Ich möchte positiv ansteckend sein, mit dem Bazillus Nachhaltigkeit."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Horst und Mandy am Morgen | 18.11.2020 | 09:10 Uhr