Buchcover: "Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen" © S. Fischer Verlag

Eva von Redecker ruft eine "Revolution für das Leben" aus

Stand: 18.11.2020 16:59 Uhr

In der ARD-Themenwoche #WIELEBEN stellen wir Einzelpersonen und Initiativen vor, die aktive Weltgestaltung betreiben. Auch die Philosophin Eva von Redecker hat sich damit beschäftigt, in ihrem neuen Buch: "Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen".

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Frau von Redecker, diese neuen Protestbewegungen reichen von feministischen Widerständen in Argentinien über antirassistische Proteste wie "Black Lives Matter" oder die Seenotrettung bis hin zu Umweltbewegungen wie "Ende Gelände". Sie machen bei diesen unterschiedlichen Initiativen einen gemeinsamen Kern aus. Welcher ist das? Und was ist das Neuartige an diesen Formen des Aktivismus?

Eva von Redecker: Der gemeinsame Kern ist gewissermaßen der Bezugspunkt: Es gibt eine Mobilisierung um die Kategorie des Lebens - das ist mir erst mal nur beiläufig aufgefallen. Und je mehr ich hinguckte, desto mehr schien sich darin eine Art Kern oder Zusammenhang dieser verschiedenen Bewegungen abzuzeichnen. Das erlaubt durchaus, dass es unterschiedliche Bezüge auf unterschiedliche Bereiche bedrohten Lebens gibt: das Leben Einzelner gegenüber Polizeigewalt oder das Überleben einer ganzen Art im Zuge der industriellen Landwirtschaft oder der Erderwärmung. Das Leben ist ja eigentlich das aller Grundlegendste, worum es zu kämpfen gilt. Das zeigt vielleicht auch, in welcher dramatischen, zugespitzten Lage wir uns derzeit in der Weltgeschichte befinden. Obwohl sich viele Kämpfe über Jahrhunderte so beschreiben lassen, ist es doch neu, dass das Leben direkt in den Mittelpunkt gestellt wird und man nicht über Besitzverhältnisse oder über Bürgerrechte in die Auseinandersetzung einsteigt.

Sie rufen die "Revolution für das Leben" aus. Bei Revolution denkt man gemeinhin an blutige Gemetzel und radikale Umstürze. Ihr Revolutionsbegriff ist aber weniger spektakulär. Was verstehen Sie unter Revolution?

Eva von Redecker © picture alliance/dpa Foto: Horst Galuschka
Eva von Redecker sieht den Revolutionsbegriff als "einen sachten, langgezogenen Prozess".

von Redecker: Das Blutige ist eigentlich immer die Konter-Konterrevolution. Selbst in der Russischen Revolution bei der Erstürmung des Winterpalais gab es wenig Opfer, verglichen mit dem Sterben, was uns derzeit umgibt. Aber es stimmt tatsächlich, dass sich in unserer Erinnerung immer diese bürgerkriegsähnlichen Zuspitzungen einschreiben. Ich bin in meiner Arbeit schon länger davon überzeugt, dass der weitreichende Wandel gar nicht in diesen heißen Gefechtsszenen stattfindet. Denn erstens übt man darin etwas ganz anderes ein als das, was das neue revolutionäre, erwünschte Leben sein könnte, das immer in den Revolutionen als herrschaftsfrei und friedlich gewünscht war. Wenn man kriegerische Mittel einsetzt, um dahin zu gelangen, dann wenden die sich ganz oft gegen das Ziel und man bleibt darin stecken. Deswegen ist es mir wichtig, den Revolutionsbegriff zwar beizubehalten, weil wir kein besseres Wort dafür haben, dass sich alles ändern muss, und trotzdem Revolution eher als einen sachten, langgezogenen Prozess zu denken.

Sie wollen alles verändern und es wird lange dauern - das scheint mir wenig konsensfähig und erfolgversprechend. Gerade Umweltbewegungen wie "Fridays for Future", die in Ihrem Buch unter anderem thematisiert werden, pochen darauf, dass fünf vor zwölf ist und sich jetzt etwas ändern muss. Warum muss es gleich so radikal sein? Warum muss gleich alles umgeworfen werden? Warum können wir nicht innerhalb des Systems etwas reformieren?

von Redecker: Erstens glaube ich, dass die Arbeitsteilung so ist, dass den Konsens andere vorschlagen müssen. In so einem Buch geht es ja nicht darum, die nächste Regierungserklärung vorzubereiten, sondern erst einmal den Bereich des Denkbaren auszuweiten. Ich glaube aber, dass selbst die breite Klimabewegung "Fridays for Future" in dem Wissen agiert, dass derzeit nicht nur an bestimmten Regulierungen etwas geändert werden muss, sondern wir systematisch die Probleme erzeugen, die uns einzuholen drohen, dass der Klimawandel ein Ergebnis einer Wirtschaftsweise ist, die auf Profit gerichtet ist und die systematisch die Natur ausbeutet und mit Abfällen vollschüttet. Wenn das System das Problem ist, dann sind konsensfähige und sehr schnell zu erzielende Reformen trotzdem kein Zuwachs an Geschwindigkeit, denn es bewegt sich dann gewissermaßen gar nichts. Wir haben in letzter Zeit oft gesehen, dass sowohl die Ziele, auf die sich geeinigt wurde, nicht eingehalten wurden, und dass es oft zwar punktuell gelungen ist, irgendeinen Grenzwert zu installieren, gleichzeitig die Probleme aber ausgelagert wurden und anderswo umso zerstörerischer produziert wurde.

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Insofern glaube ich, dass es Augenwischerei wäre, eine Theorie zu haben, die sagt, das sei leicht zu machen. Dass sich alles ändern muss, heißt nicht, dass mit allem Alten klar Schiff gemacht wird, sondern dass viele Bestandteile vielleicht einfach nur einen neuen Ort brauchen oder dass der Gesamtzusammenhang sich ändern muss. Und dass manche Dinge, die schon längst getan werden, in den Mittelpunkt treten müssen: zum Beispiel Sorgearbeit oder pflegerische Tätigkeit. Dass es lange dauert, ist vielleicht weniger bedrückend, wenn man sich vor Augen führt, dass vieles schon angefangen hat.

Welche Rolle kann die Philosophie spielen auf dem Weg in eine "bessere" Welt?

von Redecker: Die Philosophie macht ja etwas ganz Komisches: Sie denkt über Sachen in sehr allgemeinen Begriffen nach. Die Hoffnung in solchen abstrakten Begriffen ist immer, dass man sehr viel Wirklichkeit auf einmal beschreibt oder Namen für etwas findet, was große Reichweite hat. Wenn man in einer Zeit lebt, in der sich ohnehin viel ändert und idealerweise auch einiges neu und radikal anders gestaltet werden muss, dann hilft einem manchmal diese Sortierleistung. Denn wenn man in zu großer Detailschärfe und Konkretion einen Bereich ausleuchtet, dann sieht man nicht das gesamte Bild. Die Philosophie mit ihrer Gewohnheit der Vogelperspektive und der allgemeinen Begriffe kann da gut weiterhelfen.

Manchmal blockieren uns auch die hergebrachten Verständnisse von Begriffen. Zum Beispiel ist der Freiheitsbegriff in letzter Zeit immer mehr geschrumpft zu einem ganz jämmerlichen Willkür-Triumph: "In dem, was mir gehört, kann ich tun und lassen, was ich will." Wenn wir Freiheit so verstehen, verlieren wir vollkommen den Horizont, in dem Freiheit heißen könnte: Wir Menschen gestalten miteinander die Bedingungen, unter denen wir leben. Nicht nur meine eigenen vier Wände oder mein Hab und Gut, sondern wir sind insgesamt frei darin, wie unsere Lebensform gestaltet ist und wie wir uns in die Natur einlassen. Zum Beispiel eine philosophische Diskussion darüber, was Freiheit eigentlich heißt: Besteht sie darin, ob ich mein Gegenüber anhusten kann oder darin, dass wir uns gemeinsam gesund halten können? Das sind Hilfestellungen, die die Philosophie, aber auch der Alltagsverstand und die Fabulierfreude leisten können.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.11.2020 | 18:00 Uhr