Der Schriftzug "Morgen ist die Frage" des Künstlers Rirkrit Tiravanija hängt an der Fassade des Techno Clubs Berghain in Berlin Friedrichshain. © imago images / Bildgehege

ARD Themenwoche #WIE LEBEN: "Kultur ist mehr als Unterhaltung"

Stand: 18.11.2020 11:58 Uhr

Die ARD Themenwoche #WIE LEBEN fragt: Wie wollen wir leben? Drei Kulturschaffende erzählen, was Kultur vermag und wie sie zukünftig gestaltet sein sollte.

von Irene zu Dohna

Tobias Wolff, Intendant der Internationale Händel-Festspiele Göttingen © Internationale Händel-Festspiele Göttingen Foto: Dorothea Heise
Tobias Wolff ist Intendant der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen.

Das kulturelle Leben steht still. Wieder einmal. Vorläufig bleiben Opernhäuser, Kinos, Museen, Literatur- und Schauspielhäuser geschlossen. Bereits im Frühsommer mussten wegen der Corona-Krise die Internationalen Händel-Festspiele in Göttingen abgesagt werden. Ausgerechnet im Jahr des 100-jährigen Festival-Jubiläums. Doch was bleibt, wenn das kulturelle Leben komplett brach liegt, fragt sich Intendant Tobias Wolff: "Dass wir die kleinen Zahnrädchen am Fließband sind, die irgendwie ihr Soll für die Gesundung und den Profit der Wirtschaft leisten? Ich glaube, das ist nicht der Sinn des Lebens."

Kultur schafft Orte der Begegnung

Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen sind Orte der Begegnung. Physisch und intellektuell. Ob unsere Gesellschaft darauf verzichten kann? "Das wird man dann sehen, wenn die Städte ein Tourismus-Problem haben", so Wolff. "Wer will nach Berlin gehen, wenn es da keine Clubs gibt, wenn keine Theater geöffnet sind? Nur wegen der Gastronomie gehe ich doch nicht nach Berlin, das habe ich auch hier auf dem Land. In eine Großstadt gehe ich wegen des tollen Kulturangebots: Museen, Theater, Konzerte, Kabarett, Lesungen, Kleinkunstszene, auch der Zeichner, der auf der Straße sitzt und kleine Portraits malt. Es sind kulturelle Erlebnisse, die den urbanen Raum ausmachen."

Kulturelle Begegnungen prägten auch den ländlichen Raum, meint Tobias Wolff. Für den Zusammenhalt der Dörfer seien der Spielmannszug, das Laien-Theater, die Orgel-Abende immens wichtig.

Inhalte mit gesellschaftlicher Relevanz

Telke Reeck leitet zwei Programmkinos in Göttingen, das Lumière und das Méliès. Der erneute Kultur-Lockdown trifft auch die Kinobranche hart. Die großen Kinoketten müssen ebenso kämpfen wie die kleinen Arthouse Cinemas. Die erneute Schließung mache jedoch eines deutlich, meint Telke Reeck: "Die Menschen merken immer mehr, wie wichtig Kultur ist. Sie bietet Anregung, nicht nur Unterhaltung. Dahinter stecken immer Inhalte, gesellschaftliche Themen. Gerade die Film- und Kino-Initiative, die die beiden Kinos betreibt, macht das eben nicht nur aus kommerziellen Gründen. Wir haben Filmangebote, über deren Inhalte diskutiert wird. Zum Beispiel werden Klimawandel-Filme gezeigt und mit entsprechenden Einrichtungen hier in Göttingen darüber diskutiert."

Weitere Informationen
Eine Weltkugel wird von zwei Händen schützend gehalten © fotolia.com Foto: dp@p

ARD-Themenwoche "Wie wollen wir leben?" im NDR

Die Welt ist in der Krise - wie geht es weiter? Die Beiträge des NDR zur ARD-Themenwoche vom 15. bis 21. November 2020. mehr

Kultur öffnet Visionen, geht über den Alltag hinaus und bietet eine Reflektionsfläche für aktuelle, politische, gesellschaftlich relevante Themen. Hier erhalten wir Impulse, die Horizonte öffnen, uns über den Tellerrand blicken lassen.

Krise als Katalysator für neue Ideen

Anja Johannsen © Andreas Greiner-Napp
Anja Johannsen leitet das Literarische Zentrum Göttingen.

Anja Johannsen leitet das Literarische Zentrum Göttingen. Sie hofft, dass die Kulturbranche aus dieser Krisenzeit für die Zukunft auch etwas mitnehmen kann: "Wir haben gelernt haben aus dieser Zeit gelernt, dass man auch mit Formaten noch viel mehr spielen kann: das Analoge mit dem Digitalen ergänzen, ganz viel draußen machen, in den Stadtraum reingehen. Das haben wir als Literaturhaus Göttingen bisher nicht so gemacht und wollen es auf jeden Fall beibehalten. Die Kreativität wurde durch die Einschränkungen schwer in Gang gesetzt, das kann man nicht leugnen."

Die Kultur braucht stärkere Lobbyarbeit

In Zukunft müsse sich die Kulturbranche besser vernetzen, gemeinsam die Stimme erheben, fügt Tobias Wolff hinzu. Zwar gebe es verschiedene Interessensverbände, doch die seien in der Krise gegenüber der Politik zu höflich aufgetreten: "Das ist tatsächlich ein Problem und ich glaube, dass wir da doch etwas stärker und fordernder auftreten müssen. Andere Lobbyisten tun das auch. Insofern ist das eine Lehre für uns. Wir müssen mehr Lobbyarbeit betreiben, wir müssen mehr Kontakte knüpfen, wir müssen mehr dran bleiben, wir müssen mehr erklären. Für viele sind wir einfach die Schöngeister, die ein bisschen hübsch Kunst machen. Sie sehen nicht, dass wir hinter den Kulissen unglaublich professionelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben."

Vielleicht lehrt uns die Krise auch dies: Wir sollten unser vielfältiges kulturelles Angebot nicht als selbstverständlich betrachten.

Weitere Informationen
Symbolbild zur gesellschaftlich zunehmenden Solidarität © imago images/ Ralph Peters

Steckt unser Zusammenhalt in der Krise?

In Zeiten der Corona-Pandemie wird viel über den Gemeinschaftsgeist und die gesellschaftliche Verantwortung gesprochen. Der Historiker Paul Nolte spricht über Zusammenhalt und Konflikt. mehr

Ein Kind trinkt aus einem Wasserrohr © dpa_volvic

Viva con Agua: Trinkwasser für alle - auch in Pandemie-Zeiten

Das Projekt von Benjamin Adrion setzt sich dafür ein, dass alle Menschen weltweit Zugang zu sauberem Wasser bekommen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.11.2020 | 07:20 Uhr