Ein Setzling steht in einem frisch gepfluegten Acker. Dahinter sieht man einen Traktor. © picture alliance Foto: Rupert Oberhäuser

Zwischen billig und bio - Landwirte in der Zwickmühle

Stand: 07.11.2021 16:00 Uhr

Bauern protestieren gegen niedrige Preise und strenge Auflagen bei Düngemitteln. Verbraucher fordern mehr Klimaschutz und Tierwohl. Ein handfester Konflikt. Wäre er lösbar, wenn wir mehr für unsere Lebensmittel bezahlen würden?

von Ines Bellinger und Isabel Lerch

Jeder Zweite in den norddeutschen Bundesländern würde teurere Lebensmittel in Kauf nehmen, damit Bauern fairer bezahlt werden. Das zeigt eine Recherche des NDR Datenteams für die ARD-Themenwoche "Stadt.Land.Wandel". Je höher die regionale Kaufkraft, so legt es die Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey und der Privatbank Rabobank aus diesem Jahr nahe, desto höher ist auch die Bereitschaft, für gute Nahrungsmittel mehr Geld auszugeben. Während Ökonomen Zweifel hegen, wie weit die Schere zwischen dem Meinungsbild in Umfragen und dem realen Kaufverhalten auseinanderklafft, sehen Bäuerinnen und Bauern solche Ergebnisse als Signal, dass sie den bevorstehenden Strukturwandel in der Landwirtschaft nicht allein schultern müssen.

Landwirte protestieren gegen Sündenbock-Image

Wie es ist, als Sündenbock für eine über Jahre fehlgeleitete Agrarpolitik herhalten zu müssen, hat Steven Hirschberg schon des Öfteren erlebt. Wenn es in der Rostocker Südstadt mal wieder unangenehm riecht, fällt der Verdacht schnell auf die Papendorfer Agrargenossenschaft vor den Toren der Hansestadt, deren Vorstand der 32-Jährige ist. Wenn er und seine Mitarbeiter mit Düngefahrzeugen auf den Getreidefeldern unterwegs sind, ist ihnen von Vorbeifahrenden schon häufiger der "Stinkefinger" gezeigt worden.

"Ist der Bauer ruiniert, wird dein Essen importiert"

Der Konflikt ist noch relativ jung, aber er hat sich in den vergangenen Jahren verschärft. Wenn ein Düngefahrzeug auf dem Acker unterwegs ist, "denken  alle gleich, du tötest die Bienen und verseuchst das Grundwasser. Wie will man denen erklären, dass das richtig ist, was man hier macht", fragt sich Hirschberg. Der Frust darüber, dass vor allem konventionellen Bauern der Schwarze Peter für Versäumnisse im Klima- und Umweltschutz zugeschoben wird, hat Hirschberg und viele Mitstreiter auf die Straßen getrieben. Die Proteste waren groß und laut. Mit einer Treckerkolonne nach Berlin machten im vergangenen Jahr Tausende Landwirte mobil - und ihrem Unmut mit Plakaten Luft: "Ist der Bauer ruiniert, wird dein Essen importiert", war da zu lesen oder: "Sie säen nicht, sie ernten nicht, aber sie wissen alles besser."

Drohnenansicht eines Traktors, der das Land bearbeitet. © Photocase Foto: Ramon Simona Pujado
AUDIO: Landwirtschaft: Viele Forderungen, wenig Anerkennung (4 Min)

Steigende Lebensmittelpreise: Beim Bauern kommt wenig davon an

Ob die Proteste nachhaltig waren, daran hat Hirschberg seine Zweifel. Er weiß auch nicht, ob es etwas gebracht hat, Umweltministerin Svenja Schulze zu empfangen und direkt im Betrieb zu erklären, warum die Papendorfer etwas tun oder lassen. Was er sicher weiß ist, dass sich in der Wertschöpfungskette etwas ändern muss. Aber was genau braucht die Landwirtschaft? Weniger Verordnungen? Mehr Förderung? Eine andere Preispolitik der Discounter? Denn die Preise für Lebensmittel steigen seit Jahren, aber bei den Landwirten kommt immer weniger an.

Konventionelle Landwirtschaft mit möglichst viel Öko

Die Papendorfer Agrargenossenschaft gab es als LPG schon zu DDR-Zeiten - mit sieben Mal mehr Fläche und 129 Mitarbeitenden. Heute betreiben acht Festangestellte auf 1.345 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche hauptsächlich Ackerbau, als zweites Standbein wurden aber auch 150 Mutterkühe angeschafft. Schon vor Jahren hat Hirschberg begonnen, den Betrieb breiter auf- und auf Präzisionslandwirtschaft umzustellen. Mit Feldmaschinen, die alle fünf Hektar Proben nehmen und analysieren, welcher Boden wie viel Dünger braucht.

Steven Hirschberg, Chef der Papendorfer Agrargenossenschaft, schaut nach dem Reifegrad der Gerste. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Bernd Wüstneck
Landwirt Steven Hirschberg baut mit seiner Genossenschaft Getreide für den Export an.

"Wir sind ein konventioneller Betrieb mit maximaler ökologischer Leistung", sagt Hirschberg. Seine Mitarbeiter lassen Feldränder stehen, legen Blühstreifen an, ziehen mehr Zwischenfrüchte als vorgeschrieben. Für ihre Fleischrinder baut die Genossenschaft selbst Pflanzen mit hohem Eiweißanteil an, damit der Betrieb kein Kraftfutter importieren muss. Sie tun das nicht, weil sie jemand dazu zwingen würde, sondern weil sie davon überzeugt sind, dass das der richtige Weg ist.

Hirschberg lässt das Getreide der Genossenschaft für den Export verschiffen, das heißt die Papendorfer sind von den Preisen auf dem Weltmarkt abhängig. "Getreide bringt zwar ein Drittel mehr dieses Jahr, dafür ist der Dünger schon 50 Prozent teurer", erklärt er. Viel lieber als zum Überseehafen würde er sein Getreide allerdings zu einer Mühle fahren. Doch einen nachhaltigen regionalen Kreislauf aufzubauen, wie es viele Konsumenten fordern, ist momentan unmöglich: Im Land gibt es keine Mühle mehr, die so viel Getreide mahlen könnte.

Dass sich zwischen Landwirten und Verbrauchern eine Kluft gebildet hat, liegt laut Hirschberg auch daran, dass heute viele Landwirtschaftsbetriebe gar nicht mehr wahrgenommen werden. "Mit den Supermärkten und den Discountern ging die Entfremdung los", sagt er. "Da wurde die Herstellung der Produkte anonym."

Ökologische Landwirtschaft: "Ureigenes Interesse an Klimaschutz"

In einer Konfrontation mit Verbraucherinnen und Verbrauchern sieht Elisabeth Fresen sich nicht, im Gegenteil. "Ich habe nicht das Gefühl, dass die Gesellschaft gegen mich wäre. Ich habe ein ureigenes Interesse an Klimaschutz und Tierschutz, deswegen bin ich Bäuerin geworden", sagt die Bio-Landwirtin aus dem niedersächsischen Verden. Die gesellschaftliche Entwicklung gebe ihr in dem, was sie tue, sogar Rückenwind.

Die 30-Jährige hat vor knapp zwei Jahren den 170 Hektar großen elterlichen Betrieb im Aller-Urstromtal übernommen, auf dem sie, größtenteils auf Naturschutzflächen, Limousin-Rinder hält, eine als charakterstark geltende französische Rasse mit rötlich-braunem Fell und feinem Fleisch. Billig oder bio hält Fresen in der Diskussion um angemessene Preise für Lebensmittel nicht für die beiden Pole, "weil auch bio nicht immer den Preis bekommt, den es wert ist", sagt sie. Sicher sei sie allerdings, "dass auf den Höfen im Moment viel zu wenig Geld ankommt". Auch bei ihr auf dem Stoffers Hoff, obwohl das Fleisch ihrer Mutterkühe, die das ganze Jahr draußen in den Auen grasen, bereits einen stolzen Preis hat.

Bio-Bäuerin Elisabeth Fresen steht mit ihren Limousin-Rindern auf einer Weide bei Verden in Niedersachsen. © ABL / Reinhold
Engagiert sich in der Zukunftskommission Landwirtschaft: Bio-Bäuerin Elisabeth Fresen aus Verden.

"Wir trennen die Kälber nicht von den Mutterkühen, die Tiere sind ganzjährig auf der Weide. Wir erfüllen viele Ansprüche von Verbraucherinnen und Verbrauchern, arbeiten für den Naturschutz. Aber am Ende arbeiten wir nicht kostendeckend." Weil die Preise auf dem großen Markt schlecht sind, hat sie vor Kurzem auf Direktvermarktung umgestellt. Sie ist überrascht, wie gut der Verkauf im eigenen Hofladen läuft: "Das zeigt mir: Die Leute wollen gutes Fleisch, obwohl sie bei mir viel höhere Preise zahlen als im Lebensmitteleinzelhandel."

Angemessene Bezahlung für klimafreundliche Produktion

Fresen gehört zu einer Generation junger Bauern, die Lebensmittel anders produzieren wollen - artgerecht, ressourcenschonend, klimafreundlich - und die für diesen Dienst an der Gesellschaft auch angemessen bezahlt werden möchten. Seit Jahren engagiert sie sich deshalb in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (ABL), deren Bundesvorsitzende sie ist, und im "Wir haben es satt"-Bündnis, in dem naturnah wirtschaftende Bäuerinnen und Bauern zusammen mit Vertretern der Zivilgesellschaft gegen eine Agrarpolitik demonstrieren, die das Höfesterben forciert. Die zentralen Forderungen: Schluss mit Subventionen, die Masse statt Klasse fördern, faire Preise, mehr Unterstützung für Landwirte, deren Leitplanken Tierwohl, Umweltschutz, klimaschonender Ackerbau oder soziale Landwirtschaft heißen.

Im vergangenen Jahr wurde Fresen von der Bundesregierung in die Zukunftskommission Landwirtschaft berufen, in der sich Vertreter aus Agrar-, Umwelt-, Tierschutz- und Wirtschaftsverbänden mit Verbraucherschützern auf Eckpunkte und Maßnahmen für eine zukunftsfähige, nachhaltige Landwirtschaft einigen konnten. Bislang ist das 160 Seiten umfassende Papier nur eine Empfehlung, Fresen und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter arbeiten daran, dass es im Koalitionsvertrag verankert und in Gesetze gegossen wird.

Wer glaubt, dass Bäuerinnen und Bauern auf hohem Niveau klagen, liegt falsch. Daten des Thünen-Instituts aus den vergangenen drei Jahrzehnten belegen, dass dort, wo Nahrungsmittel produziert werden, immer weniger von dem ankommt, was im Laden dafür bezahlt wird. Und das obwohl Lebensmittelpreise in Deutschland seit Jahren steigen und der Umsatz der Discounter stetig wächst. Das Statistische Bundesamt verzeichnete im September 2021 im Vergleich zum Vorjahresmonat bei Nahrungsmitteln eine Preissteigerung von 4,8 Prozent, bei Gemüse sogar 9,2 Prozent.

Ökonomin Margarian: Externe Kosten einpreisen

Dr. Anne Margarian, Agrarökonomin vom Thünen-Institut in Braunschweig © privat-
Agrarökonomin Anne Margarian sagt, Umwelt- und Klimakosten müssten bei Lebensmitteln eingepreist werden.

Mit Fragen wie "Was sind faire Preise für Landwirte?" kann die Agrarökonomin Anne Margarian vom Thünen-Institut für Marktanalyse in Braunschweig wenig anfangen. "Wenn wir einen funktionierenden Wettbewerb haben, drücken die Preise das aus, was an Kosten hinter der Produktion steht. Das ist die Grundannahme", sagt die Expertin. Aber manchmal sind Produkte doch zu billig, weil bestimmte Ressourcen, die zur Herstellung genutzt werden, nichts kosten. Externe Effekte, nennen Ökonomen das, und sie spielen in der Landwirtschaft in Form von Umwelt- und Klimakosten eine erhebliche Rolle. "Diese Kosten müssten bei den Nahrungsmitteln eingepreist werden“, sagt Margarian. "Das würde sich dann quasi automatisch in höheren Preisen niederschlagen."

Dass vom Preis für das Endprodukt immer weniger bei den Erzeugern bleibt, liege daran, dass in den Lebensmittelpreisen heute viel mehr Anteile aus Transport, Verpackung und Weiterverarbeitung stecken, als das noch vor 20 oder 30 Jahren der Fall war. Auch diese Faktoren tragen zu den steigenden Lebensmittelpreisen bei. Und doch scheinen Nahrungsmittel noch viel zu billig zu sein.

Lebensmittelverschwendung in Deutschland: Zwölf Millionen Tonnen pro Jahr im Müll

Rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jedes Jahr weggeworfen. Nach einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft stammen 52 Prozent dieser Abfälle aus privaten Haushalten, im bundesweiten Durchschnitt häuft jeder daheim pro Jahr etwa 75 Kilogramm Essensabfälle an.

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Als Gründe für die Verschwendung nennt das Ministerium eine mangelnde Wertschätzung für Nahrungsmittel - sie sind ständig verfügbar und kosten vergleichsweise wenig. Oder, wie Steven Hirschberg es ausdrücken würde: "Die Leute sind satt. Und wenn ich satt bin, kümmere ich mich um andere Dinge. Aber in dem Wort Landwirtschaft steckt auch Wirtschaft, nicht nur Land."

Umbau braucht den Willen zur Veränderung - auf allen Seiten

Auch Elisabeth Fresen will den Umbau der Landwirtschaft als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden wissen, die auf allen Seiten vor allem den Willen zur Veränderung voraussetzt. Menschen müssten künftig mehr Geld ausgeben für Lebensmittel, gerade für Lebensmittel wie Fleisch, die der Umwelt viel abverlangen. "Aber auch wir Bäuerinnen und Bauern müssen uns bewegen. Und vor allem die Agrarpolitik muss sich verändern." Die Kosten für diese Transformation haben sie und ihre Mitstreiter in der Zukunftskommission Landwirtschaft mit rund sieben bis elf Milliarden Euro pro Jahr veranschlagt. "Würden wir nichts tun, würde es um das Zehnfache teurer, eines Tages die Folgen der Umweltschäden und des Klimawandels auszugleichen", sagt Fresen. "Dann würden auch Lebensmittel unbezahlbar."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 07.11.2021 | 16:00 Uhr

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