Blick auf ein Dorf © picture alliance | Manfred Dietsch Foto: Manfred Dietsch

Wie leben Muslime auf dem Land?

Stand: 12.11.2021 10:52 Uhr

Die ARD-Themenwoche 2021 steht unter dem Motto "Stadt.Land.Wandel". Helgard Füchsel hat bei Muslimen auf dem Land nachgefragt, wie sie ihr religiöses Leben gestalten.

von Helgard Füchsel

Zeynep Kelhüseyin, 20 Jahre alt, mag Rap des Österreichers RAF Camora und trägt die langen Haare locker mit einem schwarzen Bandana zusammengebunden. Sie ist eine von wenigen Muslimen im Dorf Jeddeloh II, 15 Kilometer von Oldenburg. "Das türkische, das islamische Leben habe ich zu Hause beigebracht bekommen", sagt Zeynep Kelhüseyin. "Von meinen Eltern und von meinen Großeltern, weil ich meistens mit meinen Großeltern aufgewachsen bin."

"Stadt ist offener - und Dorf eher verschlossener"

Das Dorfleben ist nicht ihr Ding. Jeddeloh II - das sind ein paar Wohnhäuser links und rechts vom Küstenkanal, zwei große Sportplätze, etwa 1.300 Einwohner, drum herum Wiesen. Gerade die Jugend trinkt hier viel Alkohol, sagt die junge Frau. Wer nicht mittrinkt, werde auch nicht anerkannt: "Ich wurde tatsächlich auch ausgelacht. Ich kann mich an eine Situation in der achten Klasse oder so erinnern: Wie wollten eine kleine Feier machen. Die anderen haben alle getrunken und wir haben auch gegrillt. Ich konnte weder mitessen, noch mittrinken, also habe ich mir selber was mitgebracht und wurde dann ausgelacht, warum ich das denn mitgebracht hätte und warum ich keinen Alkohol trinken würde."

Weitere Informationen
Ein altes Klettergerüst im Grünen. © Photocase Foto: hketch

ARD-Themenwoche 2021 "Stadt.Land.Wandel" im NDR

Wie können wir das Leben in Stadt und Land attraktiv gestalten? Die ARD-Themenwoche vom 7. bis 13. November 2021 im NDR. mehr

Von der Realschule auf dem Land wechselte sie zur berufsbildenden Schule nach Oldenburg - mit dem Auto eine kurze Fahrt. Sie fand neue Freunde, echte Freunde, sagt sie, denn wenn sie zusammen feiern gehen, ist es egal, dass sie keinen Alkohol trinkt. Außerdem seien ihre städtischen Freunde neugieriger und wollten auch etwas über den Islam erfahren: "Die haben sich dafür interessiert und mich auch weiter gefragt. Das hätten die Leute, die ich auf dem Land kennengelernt habe, nicht gemacht. Stadt ist offener - und Dorf eher verschlossener. Man akzeptiert nicht so viel, was anders ist, habe ich das Gefühl gehabt."

"Ich habe mich relativ wohl gefühlt auf dem Lande"

Vater Satilmis Kelhüseyin sieht das völlig anders. Der 48-Jährige wohnt seit der frühen Kindheit in Jeddeloh II. Als Sechsjähriger fühlte er sich einsam, als einziger Muslim in der Klasse. Aber später war er froh, auf dem Land zu leben: "Diese Ausländerfeindlichkeit, die in den Großstädten damals schon herrschte, habe ich gar nicht so richtig mitgekriegt. Ich habe mich relativ wohl gefühlt auf dem Lande. Wenn ich jetzt nach Oldenburg oder Bremen ziehen müsste - nein!"

Der Elektriker mit dem gepflegten Fünftagebart liebt türkische Arabesque-Musik und beeindruckt seine Mitmenschen auch gern mit ein paar Brocken Plattdeutsch. Seine Eltern konnten sich früher kaum mit den Nachbarn unterhalten. Sie kamen Anfang der 1970er-Jahre als Gastarbeiter nach Jeddeloh II. Der Weg zur Moschee nach Oldenburg war umständlich, ohne Auto und mit schlechter Busverbindung. "Meine Eltern mussten zusehen, dass die uns zur Moschee bekommen und und wir ein- oder zweimal die Woche Koranunterricht bekommen und die Suren, die Verse, die Grundkenntnisse erwerben, die man als Muslim braucht. Das war alles gar nicht so einfach damals." Zum Glück zogen damals Muslime in das Nachbardorf, sagt er. Ein Islamlehrer unterrichtete ihn und seine Geschwister dort.

Gespräche können Barrikaden abbauen

Weitere Informationen
Besucher der DITIB-Moschee in Duisburg-Marxloh besichtigen den Gebetsraum während einer Führung. © picture alliance/dpa Foto: Roland Weihrauch

Tag der Offenen Moschee: "Dauerhaft im Dialog bleiben"

In diesem Jahr stand der Tag der Offenen Moschee unter dem Motto "25 Jahre TOM - Moscheen gestern und heute". mehr

Heutzutage sind Informationen über den Islam durch das Internet überall verfügbar. Eine zweischneidige Geschichte, sagt Tuncay Dincer, der Koordinator der elf Ditib-Moscheen im Nordwesten: "Wenn man es nicht schafft, in der Moschee dem Imam seine Fragen zu stellen, kann man Vieles über das Internet herunterladen." Aber im Internet kursierten auch zu viele Falschinformationen über den Islam. Tuncay Dincer bevorzugt deshalb das persönliche Gespräch. Und da sieht er große Unterschiede zwischen Stadt und Land.

Jedes Jahr am 3. Oktober, dem bundesweiten Tag der Offenen Moschee, wird die Moschee in Oldenburg gut besucht. Auf dem Land, in Garrel oder in Bad Zwischenahn beispielsweise, komme kaum jemand: "Die Menschen, die da leben, kommen nicht auf uns zu. Aber wenn jemand Interesse hat, erzählen wir über unser Leben im Islam. Viele Barrikaden können wir damit abbauen." Barrikaden abbauen - das wünschen sich alle Drei, denn schließlich sind sie im Nordwesten zu Hause.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 12.11.2021 | 15:20 Uhr

Logo ARD-Themenwoche "Stadt.Land.Wandel" © ARD Design und Präsentation

ARD-Themenwoche 2021: Stadt.Land.Wandel

Wie müssen sich die Lebensräume Stadt und Land wandeln, um attraktiv zu bleiben? Das Online-Angebot zur ARD-Themenwoche. extern

Ein altes Klettergerüst im Grünen. © Photocase Foto: hketch

ARD-Themenwoche 2021 "Stadt.Land.Wandel" im NDR

Wie können wir das Leben in Stadt und Land attraktiv gestalten? Die ARD-Themenwoche vom 7. bis 13. November 2021 im NDR. mehr