Ein Stadtteil von Paris © picture alliance / Zoonar | Givaga

Stadt, Land, Kompromiss - Wie das urbane Leben dem Klima nützt

Stand: 12.11.2021 17:39 Uhr

Der Klimaökonom Gernot Wagner macht in seinem Essay eine überraschende Perspektive auf: Schlau eingerichtetes urbanes Leben kann wie ein Landleben, das den Namen verdient, eine Menge dazu beitragen, die Erde zu retten.

von Gernot Wagner

Da ist einerseits die Stadt, der Ort, geprägt von Vielfalt, von Abwechslung, vom täglichen Geschehen. Aber es geht natürlich nicht nur um den Ort, die Ansammlung dicht bebauter Parzellen, das Wohnen im Hochhaus. Es geht vielmehr um die Idee Stadt, um die Einstellung.

Stadtmenschen gibt es überall. Stadt daher auch. Stadt ist etwa, wenn sowohl der Barista in meinem Lieblingscafé als auch der freundliche Obdachlose, der oft vor der Tür anzutreffen ist, meinen Namen kennt, und wenn ich ebenso weiß, dass der Obdachlose seinen großen schwarzen Kaffee am liebsten mit zwei Löffeln Zucker nimmt.

Ohne Stadt kein Land

Stadt ist gelebte Spontaneität, vollkommene Gelassenheit. Stadt ist, am Samstag mein Mobiltelefon zu Hause zu lassen, mit zwei Kindern und ihren Scootern noch vor dem Frühstück in eine Richtung loszumarschieren und erst nach dem Abendessen wieder nach Hause zu kommen.

Stadt ist, am Samstagabend spontan der zweiten Hälfte eines Symphoniekonzertes zu lauschen - und zwar kostenlos, weil mir ein Pärchen, das schon während der Pause nach Hause ging, etwas amüsiert die Karten übergab: "Viel Spaß!"

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Stadt ist gelebte, kompromisslose Effizienz. Stadt ist, einen ganzen Monat lang im 15-Minuten-Radius zu arbeiten und zu leben, ohne sich währenddessen jemals bewusst in seiner Mobilität eingeschränkt zu haben. Stadt ist, vom Allerwichtigsten jeweils nur ein Stück zu besitzen - und manchmal auch noch weniger. Wer braucht schließlich eine eigene Waschmaschine, wenn die Wäscherei 90 Gehsekunden von zu Hause entfernt ist und das Waschen, Trocknen und Falten viel besser - effizienter - beherrscht, als meine Frau und ich es jemals könnten.

Es ist genau diese Effizienz, die Stadt so lebenswert - und so klimafreundlich - macht: mehr Lebensfreude, mehr Wohlergehen mit weniger Input, halb so viele CO2-Emissionen wie im Einfamilienhaus am Stadtrand. Stadt bedeutet vor allem, weniger Platz in Anspruch zu nehmen. Klar, wer kann sich schon mehr als die 70 Quadratmeter leisten? Nicht die Stadtmenschen, nicht in der Stadt. Und das ist gut so. Schließlich ist es die Stadt, die genau das Gegenteil erst möglich macht. Ohne Stadt kein Land.

Ohne Land keine Stadt

Land - wirkliches Land - ist Ruhe. Land ist der Sehnsuchtsort. Land ist Poesie, Meditation, das Rauschen der Blätter, das Plätschern des Baches. Land ist vollkommene Stille, Vielfalt, Leere. Land ist, ein gutes Buch zu lesen - oder auch gar kein Buch. Keine Nachrichten, keine Sorgen. Land ist das Glas Wein, die Musik, die Tradition.

Land ist, am letzten Schul- und Arbeitstag das Handy und alle anderen elektronischen Geräte in der Wohnung zurückzulassen und ab nun einfach die Tage zu zählen, vielleicht mithilfe eines Blattes Papier und eines Bleistifts, um sicherzugehen, dass man am letzten Ferientag wieder in die Stadt zurückkehren wird. Land ist Ausgleich, Balance, Ressource und Erholungsort, Energiequelle für Mensch und Natur. Ohne Land keine Stadt.

Das Leben zwischen Stadt und Land

Land ist übrigens tatsächlich: Land. Natur. Wald, Wiesen. Wirkliches Land eben. Land heißt, auf dem Land vom Land zu leben. Land ist aber nicht der Vorort, die Vorstadt, die drei mal sechs Parzellen große Ansammlung von Einfamilienhäusern, fast egal, wo sie liegen mag. Das ist der Kompromiss, das Dazwischen - zwischen Stadt und Land. Nah genug am Geschehen, aber doch im eigenen Einfamilienhaus wohnen. Nicht ganz Stadt, nicht ganz so teuer, aber immer noch nah genug für die monatliche Fahrt ins Kino oder vielleicht ins Kabarett oder Theater. Kultur gehört nun mal dazu - Hochkultur für die, die es sich leisten können und wollen. Das London Symphony Orchestra kommt schließlich nur einmal im Jahr vorbei, und ein bisschen Vivaldi hat noch niemandem geschadet.

Hohe CO2-Emissionen im Umland

Aber der Abend in der Stadt wird Wochen im Vorhinein geplant. Schließlich ist es nicht ums Eck, wenn man im Speckgürtel festsitzt. Ans Auto gebunden ist man auch, einschließlich der CO2-Emissionen, die mit einem großen Haus und einem großen Auto - oder zweien - so einhergehen.

Tatsächlich sind die CO2-Emissionen im Umland doppelt so hoch wie in der Stadt. Sie sind auch in etwa doppelt so hoch wie auf dem wirklichen Land. Der Wohnkompromiss im Dazwischen macht auch das Klima zum Kompromiss, und die Natur ohnehin. Wirklich "grün" ist hier nur der Rasen. Und das auch nur farblich.

Klar, ganz ohne diese Einfamilienhäuser am Stadtrand scheint keine Stadt auszukommen. Aber: Das Umland hat tatsächlich seine ganz eigenen Probleme.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 13.11.2021 | 13:05 Uhr

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