Buchcover: Das Zeitalter der Städte - Die entscheidende Kraft im Anthropozän © Hirzel Verlag

"Städte werden in der Zukunft eine sehr positive Rolle spielen"

Stand: 11.11.2021 17:17 Uhr

Das gerade erschienene "Jahrbuch Ökologie 2021/22" thematisiert "Das Zeitalter der Städte" und beschreibt sie im Untertitel als "entscheidende Kraft im Anthropozän". Einer der Herausgeber ist der Kinder- und Jugendbuchautor Jörg Sommer.

Buchcover: Das Zeitalter der Städte - Die entscheidende Kraft im Anthropozän © Hirzel Verlag
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Herr Sommer, "Anthropozän" meint das Zeitalter, das in erster Linie vom Menschen prägend mitgestaltet wird hier auf Erden. Welche Rolle spielt da die Stadt?

Jörg Sommer: Er ist im Grunde der Inbegriff des Anthropozäns. Wenn wir von den Prognosen ausgehen, werden wir 2050 knapp zehn Milliarden Menschen auf der Welt sein. Und dann werden mehr als zwei Drittel davon in Städten leben, und Städte werden für den größten Teil des CO2-Ausstoßes verantwortlich sein, sowohl jetzt als auch in Zukunft. Und daran sehen wir, dass der Kristallisationspunkt der großen ökologischen Fragen, aber auch der gesellschaftlichen Fragen, die Stadt sein wird.

Im "Jahrbuch Ökologie" ist von der "Stadt als Triebkraft des globalen Umbaus" die Rede. Was ist das für ein Umbau? Nur ein rein negativer?

Sommer: Nein, das muss nicht negativ sein, es darf nicht negativ sein. Der Umbau ist ja eine Transformation hin zur Nachhaltigkeit, zu klimakompatiblem Verhalten, zu kinderkompatiblem Leben. Und da sind die Städte sehr wichtig - nicht nur, weil da die meisten Menschen sind und der meiste CO2-Ausstoß, sondern weil dort auch politisch verhandelt wird, wie die Zukunft aussieht. Die Stadt ist der Kristallisationspunkt gesellschaftlichen Wandels - nicht nur jetzt, sondern eigentlich schon, seit es Städte gibt.

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Städte haben auch den Vorteil, dass sie eine gewisse Konzentration darstellen: Menschen leben auf engstem Raum miteinander, übereinander, nebeneinander - da sind sehr kurze Wege möglich. Das ist doch im ökologischen Sinne, im Sinne von einer geringen Mobilität doch sehr positiv, oder?

Sommer: Im Grunde ist das tatsächlich ein möglicher Ansatz, wobei wir ein Stück weit einschränken müssen. Wenn wir von diesen hohen Zahlen der Menschen in den Städten sprechen, dann ist es so, dass es auch innerhalb der Städte die Konzentration gibt. Die weltweit größte Stadt ist Tokio mit fast 37 Millionen Einwohnern und einer unglaublichen Fläche. Sie brauchen dort Stunden von einem Ende zum anderen - egal ob mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit Privatverkehr. Städte sind aber deshalb interessant, weil sie so organisiert sind, dass man in den allermeisten großen Städten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schneller unterwegs ist als mit privaten. Und da sind wir schon bei der zentralen Herausforderung: Die Mobilität in der Stadt ist auch hoch, und die Frage ist, welche Mobilitätsmittel wir dort verwenden. Es wird sehr deutlich, dass der Pkw, egal ob Diesel oder elektrisch angetrieben, nicht wirklich die Perspektive der Mobilität in Städten darstellt.

Dem Jahrbuch entnehme ich auch, dass Städte den Klimawandel einerseits am meisten befördern, dass sie aber auch unter dem Klimawandel am meisten leiden. Inwiefern?

Sommer: Das hängt sehr stark damit zusammen, dass Städte in sich nicht homogen sind. Wenn wir von Städten sprechen, hat jeder ein anderes Bild vor Augen. Wir in den westlichen Industriestädten denken an relativ komfortable Situationen. Aber global gesehen wohnt die Mehrheit der Stadtbewohner in Slums an den Stadträndern. Das sind ganz andere Situationen, und das bedeutet auch ganz andere Herausforderungen, auch, was wirkliche Lebensqualität angeht. Diese Slumbewohner sind auch ein ganz großes Potenzial für Konflikte innerhalb der Städte. Und das sind auch Menschen, die momentan ganz andere Sorgen haben, als sich klimaschonend zu verhalten. Da geht es ums Essen, um die Sicherheit, um Bildung für die Kinder, um Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen. Das sind die Probleme, die die meisten Stadtbewohner weltweit umtreiben.

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In Glasgow tagt derzeit die Weltklimakonferenz. Welches Signal würden Sie sich von dort in Richtung der Städte versprechen?

Sommer: Die Weltklimakonferenzen sind schon seit längerer Zeit auch davon geprägt, dass Städte als Treiber des Wandels dort eine zunehmend größere Rolle spielen. Wir denken ja bei Weltklimakonferenzen immer an die nationalen Vertreter. Es gibt aber schon lange eine globale Initiative von Städten für Nachhaltigkeit, auch in Deutschland. Es gehen schon sehr viele Initiativen von den Städten aus, und das ist das richtige Zeichen, weil Städte viel näher am Leben der einzelnen Menschen dran sind als Nationen. Da ist sehr viel Möglichkeit für zivilgesellschaftliches Agieren vorhanden, sehr viel mehr unmittelbare Demokratie. Deshalb sind Städte in vielerlei Hinsicht einer der Faktoren, wo auch ich als Ökologe sehr zuversichtlich bin, dass sie in der Zukunft eine sehr positive Rolle spielen können und müssen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.11.2021 | 18:00 Uhr

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